So gut war Vögele bei einem Grand-Slam-Turnier noch nie. Erstmals erreichte die 23-Jährige die dritte Runde. Als Belohnung kassiert sie rund 75 000 Franken, allerdings gehen da noch die Steuern ab. Daran verschwendete Vögele aber keine Gedanken, war gar überrascht. «Was, so viel. Ich freue mich ja schon, wenn ich im Casino mal 50 Franken gewinne.» Als letzte Schweizerin hatte Patty Schnyder im September 2010 beim US Open die dritte Runde bei einem Grand Slam bestritten.

Nur wenig fehlte gestern und Vögele hätte in Paris noch ein drittes Mal den Platz als Siegerin verlassen. Im ersten Satz tropfte ein zweiter Aufschlag von Kirilenko von der Netzkante auf die Linie, statt 6:5 für Vögele führte die Russin wenig später. Im Tiebreak führte Vögele 3:2, dann unterliefen ihr ein paar Fehler. «Sie spielte da nicht schlecht, doch statt im Feld landete der Ball daneben», sagte Coach Ivo Werner. Im zweiten Satz kam Vögele beim Aufschlag ihrer Gegnerin zu zwei Satzbällen. «Den ersten muss sie nutzen», sagte Werner. Doch so jubelten die 26-jährige Kirilenko und auf der Tribüne ihr Verlobter, Eishockey-Star Alexander Owetschkin.

«Ihr fehlte heute die Frische», sagte Werner. Zu wenig kam aus den Beinen, passte zu oft der Abstand zum Ball nicht, was zu Fehlern führte und auch der Aufschlag sei deshalb nicht wie gewünscht gekommen. «Sie hat nicht ihr bestes Tennis gespielt und trotzdem war sie nahe dran, das ist erfreulich», sagte ihr Coach. «Obwohl Sand nicht ihr bevorzugter Belag ist, hat sie bewiesen, dass sie auch hier gute Spielerinnen schlagen kann. Das gibt Selbstvertrauen.»

«Das Turnier war für sie ganz wichtig, denn viel läuft bei Vögele über die Bestätigung», betonte ihr Mentalcoach Chris Marcolli. Er sei beeindruckt von den Kämpferqualitäten, die Vögele in Paris gezeigt habe. «Es gab Phasen, da liess sie sich unter Wert schlagen, inzwischen wehrt sie sich dagegen», sagte Marcolli. Inzwischen sei sie ruhiger auf dem Platz geworden, lasse sich mehr Zeit und trauere nicht mehr lange den verpassten Chancen hinterher. «Wenn sie eine Chance riecht, dann packt sie zu. Daran haben wir hart gearbeitet, sie war lange zu zögerlich.» Vögele muss laut Marcolli lernen, sich vom Anspruch zu lösen, immer ein perfektes Spiel machen zu wollen.

«Leider habe ich diesmal meine Chance nicht genutzt», sagte Vögele. «Es war keine einfache Woche mit den vielen Unterbrechungen, sie hat mehr Energie gekostet als andere Wochen und mich mehr gestresst als sonst, aber es war eine gute Erfahrung», zog sie Bilanz. Durch zwei Matches habe sie sich gekämpft, obwohl sie nicht optimal gespielt habe. «Aber mir fehlt noch ein wenig die Ruhe und auch die Kondition für solch schwere Matches Tag für Tag.» In diesem Jahr aber sei sie konstanter geworden, versuche immer öfters ihr Spiel durchzuziehen. Stabilisieren müsse sie ihren zweiten Aufschlag.

«Du musst solche Wochen erleben, nur dann lernst du, damit besser umzugehen», fügte Werner an. Deshalb bringe sie das Turnier wieder einen Schritt weiter. «Wir müssen noch ein bisschen Konstanz ins Spiel bringen, dann wird es interessant.»

Heute fährt Stefanie Vögele mit ihrer Familie nach Hause, geniesst ein paar freie Tage. Dann steht in Biel Konditionstraining auf dem Programm und in zwei Wochen bestreitet sie das Rasenturnier von ’s-Hertogenbosch als Vorbereitung auf Wimbledon. Vögele ist guten Mutes. Denn: «Ich spiele gerne auf Rasen.»

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