Als der Schweizer Arzt Heinrich Herzog an einem Morgen im August 1988 ein Flugzeug nach Südafrika bestieg, wusste er, dass er sich auf eine heikle Mission begab. Nelson Mandela, der damals 70-jährige Führer der schwarzen Widerstandsbewegung, war nach 26 Jahren Gefängnishaft plötzlich schwer an Tuberkulose erkrankt.

Weltweit beobachtete man den Zustand Mandelas mit Sorge. Die Regierung des Apartheidstaats reagierte, indem sie Mandela von seiner Gefängniszelle in ein Spital in Kapstadt verlegte. Trotzdem fürchteten seine Anhänger, Mandela werde nur unzureichend behandelt.

Die Regierung beschloss, einen neutralen Zeugen beizuziehen. Ihre Wahl fiel auf Heinrich Herzog, der sich international einen Ruf als führender Lungenspezialist erarbeitet hatte. In der Schweiz hatte er die pneumologische Abteilung des Kantonsspitals in Basel aufgebaut. Regelmässig war er an Symposien in der ganzen Welt unterwegs, auch in Südafrika. Nun sollte Herzog bezeugen, dass Mandela eine angemessene medizinische Behandlung erhalte. «Ich willigte sofort ein», sagt Herzog heute.

Der 93-Jährige erinnert sich noch gut an seinen berühmtesten Patienten – und an die denkwürdigen Umstände seiner Visite. Nach einem langen Flug wurde Herzog in Johannesburg von Beamten der Regierung empfangen, die mit ihm nach Kapstadt weiterflogen.

Mandela lag im dortigen Tygerberg-Spital, in einem für Schwarze bestimmten Flügel der Klinik. Als Herzog das Zimmer betrat, erschrak er: «Um Mandela stand eine Gruppe von 10 bis 15 bewaffneten Polizisten, die ihn bewachten», sagt er. «Es war ein ziemlich seltsamer Anblick.»

Herzog war darauf vorbereitet, dass sich Mandela in einem schlechten Zustand befand. Doch: «Man sah ihm das Alter an, aber es ging ihm erstaunlich gut.» Über eine Stunde sprach Herzog mit Mandela, untersuchte ihn, führte Tests durch. «Ich stellte fest, dass er nach den besten Methoden und modernsten internationalen Standards behandelt worden war.»

Während der ganzen Visite habe Mandela ruhig gewirkt, habe sich mit keinem Wort über seine Behandlung beklagt und sich auch sonst nicht beschwert. Über Politik habe er mit Mandela nicht gesprochen, sagt Herzog: «Das war nicht mein Auftrag. Ich war eingeladen als Arzt.»

Zurück im Hotel, schrieb Herzog einen zweiseitigen Rapport, in dem er festhielt, dass Mandela in guter Behandlung und auf dem Weg zur Besserung sei – mit gutem Gewissen, wie er sagt. «Mandela erhielt alles, was ein freier Mensch mit Tuberkulose erhalten sollte.»

Noch in seinem Zimmer erhielt Herzog einen Anruf des südafrikanischen Gesundheitsministers. «What should we do with Mandela?», habe Willie van Niekerk gefragt. «Was sollen wir nur mit Mandela tun?» Den Niedergang des Apartheidregimes sagten damals, im Spätsommer 1988, schon manche voraus. Doch noch sass die Regierung von Staatschef Pieter Willem Botha, einem vehementen Verfechter der Rassentrennung, fest im Sattel. Herzog empfahl dem Gesundheitsminister: «Lassen Sie Mandela gehen. Eine bessere Gelegenheit als nun haben Sie wohl nie wieder.» Der Regierungsmann habe ihm geantwortet, er teile seine Ansicht. «Doch die politische Lage sei zu kompliziert.»

Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis Mandela aus seiner langen Gefängnishaft entlassen wurde. Kurze Zeit später wurde er zum Präsidenten gewählt. Am vergangenen Donnerstag ist Mandela, der seit Jahren immer wieder mit Lungenproblemen kämpfte, gestorben.

Die Nachricht von Mandelas Tod habe ihn traurig gestimmt, sagt Herzog, der trotz hohem Alter bei guter Gesundheit ist und noch immer zu Hause in Basel wohnt. Die Begegnung mit dem Südafrikaner sei einer der wichtigsten Momente seines eigenen Lebens. Geblieben sei ihm vor allem die Ruhe, die Mandela ausgestrahlt habe. «Ihm gingen Zorn, Hass und Ranküne völlig ab. Er strahlte Grösse aus.»

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