Von Reinhold Hönle

Das Ding, das daran schuld ist, dass aus Signora Müller, der Studentin der Kommunikationswissenschaften in Lugano, 2012 das grösste Schweizer Talent Eliane geworden ist, zieht rechts vom Eingang zum grossen Wohnzimmer die Blicke auf sich: Ein über hundert Jahre altes, mit Schnitzereien verziertes Klavier, auf dem schon ihre Urgrossmutter gespielt hatte. Danach allerdings lange niemand mehr, denn die Grossmutter zog die Gitarre vor, und die Mutter ist in einer Blaskapelle aktiv. Eigentlich hatte auch Eliane Müller ihren eigenen Kopf. Im Kindergarten-Alter wollte sie unbedingt Geige spielen, doch die ökonomisch denkenden Eltern gaben ihr zu verstehen, wenn zu Hause schon ein Klavier stehen würde, solle sie auch damit beginnen. «Und ich bin nicht mehr davon losgekommen», sagt sie lachend. «Eine Musikkarriere habe ich jedoch bei aller Begeisterung nie angestrebt.»

Wer hört, dass die 24-Jährige in ihrer Jugend oft mehrere Stunden täglich geübt hat, kann es zwar kaum glauben, dass Klavierspielen damals nur ihr liebstes Hobby neben Tanzen und Volleyball war. Beim Gespräch am Küchentisch wirkt sie jedoch bodenständig und authentisch, und man nimmt ihr ab, dass sie nicht einmal eine Laufbahn als klassische Pianistin in Betracht zog, als ihr langjähriger Klavierlehrer sie zum Studium am Konservatorium ermuntern wollte. Es bedurfte schon ihrer jüngeren Schwester Noemi (18), die sie bei «Die grössten Schweizer Talente» anmeldete, und des Siegs bei der Castingshow, um sie umzustimmen. «Wobei mich die Musik seither einfach von morgens bis abends beschäftigt – bewusst zum Beruf gewählt habe ich sie nie.» Als sie ihr aktuelles Album «Bright Lights» in Zürich aufnahm oder wenn sie – wie momentan – Interviews und Konzerte in der Deutschschweiz gibt, wohnt Eliane bei den Eltern in einem Einfamilienhaus-Quartier am Rande von Hochdorf, sonst in einer Zweizimmerwohnung in Bellinzona.

«Zum ersten Mal bin ich vor sechs Jahren ins Tessin gezogen, nachdem sich die Universität Lugano an unserer Kantonsschule in Beromünster vorgestellt hatte und mich das auch deshalb sehr angesprochen hatte, weil ich schon lange Italienisch lernen wollte», erzählt die Sängerin. Nach ihrem Bachelor-Abschluss ist sie nach Luzern gezogen, da der Castingshow-Erfolg ihre Präsenz in der Deutschschweiz erforderte und ihr damaliger Freund ein Innerschweizer war. Als ihr die Sonne, die Freunde und die Lebensart im Tessin immer mehr fehlten sowie ihre Beziehung im letzten Frühling endete, nahm sich Eliane wieder eine Wohnung in Claro bei Bellinzona. «Im Tessin wird die Gesellschaft viel mehr gepflegt. Man trifft sich nicht nur am Samstag für den Ausgang, sondern geht am Sonntag schon wieder gemeinsam Mittag essen und verbringt sogar noch den Nachmittag zusammen.» Ausserdem ist das Tessin für sie ein Rückzugsort, wo sie in Ruhe Texte schreiben oder Klavier spielen kann.

Wenn Eliane bei ihrer Familie ist, arbeitet sie nur selten: Doch heute türmen sich auf dem Wohnzimmertisch ein paar CD-Stapel, welche sie für Wettbewerbe signieren muss, die ihre Plattenfirma veranstaltet hat. Oft unternimmt sie etwas mit Noemi und ihrer älteren Schwester Lorena (26), oder sie unterstützen sich gegenseitig: Das «Nesthäkchen» hat in diesem Jahr von den beiden Geschwistern das Autofahren beigebracht bekommen. Eliane besucht die Spiele von Noemi und Lorena, die im gleichen Handball-Team spielen, und sie selbst bekommt vor wichtigen Auftritten immer wieder Glücksbringer geschenkt. Der selig am Daumen nuckelnde Schutzengel auf dem Sideboard reist bereits seit ihrer ersten Tournee mit ihr durchs Land. «Er fährt immer in meinem Auto mit und steht auch auf der Bühne», verrät die Sängerin. Bei «Die grössten Schweizer Talente» begleiteten sie ein Ring von den Eltern, ein Armkettchen mit Anhänger von den Schwestern und ein kleiner Glasbehälter mit Weihwasser von der Mutter.

Selbst der beste Talisman vermag Eliane jedoch nicht von ihrer Nervosität vor den Konzerten zu befreien. «Obwohl ich inzwischen viel mehr Erfahrung im Umgang mit dem Publikum habe und mit meiner Band und meinen Streichern ein eingespieltes Team bilde, ist das Lampenfieber unverändert, wenn nicht stärker, weil die Ansprüche gestiegen sind», erklärt sie. Gut entspannen kann sie sich beim Kochen. So übernimmt sie bei Festivitäten in der Küche oft das Regiment – der Rest der Familie Müller lässt sich das gerne gefallen. «Die Eltern haben dann Zeit für einen Ausflug, und die Schwestern helfen mir – Noemi beim Kochen und Lorena vor allem beim Probieren …»

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