Herr Müller, was ist besser für Satiriker: Die SVP im Auf- oder Abwind?
Mike Müller: Wer Satire macht, muss beides auswerten können. Die Form der SVP spielt dabei keine Rolle. Wir nehmen in der Sendung auf, was während der Woche läuft. Die Partei eignet sich natürlich für die Satire: Diese Halb-Opposition der SVP ist nichts als Style. Der Albisgüetli-Style ist genauso zu hinterfragen wie Hip-Hopper in gut sanierten Sozialwohnungen. Wir haben uns aber auch schon oft gesagt: Jetzt machen wir mal eine Sendung, in der die SVP nicht vorkommt.

Oft gelingt Ihnen das aber nicht.
Keine Ahnung, ich zähle das nicht. Aber klar ist die SVP ein ständig wummerndes Sujet. Sie müssen nur mal die Frontseiten der letzten zwei, drei Wochen in den Tages- und Sonntagszeitungen anschauen: Alle reiten auf dem Fall Blocher herum. Natürlich könnte man sagen, dass diese Partei nicht abendfüllend ist. Sie ist ein Phänomen und polarisiert. Aber ihre Vertreter sind wahnsinnig wehleidig.

Wie meinen Sie das?
SVP-Vertreter können auf der persönlichen Ebene unglaublich einstecken, aber politisch sind sie Jammerlappen geworden. Ständig wiederholen sie, dass alle auf der SVP herumhacken.

Die Opferrolle gehört doch bei der SVP zum Programm.
Das ist furchtbar! Das sind doch Jammeri! Das ist schwach von der SVP. Es ist doch ihre Politik, zu isolieren, zu provozieren und keine Kompromisse einzugehen. Auch wenn es stimmt, dass viele Presseerzeugnisse gegen die Partei schreiben.

Mit Ausnahme der «Weltwoche». Wäre das nicht ein idealer Sponsor für «Giacobbo/Müller»?
Erstens spielt der Sponsor für unsere Arbeit keine Rolle. Abgesehen davon: Die «Weltwoche» ist leider sehr langweilig geworden. Da weiss man schon am Dienstag, was am Donnerstag drinstehen wird. Diese Pfadfinder-Haltung – «Wir machen alles anders als die anderen» – hat sich abgenutzt. Roger Köppel zahlt einen hohen journalistischen Preis: Er hat einige neue Leute, die einfach schlecht schreiben.

Sie wollen also kein Sponsorgeld von der «Weltwoche»?
Ich würde bestreiten, dass die «Weltwoche» die Mittel aus eigener Kraft aufwenden könnte. Köppel müsste wohl wieder Onkel Tettamanti darum bitten.

Ist es eigentlich ein Klischee, dass Komiker automatisch links getrimmt sind?
Nein, das ist kein Klischee. Aber das Klischee ist ein bisschen alt, wahrscheinlich stammt es aus den 60er- und 70er-Jahren, als es hiess, die Linken machen diesen Staat kaputt und unterwandern die Institutionen. Dieser Vorwurf kommt ja von rechts. Für diese Seite ist alles links, was einen halben Millimeter neben der Auns steht. Da ist man schnell mal links. Was mich wiederum an den Linken stört, ist diese moralische Erhabenheit, diese Verwechslung, links Denkende seien bessere Menschen.

Der Steuerstreit bietet Ihnen viel Stoff: Die «Bild»-Zeitung hat gegen Justizministerin Simonetta Sommaruga eine Strafanzeige eingereicht. Ist das schon Realsatire?
Das ist zuallererst mal eine Kampagne. Die «Bild»-Zeitung ist ein rechtes Drecksblatt aus einem üblen, grossen Verlagshaus. Einen solchen Rechts-Boulevardjournalismus haben wir bei uns zum Glück nicht.

Sie haben kein Verständnis für die Empörung in Deutschland?
Ich habe mit den Deutschen kein Mitleid. Klar ist es saumässig ungünstig, wenn der Haftbefehl gegen deutsche Steuerfahnder mit den Verhandlungen um das Steuerabkommen zusammenfällt. Das ist ein bisschen typisch für die Schweizer Politik, die eigentlich eine grosse Verwaltung ist, ein grosses Betreibungsamt. Das war bei der Polanski-Verhaftung auch so: Da wollte ihn ein Vertreter des Bundesamtes für Kultur ehren und gleichzeitig liess der Bundesrat Polanski verhaften. Wie sich der Staat dort präsentiert hat, war peinlich. Aber die Deutschen brauchen jetzt nicht zu heulen. Sie wissen genau, worauf sie sich mit dem Kauf der Daten eingelassen haben.

Und wir kleinen Schweizer können jetzt endlich den grossen Deutschen eins auswischen?
Ich glaube nicht, dass Bundesanwalt Michael Lauber so funktioniert. Und es gehört zur Politik, dass sie Emotionen schürt, das ist nicht schlimm. Das war nun mal eine vorsätzliche Tat der Deutschen. Ausser die Steuerfahnder können eine schwierige Kindheit geltend machen. Andererseits: Mit der Abgeltungssteuer schützen wir nach wie vor deutsche Kriminelle und zahlen dafür recht viel Geld. Ich finde den deutschen Staat bigott. Es ist ein Drecksgeschäft, das wir da eingehen.

Wo sehen Sie Unterschiede im Humor der Deutschen zu den Schweizern?
Ich behaupte immer, dass es keinen gibt. Die Deutschen lachen nicht über andere Dinge als wir. Sie haben vielleicht eine andere Tradition, zum Beispiel im politischen Kabarett. Und es gibt sicher Unterschiede zwischen Late-Night-Shows in Deutschland und der Schweiz.

Nämlich?
Die Deutschen sind viel redundanter. Sie thematisieren nur die Medien. Harald Schmidt hat nur Gäste aus der Medienwelt. Oder aus der Theaterwelt, weil dies sein unerfüllter Traum ist.

Tut Ihnen Schmidts Absturz leid?
Nicht so.

Weil er es verdient hat?
Seine Pokerei mit verschiedenen Sendern und die Preistreiberei waren etwas gar unappetitlich. Wer so hoch pokert, muss mit diesem Risiko leben. Da geht es um sehr viel Geld. Harald Schmidt hatte letzte Woche gleich viel Zuschauer wie wir. Und das in einem Land, das nun doch ein klein wenig grösser ist als unseres. Das macht schon den Anschein, als hätte da jemand den Abgang verpasst.

Was wäre ein Grund für Sie, mit der Sendung aufzuhören? Eine fallende Quote?
Nein. Late-Night-Shows sind ein Nischenprodukt. Wir müssen aufhören, wenn wir keine Lust mehr oder unterschiedliche Vorstellungen haben, in welche Richtung es gehen soll.

Oder dann, wenn Sie und Viktor Giacobbo zu einem eingespielten Ehepaar werden, das sich miteinander arrangiert hat?
Ich hoffe schwer, dass Viktor und ich diesen Punkt nie erreichen – und wir vorher mit der Sendung aufhören. Und so unsere Freundschaft bewahren.

Freundschaften können bei der Arbeit zu mehr Komplikationen führen, als wenn man eine rein professionelle Beziehung pflegt.
Das stimmt. Freundschaft heisst auch, dass man eine gewisse Kühle haben kann. Wenn der beste Freund mit einer blöden Frau daherkommt, verliebt über beide Ohren und den besten Sex seit Jahren hat, dann muss man ihm sagen können: Sorry, diese Frau muss weg!
Das ist nicht einfach.
Ja, das muss man vor dem Sex sagen. Sonst ist es hoffnungslos.

Wir haben dennoch den Eindruck, dass in Deutschland oder Österreich bei ähnlichen Sendungen wie «Giacobbo/ Müller» mehr Schärfe möglich ist.
Ohne Scheiss: Man kann in unserem Bereich nirgends so frei arbeiten wie beim Schweizer Fernsehen.

Ist wirklich alles erlaubt?
Alles! Es gibt kein Pressehaus, das so liberal ist wie die SRG. Was wir über Armin Walpen oder Roger de Weck gemacht haben, wäre bei den AZ Medien über Peter Wanner nicht möglich. Wenn ihr das macht, seid ihr morgen draussen. Bei Ringier ist es noch krasser. Dort hat es einen Vizekönig in Berlin, der unantastbar ist. In den Tamedia-Produkten gibt es auch kein kritisches Wort über die Familie Coninx oder Pietro Supino. Wir sind so frech, wie wir selber sind. Trotzdem kann ich verstehen, dass dies einigen Leuten zu wenig frech ist und zu wenig weit geht.

In den letzten Monaten mussten Sie viel Kritik mit der Sendung einstecken. Sie leide unter Durchhängern, hiess es etwa. Oder man fühle sich in ein Schülertheater versetzt. Wie gut können Sie das wegstecken?
Diese Woche las ich im Internet über unsere Sendung: «Waren schon mal lustiger». Bei solch scharfer Analyse kann ich das locker wegstecken. Schade, haben wir keine «Süddeutsche» mit ihrer täglichen Medienseite, auf der präzise und zum Teil sehr hart kritisiert wird.

Wir hören wenig Selbstkritik.
Medienkritik muss ein gewisses Niveau haben, aber in 90 Prozent der Fälle gehts einfach um den Geschmack des Schreibers – und das interessiert mich nicht. Diesen kann er privat, in seinem Freundeskreis kundtun. Kein politischer Journalist würde so arbeiten, aber im Unterhaltungsbereich ist das offenbar möglich. Aber natürlich: Es gibt auch schlechtere Sendungen, weil wir die Themen falsch ausgewählt haben, weil wir unkonzentriert sind, weil die Einspieler nicht so gut sind.

Wie viel verdienen Sie eigentlich pro Sendung?
Das sage ich nicht.

Wieso nicht?
Das ist Privatsache.

Zudem verdienen Sie bei Auftritten ausserhalb des Fernsehens noch gut.
Das stimmt, solche Auftritte sind gut bezahlt. Aber ich sage auch viele ab, aus terminlichen Gründen oder weil ich finde, dass es einfach nicht zu mir passt. Oder weil man mir Vorschriften machen will.

Welche zum Beispiel?
Die «NZZ am Sonntag» zum Beispiel hatte Angst, dass ich an ihrem 20-Jahr-Jubiläum Sprüche über ihren abgetretenen Verwaltungsratspräsidenten Konrad Hummler machen würde. Dann ist es besser, man trennt sich vorher im Guten. Denn eine solche Unterwürfigkeit steht der NZZ nicht gut an, und mir sowieso nicht.

«Das Schweizer Missen-Massaker» nennt sich der neuste Film von Michael Steiner mit Ihnen und ganz vielen schönen Frauen. Wird der Film so übel, wie es der Titel verspricht?
Ja, ich glaube schon. Steiner will in der Schweiz ein neues Genre besetzen, die Horror-Komödie. Mit vielen Zitaten aus Horrorfilmen, die ich auch nicht kenne, weil mir das Genre nichts sagt.

Hat es in der Schweiz für eine Horrorkomödie ein Publikum?
Ich glaube schon. Aber bei wie vielen Filmen hat man sich schon getäuscht? «Dällenbach Kari» finde ich einen guten Film, ist aber leider ein Flop. Ich weiss nicht wieso.

Im Herbst stehen Sie schon wieder vor der Kamera, für einen Mehrteiler des Schweizer Fernsehens. Was können wir hier erwarten?
Ich spiele einen Bestatter, der sich in die Kriminalfälle seiner Ex-Partnerin einmischt. Der Pilotfilm ist abgedreht und sieht gut aus.

Gibt es eigentlich viel Neid in Ihrer Branche?
In der Komikerszene gibt es kaum Neid. Ganz anders als im Film: Die Filmbranche ist neidisch wie wahnsinnig. Ich glaube, es gibt nirgends mehr Neid als beim Film.

Krach gibt es aber auch bei Komikern. So soll zwischen Patrick Frey und Beat Schlatter Eiszeit herrschen.
In der Kleinkunst gibt es das immer wieder, dass sich Bühnenpartner verkrachen. Ganz tragisch ist es aber, wenn sie dann solo nicht weiterkommen und aus ökonomischen Gründen zusammen weitermachen. Das gibts, das habe ich als Veranstalter erlebt.

In «Giacobbo/Müller» wie auch in den Medien ist Ihr Gewicht immer wieder ein Thema. Stören Sie sich an Schlagzeilen wie «Schweizer Schwergewicht» oder «Dick im Geschäft»?
Beim ersten Mal ist es lustig, bei jeder Wiederholung wird es weniger lustig. Auch in der Sendung: Es ist eine Frage der Dosis. Vielleicht muss man den Gag mal ganz streichen. Oder ich nehme ab.

Aber Sie haben offenbar ein unverkrampftes Verhältnis zu Ihrem Körper?
Das wird mir oft unterstellt. Ich habe ein gleich unverkrampftes Verhältnis zu meinem Körper wie andere Leute auch. Natürlich wäre ich gerne 10 bis 15 Kilo leichter. Dann könnte ich meine Schuhe schneller binden.

Ist es eigentlich Zufall, dass so viele Intellektuelle oder Künstler der Schweiz aus Olten kommen? Von Franz Hohler über Alex Capus bis zu Mike Müller?
Olten hat einen Vorteil: In Olten ist man nicht stolz. Olten ist nicht schön genug, nicht reich genug, hat zu wenig Tradition. Capus bezeichnet Olten als grundrepublikanisch – und das hat einen Kern Wahrheit. In Olten wächst man auf, hat seine Freunde, kann aber auch weggehen, ohne dass es ein grosses Thema ist.

Wie Sie vor neun Jahren.
Ich bin von Olten weg, weil ich nicht mehr so viel pendeln wollte. Mit dem Zug gings ja noch, zum Teil musste ich wegen Requisiten das Auto nehmen. Und diese Autobahn ist wirklich das Letzte! Da unterstütze ich den Vorschlag von SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner: Die Autobahn zwischen Bern und Zürich muss auf drei Spuren ausgebaut werden und es herrscht Tempolimit 100.

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