Heute kann er mit dem FCB Meister werden. Doch wie lange bleibt er Basel noch treu? Thorsten Fink (43) über seinen Führungsstil, Gigi Oeri und den Unterschied zwischen Schweizern und Deutschen.
Herr Fink, drei Titel in zwei Jahren, wie hört sich das für Sie an?
Zufriedenstellend.

Das klingt jetzt zu bescheiden.
Okay. Es wäre schon sensationell, wieder Meister zu werden. Aber erst müssen wirs schaffen. Das zweite Jahr ist immer schwieriger als das erste. Vor allem dann, wenn man in der Champions League gespielt hat. Bei diesem Programm stets den Hunger zu behalten, ist nicht ganz einfach.

Und wenns in den beiden letzten Spielen schiefgeht und der Meistertitel an den FCZ geht?
Dann ändert dies für mich wenig an der positiven Bilanz dieser Saison.

Das würden die Fans anders sehen.
Oder zumindest die Journalisten. Natürlich hört sich «Meister» besser an. Aber wir haben enorme Fortschritte gemacht, egal wie wir die Meisterschaft beenden. Wir haben keine teuren Spieler eingekauft und dennoch eine tolle Saison gespielt. Xherdan Shaqiri kommt aus dem eigenen Nachwuchs, Granit Xhaka ebenfalls, auch Beg Ferati, der uns nun verlässt. Wir haben uns den Erfolg nicht gekauft.

Aber der FCB hat das grösste Budget. Ärgert es Sie, dass es deswegen heisst: Logisch, dass die Meister werden?
Wir haben vor allem die besten Fans...

...und das meiste Geld! Dank Gigi Oeri.
Sagen wir es so: Wir haben die Möglichkeit, auf Frau Oeri zurückzugreifen, wenns dem Verein schlecht geht. Frau Oeri fördert den Nachwuchs ganz stark, sie ermöglicht den Bau des Campus, das ist toll. Sie sieht, dass es in der Vergangenheit entscheidend war, auf die Jugend zu setzen. Der Verein steht insgesamt auf gesunden Füssen, und trotzdem haben wir Nachwuchsspieler und werden nicht verrückt. Wir legen lieber was auf die Seite, als damit Söldner zu kaufen.

Ob Sie es wieder in die Champions League schaffen oder nicht, ist finanziell entscheidend. Es geht um 25 Millionen Franken. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Druck, Druck, Druck! Ich kann das nicht mehr hören. Wir können die Champions League erreichen – wenn nicht direkt, dann über die Qualifikation. Im letzten Jahr war es sehr wichtig, in der Champions League dabei zu sein. Jetzt wäre es nicht prekär, wenn wir sie verpassen würden. Natürlich wollen wir da rein! Aber deswegen stehen wir nicht unter Druck. Fragen Sie mal in St. Gallen, was Druck heisst! Da gehts um Arbeitsplätze, da gehts um Existenzen.

Aus Schweizer Sicht wäre es besser, der FCZ käme in die Champions League. Dann wären wahrscheinlich zwei Schweizer Mannschaften dort vertreten.
Vielleicht. Aber wir können deswegen der Schweiz nicht anbieten, bloss Zweiter zu werden. Auch Zürich kann die Champions-League-Qualifikation schaffen. Trainer Urs Fischer hat eine gute Spielphilosophie und arbeitet kontinuierlich. Da sehe ich für die kommenden Jahre einen grossen Konkurrenten.

Warum geriet der FCZ im Meisterschafts-Endspurt plötzlich ins Hintertreffen? Ist das alles Psychologie?
Wir haben sicher die positive Erfahrung, Titel zu sammeln. Das gibt der Mannschaft Zuversicht und gute Nerven im Endkampf. YB hat letztes Jahr den schöneren Fussball gespielt, aber zuletzt haben die Nerven versagt. Denn sie hatten noch nie einen Titel. Es braucht Vertrauen, um die Leistung in schwierigen Situationen abzurufen. Dieses ist bei uns vorhanden: Schauen Sie mal, wie hervorragend Alex Frei und Marco Streller in heiklen Phasen gespielt haben.

Wie gross ist da die Verlockung, Basel im Fall des Titelgewinns auf dem Höhepunkt zu verlassen und in die Bundesliga zu wechseln?
Ich habe für zwei weitere Jahre in Basel unterschrieben und möchte hier bleiben. Natürlich überlegt man immer: Was kann man noch erreichen...

...mehr können Sie hier gar nicht erreichen!
Warten wir ab. Wenn wir nächstes Jahr Zweiter werden, würde das schon als Misserfolg ausgelegt. Gewinnen wir 3:1, heisst es: Warum haben die noch ein Gegentor gekriegt? Das nervt manchmal.

Sind die Zuschauer verwöhnt?
Es gibt schon Leute, die werden zu überheblich. Nicht der Verein, nicht die Mannschaft, nicht der Trainer. Aber der Erwartungsdruck von aussen wächst und wächst. Es wird auch bei anderen Mannschaften gute Arbeit geleistet. YB rüstet auf, mit einem Trainer, der viele Titel gesammelt hat (Christian Gross, die Red.), und die werden noch zusätzliche Spieler holen. Man müsste schon fast sagen: YB ist nächstes Jahr Favorit.

Nochmals, wird Ihnen die Schweizer Liga nicht zu klein? Nach all diesen Erfolgen – reicht Ihnen das?
Es reicht mir nicht für immer! Aber in den nächsten zwei Jahren reicht es mir. Ich hab mir schon überlegt: Was machst du, wenn du wieder einen Titel holst? Ist dann der Druck nächstes Jahr nicht enorm hoch? Die einzige Antwort, die mir bleibt, ist doch: wieder den Titel zu holen.

Und wenn morgen ein Traumangebot kommt?
Letztlich ist es bei Trainern nicht anders als bei Spielern: Es gibt Angebote, denen keiner widersteht. Wenn ein Verein wie Barcelona kommt, dann kann ein Trainer nicht Nein sagen. Die Chance kriegt man vielleicht nie wieder.

Aber Barcelona hat sich bislang nicht gemeldet.
Nein. Auch Arsenal nicht (lacht). Aber ich hab ja noch Zeit. Und zugleich bin ich mir bewusst: Es kann mir auch mal schlecht laufen – und dann spricht in Europa kein Mensch mehr von mir. Der Fussball ist so schnelllebig. Auf einmal ist man weg.

Glauben Sie, dass Sie auch in der neuen Saison auf Jungstar Shaqiri zählen können?
Wäre ein Verein gekommen und hätte viel Geld geboten, wäre es schwierig geworden, ihn zu halten. Aber das ist bislang nicht passiert. Warum soll ich mir also Gedanken machen? Sicher ist er im Fokus vieler Vereine – aber jetzt soll er erst mal Champions League spielen für den FCB, dann macht er weitere Fortschritte.

Sie sind gebürtiger Dortmunder. Haben Sie sich über den Meistertitel des BVB gefreut, oder schlägt Ihr Herz für die Bayern?
Meine Wurzeln liegen im Ruhrpott, und ich hatte eine tolle Zeit in München. Ich gönne es beiden Mannschaften. Aber den Dortmundern noch ein bisschen mehr. Ich bin dort auch nicht im Bösen gegangen.

Wenn der FC Basel in der Bundesliga spielen würde: Wo in der Tabelle läge er?
In Vorbereitungsspielen haben wir zum Beispiel Freiburg geschlagen. Ich denke, dass wir im guten Mittelfeld mitspielen würden.

Wie würden Sie Ihre Führungsphilosophie umschreiben?
Die kann ich nicht in ein paar Worten umschreiben. Ich gebe jedem Vertrauen, er darf dieses Vertrauen nicht missbrauchen. Wenn einer gegen den Teamgeist verstösst, bin ich knallhart. Wer unseren Erfolg stört, der wird rasiert.

Sind Sie eher der Kumpel oder der Chef?
Ich bin eher der Kumpeltyp, aber kein Kumpel. Sicher nicht der Diktator. Ich unterhalte mich mit jedem und gebe auch gern Verantwortung ab, ich bin ein Teamplayer, auch im Trainerstab. Tipps kann ich von jedem entgegennehmen. Heutzutage muss man kommunikativ sein, viel mit den Spielern reden. Dortmunds Trainer Jürgen Klopp macht das, Real Madrids José Mourinho ebenfalls. Vor allem aber will ich authentisch sein. Mich verstellen – nein, das will ich nicht.

Sind Sie mit den Spielern per du?
Es gibt einige Spieler, die mich duzen. Die Ausländer sagen immer du. Die jungen Spieler sagen mir Sie. So stimmt es für mich. Meine Eltern haben mir beigebracht: Erst sagt man Sie.

Behandeln Sie jeden gleich? Wir nehmen an, dass Sie bei Shaqiri eher die Vaterrolle übernehmen und mit Alex Frei auf Augenhöhe diskutieren?
Das sehen Sie richtig. Ich kann zwei so unterschiedliche Spieler nicht gleich behandeln. Das wäre falsch. Wenn Scott Chipperfield mal sagt, ich kann heute nicht trainieren, ich bin müde, dann akzeptiere ich das. Denn er trainiert jeden Tag, er kennt seinen Körper am besten und er hat sehr viel für den Verein geleistet. Bei jemand anderem würde ich das nicht tolerieren. Gerade bei den jungen. Vielleicht führe ich noch ein, dass sie die Schuhe selber putzen müssen.

Was tun Sie, damit Ihre jungen Grossverdiener nicht abheben?
Es ist nicht in erster Linie das Geld, das den Charakter verderben kann, sondern der Erfolg, der Ruhm. Wer überall hofiert wird, der droht abzuheben. Ich versuche, die Spieler im richtigen Moment zu stutzen – oder aufzubauen. Shaqiri musste mal kurz gestutzt werden, jetzt gebe ich ihm mein volles Vertrauen, da er bereit ist zu lernen.

Den Deutschen sagt man nach, sie hätten eine Sieger-Mentalität. Den Schweizer geht sie ab. Spüren Sie das?
Meine Mannschaft hat auf jeden Fall eine Winner-Mentalität. Ob das an mir liegt oder nicht, weiss ich nicht. Mit Schweizer Trainern hat der FCB ja auch schon einige Titel geholt.

Sie wohnen in Reinach BL. Wie nehmen Sie die Menschen wahr: Ticken Schweizer anders als Deutsche?
Nein, ich sehe kaum Unterschiede. Vielleicht liegt das daran, dass wir im Norden der Schweiz leben. Die Region Basel ist multikulti, global, es gibt viele Ausländer hier. Ich war überrascht, wie gut ich aufgenommen wurde. Eigentlich hätte ich mehr Skepsis erwartet. In Karlsruhe zum Beispiel habe ich das viel kritischer erlebt.

Werden Sie auf der Strasse oft angesprochen?
Sehr, sehr oft. Und nur positiv. Ich geniesse das auch. Es werden Zeiten kommen, wo mich niemand mehr kennt. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Wie gefällt es Ihrer Frau in der Region?
Sie will nicht so schnell wieder weg, sie fühlt sich sehr wohl und hat hier auch gute Freundinnen.

Das verbessert die Chancen, dass Sie noch lange beim FCB bleiben. Es kommt ja vor, dass die Ehefrauen über solche Dinge entscheiden...
Das stimmt. Bei uns zu Hause kräht aber der Hahn, nicht die Henne (lacht).

Lernen Ihre Söhne, die fünf- und sechsjährig sind, Schweizer Dialekt?
Nein, zu Hause sprechen wir Deutsch und an der Schule Englisch. Sie besuchen die International School.

Spielen sie schon Fussball?
Meine Söhne können alles. Ausser Fussball spielen. Ich spiel ihnen zwar mal den Ball rüber, aber da kommt nicht viel (lacht). Lieber klettern sie auf Bäume oder spielen Tennis. Das ist ganz okay.

Wie erleben Sie eigentlich die Schweizer Medien? Alles viel braver hier als in Deutschland?
Es gibt hier eine Zeitung, die ist ein bisschen eigen. Dort kann man Auskunft geben, Fragen beantworten – und man liest dann etwas ganz, ganz anderes. So was habe ich in Deutschland nicht erlebt. Dort bauscht die Boulevardpresse zwar auch Dinge auf, aber meist ist zumindest ein Fünkchen Wahrheit drin. Aber mit allen anderen Medien in der Schweiz habe ich kein Problem, und sachliche Kritik geht in Ordnung.

Befassen Sie sich damit, was in der Schweizer Politik geschieht?
Ich lese schon Zeitung, aber in der Politik bin ich eine Null. Mein Vater hat immer gesagt: Egal, wer gerade an der Macht ist – die Schweine wechseln, aber die Töpfe bleiben immer die gleichen.

Deutschlands Aussenminister Guido Westerwelle hat diese Woche die Schweiz aufgefordert, sich besser in Europa zu integrieren. Erleben Sie die Schweiz als isoliertes Land?
Nein. Die Schweiz hat sich aus allem rausgehalten. Damit ist sie nicht schlecht gefahren. Ich würde die Philosophie weiterführen. Jeder Mensch würde gern in der Schweiz wohnen. Was also haben die Schweizer denn falsch gemacht?

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