Von Nadine Fischer (Text und Foto) aus Kailua

Rund 30 Autos und ebenso viele Motorräder brausen jedes Mal durch unser beschauliches Wohnquartier, wenn er an den Strand, zum Golfen oder ein Glace essen geht. Er, das ist Barack Obama, der Präsident der Vereinigten Staaten.

«Es geht los!», ruft mein Nachbar. Ich hechte mit meiner Kamera in die Hauseinfahrt und bin gerade noch rechtzeitig, um das Spektakel zu beobachten. Mehrere Polizei-Motorräder und -Autos, etwa zehn schwarze SUV mit verdunkelten Scheiben, Autos mit offenen Fenstern, in denen Scharfschützen zu sehen sind, ein Auto mit Spürhunden und ein Krankenwagen, der immer Blutreserven vom Präsidenten dabei hat, fahren mit der präsidialen Motorcade vorbei. «Ich habe ihn gesehen, er hat gewinkt», ruft meine Nachbarin entzückt.

Wir wohnen nur rund 300 Meter entfernt vom Haus, wo die Obamas ihre Ferien verbringen. Andere Medienleute dürfen nicht ins Quartier hinein, wo der US-Präsident mehrere Häuser gemietet hat für seine Familie, Freunde und Personal. Sogar die White-House-Pool-Journalisten, die den Präsidenten auf Schritt und Tritt begleiten, müssen ausserhalb des Quartiers warten.

Die Obamas fahren mit ihrer Motorcade mehrmals am Tag an unserem Haus vorbei, dabei erlaubt der Secret Service das Fotografieren manchmal, sowie wenn Barack Obama mit Freunden Golf spielt. Sehr eindrücklich waren auch Ankunft und Abflug der Air Force One auf dem Hickam-Militärflughafen in Pearl Harbor.

17 Tage lang war die ganze First Family diesmal mit Freunden zu Besuch in Kailua, und Michelle Obama reiste erst nach knapp vier Wochen auf Hawaii zurück nach Washington, zu ihrem 50. Geburtstag, den sie am Freitag feierte.

Nun haben die Surfer die Wellen wieder ganz für sich und der Strand in Kailua ist wieder geöffnet. Das war davor ganz anders. Während Obamas Winterurlaub riegelt der Secret Service das ganze Quartier ab, Strassensperren werden errichtet, der Luftraum und auch der Kanal, der Strand und das Meer rund um das Ferienhaus der Obamas sind Sperrzonen. Dort patrouillieren Navy Seals mit ihren Booten, der Secret Service kontrolliert alle Bewohner und Besucher, die ins Quartier rein wollen.

Die meisten Hawaiianer nehmen geduldig hin, wenn sie ein paar Stunden im Stau stecken, weil eine Autobahn oder die sehr verkehrsreiche Kalakaua Avenue in Waikiki komplett gesperrt werden, weil der Präsident dort essen geht.

Hawaii ist eine Hochburg der Demokraten und Obama geniesst auch darum eine traumhaft hohe Zustimmung, weil er hier geboren ist und den Grossteil seiner Kindheit auf Oahu verbrachte. Im Nachbardorf Kaneohe hat er mit seinen Eltern und Grosseltern die ersten Lebensjahre verbracht. Später wohnte er mit seiner Mutter und den Grosseltern in Honolulu, der Hauptstadt Hawaiis.

Mein Hausbesitzer Doug Miller, ein pensionierter Polizeikommandant, macht sich jeden Tag die Mühe und schreibt Kurznachrichten für den Präsidenten auf Schreibtafeln, die er im Garten aufstellt. Barack Obama geht zwar erst nicht auf die Einladungen zum Barbecue, Pingpong oder Bierpong Match ein, doch fällt uns auf, dass er morgens immer besonders langsam bei uns vorbeifährt und aus dem Auto schaut. Ob er wohl die Nachrichten liest? Jedenfalls winkt uns Barack Obama immer ausgiebig zu, wenn wir im Garten sind, und wirft uns oft das typische hawaiianische Shaka Grusszeichen zu. Einmal winkt er uns sogar mit dem Handzeichen, das in US-Gebärden-Sprache «I love you» bedeutet!

Als Doug Miller die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, kommt ein Mitarbeiter von Barack Obama vorbei und informiert ihn, dass der US-Präsident ihn gerne treffen möchte. Die Einladung ins präsidiale Ferienhaus gilt leider nur für direkte Familienangehörige der Millers. Und so darf ich dann nur hören, wie toll es für sie war, Barack Obama zu treffen.

Dougs Ehefrau Bird hüpft nach dem Besuch durchs Haus wie ein glückliches Kind an Weihnachten und erzählt mir, wie Barack sie umarmte und von den Hunden erzählt hat. Und auch Doug ist hin und weg vom Charme des Präsidenten: «Es war eines der eindrücklichsten Erlebnisse meines Lebens!»

Am meisten beeindruckt hat Doug, dass der US-Präsident sogar seinen Zeitplan geändert hat und sich mit den Millers am Abend anstatt wie angekündigt um die Mittagszeit getroffen hat, nachdem er gehört hat, dass die zweite Tochter extra für den Besuch frühzeitig aus den Skiferien vom Festland zurückkommt, ihr Flug aber erst am Nachmittag ankommt.

Und wie sieht ein typischer Ferientag des Präsidenten aus? Um 7 Uhr früh geht er zum Training ins Fitness-Center auf der nahen Militärbasis, kommt um 8.30 Uhr zurück und geht eine Stunde später schon wieder Golf spielen. Nach fünf bis sechs Stunden golfen kommt er jeweils am Nachmittag für rund 30 Minuten zurück zum Haus und geht danach mit Michelle und den Töchtern zum Strand, wandern oder Shave Ice essen. Dies ist die hawaiianische Wasserglace-Variante, bei der Sirup über Wassereis gegossen wird – schmeckt schrecklich süss. Und am Abend gehen Michelle und Barack oft nach Honolulu zum Essen oder nehmen Gäste in Kailua zum Abendessen in Empfang.

Ich stand übrigens nicht mit der Stoppuhr am Fenster, das Weisse Haus verschickt nur einige Minuten, nachdem der Präsident sich von A nach B bewegt, die sogenannten White House Pool Reports, in denen die Pool-Journalisten jede Bewegung, die der Präsident ausserhalb des Weissen Hauses macht, genauestens dokumentieren.

Auf dem Golfplatz fährt Barack Obama seinen Caddy immer selbst und sieht dabei aus wie ein verschmitzter Schuljunge. Der Präsident – irgendwie halt doch ein ganz normaler Mensch.

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