Herr Dosé, vor dieser Saison haben Sie gesagt: «Bis GC in der Super League wieder vorne ist, braucht es mehr als ein Jahr.» Prognosen scheinen nicht Ihre Stärke zu sein.
André Dosé: Ich habe schon bei der Swiss ein paar Prognosen abgegeben, die sich nicht bewahrheiteten (lacht). Dass wir die Vorrunde auf Platz 1 abschliessen würden, hätte selbst im GC-Umfeld keiner für möglich gehalten. Aber es muss die Ambition von GC sein, jede Saison unter den ersten drei abzuschliessen.

Und nun sind Sie auf den Geschmack gekommen und sagen: Wir werden Meister?
Wir hatten einen fantastischen Start in die Saison. Aber wir haben der Mannschaft im Trainingslager in Südafrika gesagt: Jetzt ist erst Halbzeit. Wir führen zwar 1:0. Aber um den Champagner schon kaltzustellen, gibt es keinen Grund. Das muss unsere Einstellung sein.

Welches Ziel haben Sie denn der Mannschaft vorgegeben?
Wir wollen weiterhin guten Fussball bieten. Und es gibt durchaus Dinge, die wir noch verbessern müssen. Auf die Tabelle schauen wir überhaupt nicht.

Das glauben wir Ihnen nicht. Als Wirtschaftskapitän haben Sie auch anhand von Zahlen geführt.
Klar haben wir den Ehrgeiz, uns an der Spitze festzukrallen. Aber man muss auch sehen, woher dieses GC kommt: Wir sind fast abgestiegen und nun Erster. Da muss man nicht in Euphorie verfallen.

Das Schweizer Fernsehen hat Sie schon als «Überflieger des Schweizer Klub-Fussballs» bezeichnet ...
... ach! (verwirft die Hände)

Sie seufzen.
Das ist Blödsinn. Wir haben vier Punkte Vorsprung, die können schnell wieder weg sein.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vernommen haben, dass Basel die Stars Bobadilla und Serey Die verpflichtet?
Ich kenne die Situation in Basel recht gut. Wir können uns nicht mit dem FCB messen. Basel hat mehr Geld auf der Bank als wir in der ersten Mannschaft. Der FC Basel spielt in einer anderen Liga. Basel ist für mich ganz klar Titelfavorit, und auch Sion hat deutlich mehr Mittel zur Verfügung als wir. Unsere Stärke ist, dass wir wohl am meisten aus den vorhandenen Mitteln herausgeholt haben.

Würden Sie sich immer noch als FCB-Fan bezeichnen?
Nein!

Kann man eine jahrzehntelange Klub-Sympathie einfach so ablegen?
Stellen Sie diese Frage einem Spieler auch, wenn er den Klub gewechselt hat?

Sie sind kein Spieler.
Ich habe etwas Neues übernommen und meine Leidenschaft transferiert. Als Chef der Fluggesellschaft Gulf Air hatte ich auch keine grossen Sympathien mehr für die Swiss. Und so ist es im Fussball auch.

Sie wollten nicht zu einem Klub, der gut funktioniert. Nun aber funktioniert es gut bei GC. Und Ihre letzten Vorgänger waren selten viel länger als ein Jahr im Amt. Da drängt sich die Frage auf: Wann treten Sie zurück?
(lacht lange) Ich sehe GC nicht als kurzfristiges Projekt. Konstanz ist das, was GC gefehlt hat. Ein Unternehmen können Sie auch nicht führen, wenn jedes Jahr ein neuer CEO kommt. Ausserdem haben wir noch gar nichts erreicht.

Hat GC das Potenzial, punkto Finanzen und Zuschauerzahlen zumindest in die Nähe des FC Basel zu kommen?
Nein. Zürich ist anders. In Basel identifiziert sich eine ganze Region mit dem Club. Wir müssen in Zürich etwas bewegen. Immerhin haben wir schon deutlich mehr Zuschauer als in den letzten Jahren. Es muss unser Ziel sein, dass wir im Schnitt irgendwo zwischen 12 000 und 14 000 Zuschauern liegen. Dann haben wir es sehr gut gemacht. (Red.: Basel hat durchschnittlich 28 000 Zuschauer.)

GC zieht trotz des Traumstarts noch immer weniger Fans an als der Stadtrivale FCZ.
Es ist nicht unrealistisch, dass GC bei den Zuschauerzahlen den FCZ überholt. Die Tendenz ist steigend.

GC galt lange als Klub der Geldsäcke. Kann ein solches Image, verbunden mit Erfolglosigkeit, nicht eine ganze Generation vom Klub entfremden?
Fussball ist sehr schnelllebig. Auf einmal sehe ich in Zürich wieder GCTrikots. Mit dem Erfolg kehrt auch die Identifikation zurück. Die Etikette «Nobelklub» …

… wollen Sie verschwinden lassen?
Wir haben heute tiefere Ticketpreise als die meisten anderen Super-League-Klubs. Kein Familienvater soll wieder nach Hause gehen, wenn er an der Kasse die Preise sieht. Aber die Nähe zur Wirtschaft, die bleibt für GC wichtig. Es gibt unheimlich viele Leute aus der Wirtschaft, die sich mit GC identifizieren. Diese Abstützung ist einzigartig in der Schweiz. Auch diese Leute gilt es zu pflegen und zu integrieren.

Sind Sie eigentlich finanziell an GC beteiligt?
Es gibt immer wieder Dinge, die der Präsident selber bezahlen muss. Aber man hat mich nicht geholt, damit ich Millionen einschiesse. Das würde auch meine Möglichkeiten sprengen. Mein Auftrag ist es, GC wieder auf Kurs zu bringen. Und ich soll dank meinem Netzwerk neue Geldgeber finden.

GC wird bis 2014 vom Owners Club getragen. Wie gehts danach weiter?
Es muss das Ziel sein, dieses Engagement zu verlängern. Es ist alles auf sehr, sehr gutem Weg.

Ohne Owners Club wäre für GC nicht mal mehr Mittelmass realistisch.
Mit diesen Zuschauerzahlen sind wir auf externe Geldgeber angewiesen. Die Owners spielen eine ganz entscheidende Rolle. Und da hat die frühere Führung einen richtig guten Job gemacht, als sie dieses Projekt auf die Beine gestellt hat. Denn die Owners haben das Überleben des Grasshopper Club erst ermöglicht.

Sie haben eine Tellerwäscher-Karriere hinter sich. Als Sie 1985 bei der Crossair als Pilot anfingen, verdienten Sie 2650 Franken pro Monat. Zwanzig Jahre später wohnten Sie als Chef der Gulf Air in einer Suite, die über 1000 Franken pro Nacht kostet.
Ich musste ganz unten beginnen. Als Buschpilot in Amerika verdiente ich drei Dollar die Stunde und wusste oft nicht, wie ich das Essen bezahlen soll. Was die Suite in Bahrain betrifft: Die hätte ich für mich nicht gemietet. Sie wurde mir zur Verfügung gestellt.

Sie haben bei der Crossair einst für bessere Löhne gekämpft. Ist noch ein Überbleibsel des Gewerkschafters Dosé in Ihnen vorhanden?
Ich habe sicher eine soziale Ader. Ich meine aber, in der Schweiz regulieren wir heute zu viel, der Staat sollte sich nicht überall einmischen. Mir scheint, unser Land gerät zunehmend auf die schiefe Bahn. Wir sind drauf und dran, unsere Stärken wie Liberalismus und Standortvorteile aufzugeben.

Spielen Sie auf die Abzocker- Initiative an?
Das ist nur ein Beispiel. Ich verstehe, dass die Initiative zustande gekommen ist. Was zum Teil passiert ist, kann man nicht gutheissen. Aber das ist jetzt so ein Fall, wo das Pendel auf die völlig falsche Seite ausschlägt. Es ist nicht am Staat, überall regulierend einzugreifen.

Auslöser der Initiative war laut Thomas Minder Ihr Ex-Airline-Kollege Mario Corti, der von der Swissair 12 Millionen Franken für fünf Jahre erhielt ...
Das geht natürlich gar nicht. Es ist absurd, wenn einer bezahlt wird, bevor er eine Leistung vollbracht hat. Aber nochmals: Die Schweiz muss aufpassen, dass sie sich nicht selber unnötig schwächt. Wir regulieren viel zu viel, auch im Fussball.

Dann sind Sie auch gegen das Alkoholverbot in den Stadien?
Ja. Denn: Was passiert, wenn wir den Alkohol in den Stadien generell verbieten? Der Exzess findet einfach anderswo statt. Damit erreicht man nichts.

Stehen Sie den geplanten Massnahmen gegen Gewalt im Stadion kritisch gegenüber?
Ja. Man bestraft häufig Leute, die sich korrekt verhalten. Beispielsweise wenn ein GC-Fan, der in St. Gallen wohnt, kein Ticket für den GC-Fansektor kaufen darf, weil er nicht mit dem Fanzug von Zürich nach St. Gallen gereist ist. Hingegen soll man die Krawallmacher im Stadion, die Verursacher von Gewalt, härter anpacken. Diese muss man strafrechtlich verurteilen. Und zwar hart.

Ist das kontrollierte Abbrennen von Pyros im Stadion, wie es die Stadt Zürich will, eine Lösung?
Das kann ich nicht beurteilen. Die Stadt will diesen Versuch nun starten. Warten wir die Resultate ab.

Hat sich Ihr 14-jähriger Sohn eigentlich gefreut, als Sie GC-Präsident wurden?
Ja, er ist ein Riesen-GC-Fan.

Spielt er selbst auch Fussball?
Ja, bei Stein im Tor. Noch mehr interessiert ihn aber das Golfen.

Auch Sie waren Torhüter, bei Etoile Carouge in der Nationalliga B. Wie steht es heute mit Ihrer Goalie-Karriere?
Ich werde die Rückrunde bei den GC-Veteranen bestreiten.

Bislang spielten Sie für den SC Baudepartement Basel. Ist der Transfer zu GC ablösefrei?
(lacht) Wir stehen noch in Verhandlungen.

Der Tiefpunkt Ihrer Karriere war der Crossair-Absturz in Bassersdorf zur Zeit, als Sie CEO waren. Die Absturzstelle liegt gar nicht so weit vom GC-Campus entfernt. Ist diese Tragödie noch präsent?
Ja. So etwas vergisst man nie. Wir hatten zwei Abstürze bei der Crossair. Der erste war in Nassenwil. Das liegt nur zwei, drei Kilometer von hier entfernt. Dort fahre ich häufig vorbei.

Welche Lehren haben Sie aus diesen Tragödien gezogen?
Es ist nicht alles vorhersehbar. Man kann einen Top-Job machen und trotzdem nicht alles kontrollieren. Als Firmenchef so etwas bewältigen zu müssen, ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Das hat eine andere Dimension als fehlende Liquidität. Da sind Menschen gestorben. Das sind grausame Schicksalsschläge. Und ich stand an der Spitze und war letztlich verantwortlich.

Hatten Sie Verständnis für die Strafuntersuchung, die gegen Sie und Moritz Suter eingeleitet worden war?
Nein, weil die Anklage überhaupt nicht fundiert war. Zum Teil beruhte sie auf blossen Gerüchten. Es gibt mir noch heute zu denken, wie die Bundesanwaltschaft operiert hat. Man sah es ja dann beim Gerichtsurteil: Jeder Punkt war glasklar zu unseren Gunsten. Mein Vertrauen in die Schweizer Justiz ist seither erschüttert. Was wir erlebt haben, war hanebüchen.

Helfen Ihnen solche Erfahrungen, den Fussball – die schönste Nebensache der Welt – zu relativieren?
Absolut. Wenn man so etwas erlebt hat, nimmt man sich vielleicht nicht mehr so wichtig. Fussball ist eben doch nur ein Spiel.

Was halten Sie eigentlich von einer Fusion?
Zwischen wem? Zwischen der United Airlines und der Swiss?

Zwischen GC und dem FCZ. Ist das langfristig denkbar?
Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und schauen, dass wir gut dastehen.

Aber Sie haben gesagt, dass GC nicht an den FC Basel heran- kommen kann. Gemeinsam wäre das vielleicht möglich.
Es gibt auch in der Wirtschaft nur wenige Fusionen, die erfolgreich sind. Wenn es nur noch einen Zürcher Klub in der Super League gäbe: Wer übernähme dann den frei werdenden Platz und wäre dieser Klub attraktiver für die Liga als GC oder der FCZ?

Zum Schluss möchten wir Ihnen ein paar Namen vorlegen. Was fällt Ihnen ein zu Murat Yakin?
Ein hervorragender Trainer.

Moritz Suter?
Ich würde mich freuen, ihn wieder zu sehen (lacht).

Ancillo Canepa?
Ihn treffe ich am Mittwoch wieder. Persönlich verstehen wir uns bestens. Ausserdem kämpfen wir gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen für den Fussball in Zürich.

Gigi Oeri?
Sie hat einen hervorragenden Job in Basel geleistet. Ihr hat der FC Basel sehr viel zu verdanken.

Sepp Blatter?
Er ist eine wichtige Figur für den Fussball und für die Schweiz. Aber es ist typisch schweizerisch, dass erfolgreiche Leute härter kritisiert werden.

Mario Corti?
Wer, bitte?

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