VON SANDRO BROTZ, OTHMAR VON MATT

Er ist einer von 250000 Deutschen in der Schweiz: Botschafter Axel Berg (59) spricht am heutigen Tag der Deutschen Einheit exklusiv im «Sonntag» über den Fall der Mauer, die neue Schweizer Regierung – und den Lachanfall von Hans-Rudolf Merz.

Herr Berg, wo waren Sie, als am 9.November 1989 die Mauer fiel?
Ich war als Vertreter Deutschlands im Rechtsausschuss an der UNO-Vertretung in New York. Dort, im UNO-Gebäude, habe ich diese Nachricht gehört. Ich konnte es gar nicht glauben. Es war nicht vorstellbar. Als ich nach Hause gekommen bin, habe ich sofort den Fernseher eingeschaltet, um mich selbst davon zu überzeugen.

Ab wann haben Sie es geglaubt?
Als ich es im Fernsehen sah. In den Tagen zuvor hat man sich bei den Demonstrationen aber schon gefragt, wo das hinführen würde. Die politische und menschliche Konsequenz davon war der Fall der Mauer, nur hielt das keiner für möglich, vor allem, dass es so schnell gehen würde.

Wie wurde in New York aus zwei ein Deutschland?
Noch am 2. Oktober 1990 gab es in der Generalversammlung zwei Delegationsschilder: «Bundesrepublik Deutschland» und «Deutsche Demokratische Republik». Am nächsten Tag war da nur noch ein Schild für eine Delegation: «Deutschland». Da waren auch Kollegen aus der DDR-Vertretung dabei, die zu Mitgliedern der deutschen Delegation wurden.

Wie war das emotional für Sie?
Es war ein bewegender Moment. Der Botschafter hat eine Rede in der Generalversammlung gehalten. Als ich ihn dann diesen Gang entlanggehen sah, dachte ich mir, mir würden die Knie vor Aufregung so weich werden, dass ich es wohl nicht bis nach vorne schaffen würde.

Helmut Kohl prägte den Begriff der «blühenden Landschaften». Wie blüht es denn nun in Sachsen-Anhalt und anderswo im Osten?
Naja, der Osten Deutschlands hat nach wie vor Schwierigkeiten unter den wirtschaftlichen Bedingungen. Es ist sicher nicht alles so gekommen, wie man sich das vorgestellt hatte. Wir haben jetzt eine hervorragende Infrastruktur in Ostdeutschland, allerdings weniger Industrie und Wirtschaft als erhofft. Innenminister Thomas de Maizière hat sich aber auch über das Ergebnis nach 20 Jahren sehr positiv geäussert. Und das sehe ich genauso.

Nicht nur Deutschland, auch die Schweiz wird von Frauen regiert. Was haben Sie nach den Bundesratswahlen nach Berlin rapportiert?
Wir haben über das Wahlergebnis berichtet und darüber, dass man sich mit der Frage, ob Mann oder Frau oder mit der kantonalen Herkunft stark auseinandergesetzt hat.

Haben Sie auch über die Schwierigkeiten nach der Departementsverteilung zwischen den Parteien berichtet?
Das ist nicht mein Thema. Von mir erwartet man eine eher nüchterne Berichterstattung – insbesondere, was sich im Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland verändert. Sie aber sprechen von innenpolitischen Belangen, die kaum Relevanz für die Beziehungen der beiden Länder haben.

Ist es vorstellbar, dass in Deutschland der FDP-Chef den SPD-Chef verklagen will?
Ich kann aus deutscher Perspektive nur sagen, dass mir kein Fall bekannt ist. Aber sicherlich gibt es auch bei uns Teile der politischen Auseinandersetzung, die in die Judikative hineinreichen.

Können Sie bestätigen, dass der Steuerstreit vor einem Durchbruch steht?
Was ich weiss, ist: Es haben sehr intensive Verhandlungen stattgefunden, die von beiden Seiten konstruktiv angegangen wurden. Ich bin davon überzeugt, dass man zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen wird. Es ist auf gutem Wege.

Sie haben jetzt das Wort Durchbruch tunlichst vermieden.
Was heisst schon Durchbruch? Es geht darum, dass man sich über ein Verhandlungspaket einigt. Ich sehe, dass dies möglich ist – und zwar schon in naher Zukunft.

Also bis Hans-Rudolf Merz am 28. Oktober sein Büro im Bundeshaus räumen wird.
Das ist die Absicht, denn mit Herrn Merz haben die Verhandlungen begonnen.

Und wie sieht es beim Fluglärmstreit aus, der jetzt von Doris Leuthard im Uvek gelöst werden muss?
Wir alle wollen, dass dieser Streit gelöst wird. Ich bin beeindruckt, wie sich Frau Leuthard als Bundespräsidentin für die Förderung der bilateralen Beziehungen zu Deutschland eingesetzt hat. Wir hatten zwei besondere Begegnungen. Ihr Besuch im April in Berlin mit einem sehr guten Gespräch bei der Bundeskanzlerin. Und der Staatsbesuch von Bundespräsident Wulff in der Schweiz. Dabei kamen alle wichtigen und auch schwierigen Dossiers zur Sprache. Da hat sich Frau Leuthard besonders dafür eingesetzt, dass die positiven Elemente unserer Beziehung vertieft und verbessert werden.

Ist dies Doris Leuthard denn auch gelungen?
Wir haben 2009 erlebt, dass die Beziehungen teilweise sehr angespannt waren. Aus den bekannten Gründen, ein Stichwort dazu: Steinbrück. Diese Beziehungen haben jetzt zu ihrer alten Intensität und Qualität zurückgefunden.

Haben Sie das Buch von Peer Steinbrück schon gelesen?
Nein, aber er kommt ja auch in die Schweiz, um es vorzustellen, und da fahre ich sicher hin.

Als Finanzminister hat er damals mit seinen Kavallerie- und Indianer-Aussagen in der Schweiz einen Nerv getroffen.
In der Tat. Das war an dem Wochenende, als Herr Merz gesagt hat, die Schweiz werde den OECD-Standard umsetzen. Da war dann die grosse Frage: Was bedeutet das für die Schweiz und das Bankgeheimnis? Die Aussagen mit der Kavallerie und den Indianern sind in einem Zeitpunkt der grossen Verunsicherung gekommen.

Sie sind als Botschafter auch für das Fürstentum Liechtenstein zuständig und können beurteilen: Hat das Ländle den Steuerstreit besser in den Griff bekommen als die Schweiz?
Liechtenstein hat den Vorteil, dass es ein kleineres Land ist und dort politische Entscheidungen anders und direkter getroffen werden können als in der Schweiz. In Liechtenstein gibt es im Parlament zwei grosse Parteien, und wenn die sich einig sind, hat man schon eine grosse Vorgabe. Hier in der Schweiz erscheinen die Dinge mit mehr Parteien und einem komplexeren, föderalen System schwieriger.

Bundespräsident Christian Wulff hat bei seinem Besuch gesagt: «Ein CD-Kauf sollte in Zukunft vermeidbar sein.» Wir Schweizer stören uns noch am Konjunktiv...
(lacht) Wer bin ich, um dem Bundespräsidenten zu widersprechen.

Das ist keine Zusicherung.
Die Frage des Kaufs von CDs und der Verwertung von gestohlenen Daten ist Teil der laufenden Verhandlungen. Es kann aber nur in diese Richtung gehen, die der Bundespräsident gesagt hat.

FDP-Präsident Fulvio Pelli meinte zur geklauten Bankdaten-CD: «Weil Berlin seine Finanzen nicht im Griff hat und unbedingt an Geld kommen will, wird die Kriminalität gefördert.»
Berlin hat die Finanzen im Griff. Das Ziel der Bundesregierung ist, bei Steuererhebungen Gerechtigkeit sicherzustellen. Das halte ich für ein absolut legitimes Anliegen. Es ist eine sehr schwere Aufgabe, aus der grossen Verschuldung wieder herauszukommen. Das betrifft übrigens auch diese Botschaft hier. Wir müssen unsere Mittel einschränken und können nicht überall und immer den gleichen Service bieten wie in der Vergangenheit.

Baufällig sieht es hier aber nicht aus.
Das Budget für unsere Botschaft ist spürbar gekürzt worden. Dazu kommen die Währungsverluste. Wir sind aufgefordert worden, offene Stellen nicht sofort neu zu besetzen. Das hat sich sofort ausgewirkt und zu Engpässen geführt. Wir haben im Moment leider längere Wartefristen, um einen Pass-Termin zu bekommen. Wir versuchen, das jetzt wieder aufzuarbeiten.

Hat das Image der Schweiz in Deutschland mit dieser Steuer-Debatte gelitten?
Nein, es ist intakt geblieben. Das Image der Schweiz in Deutschland ist durchwegs positiv. Wenn ich sehe, wie viele Deutsche – auch Politiker – hier Ferien machen, wie unglaublich intensiv die Wirtschaftsbeziehungen sind und wie vielfältig der Kulturaustausch zwischen beiden Ländern ist, dann geschieht das in Anerkennung der hohen Meinung vom jeweiligen Land.

Jeder dritte Professor an der Uni Zürich ist ein Deutscher. Die SVP sprach daraufhin von einem «deutschen Filz». Ärgert oder kränkt sie das?
Es gab neulich eine Überschrift in einer Zeitung, die lautete: «Neuer Ärger mit Deutschland». Ich bin hier, um Ärger abzubauen oder neuen Ärger zu vermeiden. Darin engagiere ich mich auch. Das tue ich nicht mit grossen Pressekonferenzen, sondern indem ich mit den Verantwortlichen spreche – im politischen Bereich, bei den Medien und mit der Zivilgesellschaft.

Und, was haben Sie erreicht?
Das kann ich selbst am wenigsten bewerten. Ich habe nur mit Zufriedenheit festgestellt, dass mir in all diesen Gesprächen, die ich geführt habe, immer wieder versichert worden ist, wie wichtig die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz sind. Und dass man diese durch unnötige Diskussionen nicht infrage stellen sollte.

Wer hat Ihnen das gesagt?
Politiker, Journalisten, Bürger.

Auch Politiker der SVP?
Ja.

Auch Parteipräsident Toni Brunner?
Zum Beispiel.

Welche drei Punkte würden Sie einem Deutschen mit auf den Weg geben, der in die Schweiz übersiedelt?
Das ist nicht unbedingt meine Aufgabe (lacht). Ich würde ihm sagen: Mach dich, bevor du hierherkommst, kundig. Sprich mit den Leuten und hör ihnen zu. Und anerkenne die Unterschiede.

Muss ein Deutscher erst lernen, dass ab und an ein wenig mehr Zurückhaltung gefragt ist?
Ich weiss nicht, ob es eine Frage der Zurückhaltung ist. Es ist eher eine Frage der Sprache. Die Sprache ist hier einfach höflicher und formeller als in Deutschland.

Formeller?
Im Sinne von idiomatischen Formen. Konkret: Die Formulierung «Wenn Sie bitte so gut sein wollen» verstehe ich als «bitte». In Deutschland sagt das niemand so ausführlich.

Wird sich die Zahl der Deutschen in der Schweiz bei 250 000 einpendeln?
Ich weiss, dass weiterhin Deutsche in die Schweiz kommen. Allerdings nicht mehr in der Höhe wie 2008. Ob sich das einpendeln wird, lässt sich schwer sagen. Für die Deutschen wird die Schweiz ein attraktiver Platz bleiben. Aber als deutscher Botschafter sage ich auch: Ich hoffe, dass diese Leute – oder ein Teil – wieder nach Deutschland zurückkehren und ihre Erfahrungen aus der Schweiz einbringen.

Das tönt schon fast nach einem Aufruf.
Ob die Schweiz oder die USA: Deutsche, die ins Ausland gehen, fehlen uns zu Hause häufig. Wir können es den Leuten nicht verbieten, wenn sie im Ausland die besseren Konditionen finden. Wichtig ist es aber umgekehrt, Voraussetzungen zu schaffen, dass es die Leute auch attraktiv finden, in Deutschland zu bleiben.

Die Schweiz ist nicht EU- oder EWR-Mitglied. Ein Modell der Vergangenheit oder für die Zukunft?
Das ist das Schweizer Modell. Dafür sind Lösungen gefunden worden – ausserhalb EU und EWR. Die Schweiz muss selber entscheiden, ob das ein Modell für die Zukunft bleibt oder ob sie daran etwas ändert. Ich fand die Diskussion, die es in diesem Jahr zu diesem Thema gab, gut und interessant. Ich halte es für wichtig, dass diese Diskussion stattfindet.

Herr Botschafter, gibt es eine Seite an Ihnen, die total undiplomatisch ist?
Die Diplomatie hat sich in den 25 Jahren, in denen ich dabei bin, erheblich entwickelt. Der Botschafter ist heute nicht mehr der formale, statusbewusste Diplomat. Er ist zu einem Kommunikator geworden. Ich will auch ein Botschafter zum Anfassen sein. Man hat natürlich immer die Aufgabe, sein Land zu vertreten, aber man kann doch auch durch seine eigene Persönlichkeit viel reinbringen.

Wo waren Sie in unserem Land noch nie und möchten unbedingt noch hin?
Da gibt es Dutzende Orte! Ich bin unheimlich viel unterwegs. Da sehe ich Orte, Seen oder Berge und denke mir: Da muss ich am Wochenende unbedingt hin. Aber dann fehlt dann doch die Zeit. Aber eine Bootsfahrt oder eine Bergwanderung mehr wären schon nicht schlecht.

Haben Sie sich den Lachanfall von Herrn Merz auf Youtube angesehen?
Ganz ehrlich? Ja. Ich wollte es meiner Frau zeigen. Es war absolut ansteckend. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, mit Herrn Merz zu sprechen, und schätze ihn. Dieser Auftritt im Parlament ist einfach eine schöne Geschichte.

Ob Steuerstreit oder die Debatte um die Deutschen in der Schweiz: Ihre bisherigen zwei Jahre als Botschafter dürften Ihnen kaum langweilig vorgekommen sein...
Das stimmt. Aber auch, weil sich in der Schweiz doch innenpolitisch einiges tut. Ich schreibe nicht jeden Tag einen Bericht darüber, aber wir verfolgen das sehr genau. In den vergangen beiden Jahren hat sich viel entwickelt und verändert.

Es ist weniger ruhig als erwartet?
Ich habe die Schweiz nicht als Ruheposten begriffen. Gerade in den schwierigen Zeiten habe ich jede Einladung angenommen, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Um zu hören, welche Erwartungen man an Deutschland hat. Auch wenn man sich mal über uns ärgern sollte. Aber auch, um zu hören, wie sehr wir gegenseitig die Freundschaft und Partnerschaft mit der Schweiz schätzen.


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