Von Laurin Sarbach *

Mit gemischten Gefühlen steige ich in den Zug ins Berner Oberland. Ich bin auf dem Weg zu Pater Jakob Steiner *, einem Einsiedler. Besser gesagt; einem christlichen Einsiedler, auch Eremit genannt. Von ihnen soll es in der Schweiz nur noch zehn geben. Für meine Maturaarbeit versuchte ich, sie ausfindig zu machen. Ich will ihr Leben dokumentieren, ihre Motivation verstehen und Einblick in ihre Weltanschauung erhalten. Jedoch erwies sich das Aufspüren von Eremiten schwieriger als gedacht. Denn ihre Namen stehen weder im Internet noch im Telefonbuch. Eremiten wollen nicht gefunden werden, denn darum geht es ihnen ja gerade: Um Abgeschiedenheit und Einsamkeit, einzig Gott verpflichtet.

Nach aufwendiger Suche habe ich sieben noch aktive christliche Einsiedler gefunden. Fünf waren bereit, mit mir zu sprechen. Pater Jakob Steiner ist nun der Letzte, der mich zum Besuch empfängt. In Gedanken versunken, schaue ich aus dem Zugfenster auf die vorbeirasende Landschaft. Ich muss lächeln, als ich mich an die Stimme am Telefon erinnere. Sie klang erfreut und aufgeweckt, sodass ich sie nur schwer mit einem Eremiten in Verbindung bringen konnte. Als ob er meinen Anruf erwartet hätte, brauchte es keine Überredungskünste, um den 79-Jährigen für ein Treffen zu gewinnen. Im Gegensatz zu anderen Eremiten war er an meiner Arbeit interessiert und sofort bereit, mir einen Einblick in seine Welt und seinen Glauben zu geben. Es liegt in der Natur der Eremiten, ihre persönliche Beziehung zu Gott zu haben, mit all ihren Geheimnissen und Tabus. So fühlten sich gleich mehrere Eremiten durch ein Treffen mit mir in ihrer Ruhe und ihrer Konzentration auf Gott gestört. Sie haben einen Besuch entschieden, ja sogar empört abgelehnt.

Eremiten sind die Urform der Mönche. Die ersten christlichen Mönche lebten in der Wüste Ägyptens. Nicht zwingend alleine, wie man denken könnte. Geistlichen wie Antonius der Grosse, der Urvater der Wüstenväter, folgten Tausende von Menschen, sodass er sich regelrecht zurückziehen musste, um sein einsiedlerisches Leben zu schützen. Nach und nach breitete sich das Mönchtum auch nach Europa und Asien aus. Eremiten leben grundsätzlich zurückgezogen für sich alleine. In verschiedensten Formen von Askese versuchen sie, ihren Geist zu konzentrieren und ihr Leben für und mit Gott zu leben. Sie entsagen sich den weltlichen Reizen und üben strengen Verzicht auf Überflüssiges. In Meditation, Anbetung, Messzelebrierung, ständigem Gebet, Keuschheit, Armut und Gehorsam wollen sie auf Gott hören – und nur auf ihn.

Mit meiner Maturarbeit hatte ich mir nicht das leichteste Thema ausgesucht. Doch ich war fasziniert. Was sind das für Menschen, die sich in unserer kapitalistischen, schnelllebigen, immer unreligiöseren Welt für ein Leben in der Stille und Einsamkeit entscheiden? Pater Jakob Steiner hat weder Zugang zum Internet noch ein Handy. Über eine Eremitin im Berner Jura habe ich seinen Kontakt vermittelt bekommen. Im Verlauf meiner Arbeit habe ich gelernt, dass jeder Eremit ein Original ist. Alle haben ihre eigenen, ganz persönlichen Lebensgeschichten und Motivationen für den Entzug aus der Gesellschaft, was sie höchst interessant und geheimnisvoll macht.

Halt auf Verlangen. Ich steige aus in die klirrende Kälte. Mir fällt die Abgeschiedenheit des Ortes auf. Der Schnee auf den Matten und den wenigen Häusern scheint jede Art von Geräusch und Zivilisation zu verschlucken. Der Eremit wohnt in einer kleinen Wohnung im Untergeschoss eines grossen Chalets im Berner Stil. Vorsichtig klopfe ich an die Holztür, eine Glocke gibt es nicht. Kurze Stille. Dann Schritte auf dem Flur.

Pater Jakob Steiner ist ein Vorzeigeeremit. Rein optisch gesehen. Ein sauber geschnittener weisser Vollbart ziert das geduldig aussehende, fast schon väterliche Gesicht. Er trägt einen einfachen Pullover, keine Kutte, kein Ordenskleid. Der nette alte Nachbar von nebenan, denke ich. Nichts deutet auf seine nicht alltägliche Lebensform hin. Doch dann sehe ich, wie einfach die Wohnung eingerichtet ist. Ein Tisch mit einer Bank, ein Stuhl. An der Wand ein Holzkreuz und ein Sakramentshäuschen, wo er die Hostien aufbewahrt. Wir setzen uns an den Tisch in der Stube. Mir fallen die wachsamen Augen des Eremiten auf, Zeugen eines jugendlichen Geistes hinter der gealterten Fassade.

Steiner erzählt spontan und offen aus seinem Leben. Immer wieder staune ich kopfschüttelnd, was dieser Mann in seinem Leben alles gemacht, gespürt und durchlebt hat. Seine erste Gotteserfahrung hat er bei seiner Firmung mit elf Jahren. Ihn packt eine so tiefe Sehnsucht, dass er die Kirche nach der Feier nicht verlassen will. Noch auf dem Kirchenplatz entscheidet er sich, Pfarrer zu werden. Es sei ein Rufen und Ziehen tief in seinem Herzen gewesen, sagt er. Er besucht das Klostergymnasium in Einsiedeln, das Schulgeld erbettelt er sich. Schon als 14-Jähriger fühlt sich Steiner zum Mönchtum berufen. Der Drang in die Stille führt ihn jeden Tag in die Kapelle. Später arbeitet er als Stadteremit in der Abwaschküche im Berner Inselspital. Seine Mitarbeiter, die meisten sind Secondos, nennen ihn «Padre». Steiner geniesst das ruhige Leben unter den einfachen Leuten. Nach der Arbeit zieht er sich in seine Wohnung zurück, um zu meditieren. Auf Anfrage übernimmt er ab und an die Leitung von Gottesdiensten in der Region. Er predige gerne, sagt er. Doch immer mehr zieht es ihn in die Einsamkeit. Mit 62 Jahren lässt er sich frühpensionieren und zieht in die Berge des Berner Oberlands in eine kleine Hütte ohne Strom. Doch selbst dort ist es ihm noch zu nahe beim Dorf. Seinen Frieden findet er in einer Hütte auf einer Alp 1500 Meter über Meer, zwei Stunden Fussmarsch von der Zivilisation entfernt.

In der Schweiz gibt es wenig Rückzugsmöglichkeiten für Einsiedler. Diese Woche wurde bekannt, dass die Eremitin Schwester Benedikta die Einsiedelei in der Verenaschlucht (SO) verlassen wird. Die Schlucht als attraktiver Ausflugsort zieht am Wochenende Tausende Besucher an. Ihr sei der Rummel zu viel. Sie könne ihr Leben so schwer dem Gebet widmen. Auch der Stress und die zunehmende Neutralität gegenüber dem Christentum hält die Zahl der Eremiten in der Schweiz tief. Zum Vergleich: Italien ist das Zuhause von rund 1200 Eremiten und damit mit Frankreich Spitzenreiter in Europa.

Bei Steiner ist es ein körperliches Leiden, das ihm nach 16 Jahren Einsamkeit auf dem Berg einen Strich durch die Rechnung macht. Seine Heiterkeit schwindet, als er erzählt, wie er wegen einer Nervenkrankheit an der Hand zurück ins Dorf ziehen musste. Die Schmerzen und das Taubheitsgefühl waren zu gross geworden, sodass er nicht mehr Holzhacken konnte. Ich frage ihn, was ihn für ein eremitisches Leben motivierte. Seine Antwort ist ganz klar: «Gott». Wäre er nicht seiner Berufung gefolgt, würde er am tiefsten Sinn seines Lebens vorbeileben. Er kenne und liebe die Menschen, doch spüre er zu keinem Menschen die gleich grosse Liebe wie zu Gott. In Meditation und Stille wachse die Sehnsucht nach Gott immer mehr. Steiner zitiert Bibelstellen. Dabei schliesst er die Augen, streckt die Arme aus und spricht die Worte mit einer Innigkeit und Liebe aus, als ob ein jedes ein Schatz wäre.

Selten habe ich eine so eloquente und aufgeweckte Persönlichkeit vor mir gehabt wie an diesem Nachmittag. Es ist dunkel geworden in der kleinen Stube der Eremitage. Ich schaue auf meinen Notizblock. Nach zwei Stunden bin ich erst bei der vierten Frage – von zweiundzwanzig. Einmal zu reden begonnen, scheint mein Gegenüber von neuer Jugend gepackt. Er versteht die Kunst des Ausholens und der detaillierten Schilderung. Ich schaue verstohlen auf die Uhr; in einer Stunde fährt mein Zug – der letztmögliche überhaupt, um heute noch nach Hause zu kommen. Der Pater scheint meine Gedanken zu erahnen und lässt mir ein wenig mehr Raum für meine Fragen.

Von ihm aus hätte unser Gespräch noch die ganze Nacht andauern können – Steiner bietet mir sogar an, bei ihm zu übernachten. Nach einem herzlichen Abschied verlasse ich das Chalet am Fluss und renne, dem Schnee auf der Strasse folgend, zum Bahnhof. Halt auf Verlangen. Ich steige ein und mit mir verlässt ein Strauss neuer Eindrücke über Eremiten den kleinen Ort. Erschöpft und glücklich lasse ich mich auf einen der Sitze fallen und bin überzeugt, dass ich diese Begegnung nie vergessen werde.

* Laurin Sarbach (19) ist Maturand am Regionalen Gymnasium Laufental-Thierstein BL. Um die Anonymität des Eremiten zu gewährleisten, bleiben sein Name und Wohnort geheim.

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