Von Rahel Koerfgen

Draussen zieht der Herbst vorbei. Es ist ein Herbst, der mit aller Kraft versucht, ein Sommer zu sein. Im hintersten Zipfel des Baselbiets leuchtet die Natur: Die Obstbäume rote Tupfer auf grünen Wiesen, dahinter marmorierte Wälder und darüber der tiefblaue Himmel. Es ist warm im Auto. Rolf Bantle dreht die Scheibe runter und kneift die Augen zu. Die Sonne blendet ihn. «Wenn Engel reisen, lacht der Himmel. So sagt man doch, nicht?» Für Bantle ist die Autofahrt nach Läufelfingen viel mehr als nur ein Ausflug. Es ist eine Reise in die Vergangenheit.

Bantle kehrt zum ersten Mal seit elf Jahren dahin zurück, wo er lange Zeit gelebt hat, bevor er sich im August 2004 während eines Auswärtsspiels des FC Basel im San-Siro-Stadion verirrte und danach auf Mailands Strassen lebte: in das Wohn- und Werkheim Dietisberg bei Läufelfingen. Nein, er sei nicht nervös, tönt es vom Beifahrersitz. Aber er sei gestern noch zum Coiffeur gegangen, damit er einen anständigen Eindruck mache. «Gespannt bin ich schon, was sich getan hat da oben. Und es ist mal etwas anderes.» Der 71-Jährige legt die Hände in den Schoss, blickt aufmerksam auf die Strasse und sieht das Ortsschild «Läufelfingen». «Hier hat sich nicht viel verändert», kommentiert er nach ein paar Metern, und hebt die Hand: «Beim Wirtshaus Warteck müssen Sie rechts abbiegen und den Bahnübergang überqueren.» Er kennt sich aus. Wenn er am Wochenende Ausgang hatte, trieb er sich oft hier rum. Nur an den Wochenenden, so die Heim-Regel, durfte er Alkohol trinken.

Langsam schiebt sich das Auto die steile Strasse hinauf. Dietisberg liegt auf einem Hochplateau zwischen dem Diegter- und Homburgertal, umgeben von Wald und Kirschbaumkulturen, fernab von allem und jedem. Hier führt die Familie Thomet das Wohn- und Werkheim für rund neunzig Männer, die aus dem sozialen Gefüge gefallen sind. Meist Alkoholiker, so wie Bantle einst einer war.

Heute ist Rolf Bantle so gut wie trocken. Das ganze Land kennt seine Geschichte, nachdem die «Schweiz am Sonntag» vergangene Woche darüber berichtet hat. «Früher war ich nur im Homburgertal ziemlich bekannt», sagt Bantle. Der Rummel um seine Person habe ihn überrascht. «Ein paar Interviews habe ich gegeben, jetzt reichts. Das war ein ziemlicher Stress», meint er. Die Strasse wird immer enger. Auf der Höhe angekommen, erscheinen vorne die ersten Häuser des Heims, und, je näher der Wagen rollt, ein grosser Hof, Gemüse- und Blumengärten. In der Mitte ein Platz mit schöner Laube. Der Wagen hält, Bantle streckt seine langen, dünnen Beine aus dem Auto und steigt aus. Den Rollator hat er im Altersheim gelassen; er sei wieder ganz gut zu Fuss.

Heimleiter Andreas Thomet wartet vor dem Verwaltungshaus. Kommt Bantle entgegen, schüttelt ihm die Hand. Er hat den ehemaligen Bewohner bereits im Altersheim besucht. Für alle anderen auf dem Dietisberg ist es ein Jahrzehnt her, seit sie Bantle das letzte Mal gesehen haben. Etwa für Thomets Frau: «Meine Güte Rolf, was machst du nur für Sachen. Wir haben uns Sorgen gemacht!» Bantle blickt peinlich berührt zu Boden. Er hat keine Zeit, zu antworten – sein langjähriger Betreuer Christoph Salzmann umarmt ihn, die ersten Bewohner kommen und rufen: «Jä nei, dr Bantle Rolf! Bist du endlich zurück aus deinen Italien-Ferien!» Sie lachen. Ein bisschen scheu, auch ungläubig. Böse Blicke gibt es keine. Auch nicht von Salzmann: «Ich bin einfach nur froh, dass er noch lebt und es ihm gut geht.»

Für Salzmann brach eine Welt zusammen, als sein Schützling verschwand. «Die Reise nach Mailand an das Auswärtsspiel des FC Basel war sein grosser Wunsch. Und er hatte es sich verdient, weil er sich lange Zeit an die Regeln gehalten hat, mit diesem Ziel vor Augen.» Salzmann hält inne, Tränen schiessen in seine Augen. Er räuspert sich. Bantle sei ohne ihn nach Italien gefahren. «Wir haben ihm vertraut.» Als Eptinger-Reisen, der Organisator, meldete, Bantle sei verschwunden, «machte ich mir grosse Vorwürfe», sagt Salzmann. Und nicht nur er. Der Fahrer, der die Gruppe per Car nach Mailand gebracht hatte, rief über Jahre regelmässig im Heim an und erkundigte sich, ob der Ausreisser aufgetaucht sei. Thomet sagt dazu: «Auch wenn das Bantle nicht gedacht hat: Er wurde hier vermisst.» Einmal reiste Salzmann selbst nach Mailand, um nach ihm zu suchen.

Auch nach der Verschollenerklärung gaben Thomet und Salzmann die Hoffnung nicht auf. «Ich war überzeugt davon, dass er noch lebt. Wir haben gehofft, dass sich Leute um ihn kümmern», sagt Thomet. Der Heimleiter wehrt sich gegen den Vorwurf der Medien, Bantle habe sich auf dem Dietisberg nicht wohlgefühlt und lieber auf der Strasse gelebt. «Er hat 26 Jahre hier verbracht, und meistens ging es gut. Gäll Rolf», sagt Thomet und klopft Bantle auf die knochige Schulter.

Bantle, erzählt Thomet weiter, habe die Alkoholsucht immer wieder im Griff gehabt. Mit Thomets Söhnen habe er dann zum Beispiel gerne Fussball gespielt, «er war richtig gut». Aber irgendwann holte die Sucht Bantle ein. Andreas Thomet sagt: «Er liess sich am Wochenende in Läufelfingen, Buckten oder Rümlingen volllaufen. Am nächsten Morgen las ihn dann ein Dorfbewohner auf.» Bantle habe sich nach solchen Abstürzen jeweils wahnsinnig geschämt und gesagt, er habe das Gefühl, einmal mehr versagt zu haben.

Thomet glaubt, dass in Mailand Ähnliches passiert ist. Dass Bantle die plötzliche Freiheit genutzt habe, seiner Sucht nicht nur am Wochenende, sondern jeden Tag zu frönen, und sich danach derart geschämt habe, dass er sich nicht bei der Polizei gemeldet habe. Darauf angesprochen, zuckt Bantle mit den Schultern und sagt in der für ihn typischen Einsilbigkeit: «Ja, kann sein.»

Es ist zwölf Uhr, die Novembersonne brennt auf den Dietisberg, Bantle steigt einen steilen Weg hoch und kommt im Stöckli an, jenem Heimbereich, wo die Pensionäre wohnen. Bantles alte Kumpel. Zum Beispiel Kurt, braun gebrannt, mit freundlichen kleinen Augen. Er sitzt in der Sonne und ruft schon von weitem: «Rolf, hast du den Dietisberg endlich wieder gefunden!» Bantle lacht, setzt sich zu ihm auf eine Holzbank, bietet ihm eine Zigarette an. Kurt fragt, ob er nie daran gedacht habe, zurückzukehren. «Doch. Aber in Mailand waren die Leute ja auch nett zu mir.»

Auf dem Vorplatz des Stöckli riecht es nach Essen. Mittagszeit. «Es gibt Schinkli mit Sauerkraut. Komm, Rolf», sagt Viktor im blau karierten Hemd. Er wohnt bereits seit 40 Jahren auf dem Dietisberg. Die Herren sollen unter sich sein, beschliesst Andreas Thomet: «Sie haben sich sicher einiges zu erzählen.»

Eine Stunde später sitzt Rolf Bantle im Raucherstübli und trinkt Bier – «alkoholfreies», betont er. «Alkohol ist hier verboten, das ist auch nach elf Jahren immer noch so.» Ja, mit den alten Kollegen sei es «schön» gewesen. «Ich komme bald wieder.» Bantle erhebt sich vorsichtig, die Hüfte schmerzt. Er sagt, dass er langsam nach Hause wolle, ins Alterszentrum zum Lamm in Basel. Bevor er ins Auto steigt, herzt ihn eine Heimmitarbeiterin nochmals. «Jetzt machst du aber keinen Seich mehr Rolf, gäll! Nicht, dass du wieder davonläufst.» Bantle winkt ab: «Nein, nein. Und wenn doch, schicke ich euch eine Postkarte.»

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