Nach der heiss diskutierten 3:5-Niederlage gegen die Schweiz vor einer Woche hat Ihre Mannschaft am Donnerstag die EM-Hauptprobe gegen Israel mit 2:0 siegreich gestaltet. Wie zufrieden waren Sie?
Joachim Löw: Es war eine ganz ordentliche Abschlussprüfung. Sie wird uns für die nächsten Tage ein bisschen Rückenwind mitgeben. Natürlich ist noch nicht alles rund gelaufen, und wir werden ab Montag in unserem EM-Quartier in Danzig noch intensiv an der Feinabstimmung arbeiten müssen. Aber wir waren besser organisiert als gegen die Schweiz und hätten auch noch ein paar Tore mehr schiessen können. Mit einem Sieg in die nächste Woche zu gehen, tut jedoch gut.

Haben Sie Ihre erste Elf für das Spiel gegen Portugal am nächsten Samstag schon gefunden?
Bei einem Turnier gibt es keine erste Elf. Noch nie hat eine Mannschaft vom ersten bis zum letzten Spiel in gleicher Besetzung durchgespielt. Wir müssen jeden einzelnen Spieler optimal vorbereiten und dann am nächsten Freitag entscheiden, wer im Training die beste Form gezeigt hat.

Die deutsche Mannschaft hat ihr Quartier im polnischen Danzig, fliegt zu den Spielen aber in die Ukraine. Dieses Land ist durch die Situation um die Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko betreffend Menschenrechte in die Diskussion geraten.
Wir klären die Spieler über die Verhältnisse in der Ukraine auf. Wir wollen aber ohne Vorurteile dorthin reisen und den Menschen herzlich begegnen. Dass wir für die Menschenrechte einstehen, ist doch ohnehin klar.

Worauf dürfen sich die Fussballfans bei dieser EM besonders freuen?
Auf alles! Es wird eine Hammer-EM geben! Die vielen guten Mannschaften, die leistungsmässig ganz nahe beisammen sind, garantieren dafür. Und auch wenn unsere Vorbereitung durch das langzeitige Fehlen der Bayern-Spieler wegen des Finals in der Champions League nicht optimal gewesen ist: Deutschland wird eine gute EM spielen. Davon bin ich überzeugt.

Haben Sie denn schon Ihren berühmten Tunnelblick, den Sie bei grossen Turnieren immer haben?
Nein, den bekomme ich erst drei Tage vor dem ersten Spiel. Im Moment ist alles noch im grünen Bereich. Spätestens aber bei Turnierbeginn klinke ich mich geistig von allem aus, was um mich herum abläuft. Dann bin ich selbst für Freunde nicht mehr ansprechbar. Ich muss zu jeder Zeit konzentriert und immer auf einem gewissen Niveau bleiben. Ablenkung ist das Letzte, was ich gebrauchen kann.

Sie sagen, während eines Turniers sinke Ihre Lebensqualität auf ein absolutes Minimum.
Das ist so. Im normalen Leben nehme ich mir gewisse Freiheiten, gehe mountainbiken, nach ein paar Stunden Büroarbeit mal einen Kaffee trinken und mische mich unter meine Freunde. Aber während eines Turniers stehe ich von frühmorgens bis spätabends voll unter Strom. Wir haben Reisen, Spielvorbereitungen, Spielergespräche, Spielanalysen, Trainingseinheiten, Medientermine – wir sind rund um die Uhr stark beschäftigt.

Es scheint, als könnten Sie nicht mal Siege geniessen.
Auch das stimmt. Siege kann ich immer erst später geniessen. Wenn wir bei der WM 2010 im Viertelfinale gegen Argentinien 4:0 gewinnen – grossartig, dann freue ich mich innerlich vielleicht ganz kurz, aber wenn ich dann im Flieger sitze oder auf dem Weg ins Hotel bin, dann sage ich: So, und jetzt kommen im Halbfinal die Spanier. Was machen wir mit den Spaniern? Was haben wir bisher noch nicht so gut gemacht? Ich muss nach vorne blicken, kann mich nicht lange beim Argentinien-Spiel aufhalten. Ich kann nicht kommen und sagen: Freunde, jetzt freuen wir uns mal drei Tage und konzentrieren uns dann wieder aufs nächste Spiel. Das geht nicht, dafür geht alles viel zu schnell. Wir müssen sechs oder sieben Spiele auf höchstem Niveau abliefern, sonst gewinnen wir nichts.

Sie strahlen dennoch immer eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Woher kommt diese Souveränität?
Mir macht meine Arbeit einfach Spass. Ich bin tatsächlich entspannt; tiefenentspannt sogar, deswegen aber nicht weniger motiviert. Ich sehe, wie wir arbeiten, und welche Fortschritte wir machen. Ich fühle eine tiefe Zufriedenheit. Natürlich wollen wir einen Titel. Aber ich sehe vor allem die fussballerische Entwicklung, andere sehen nur die Titel. Wenn man immer über Titel redet, sie richtiggehend herbeireden will, wird das Ganze überfrachtet. Spanien hat 50 Jahre auf einen Titel gewartet. England und Argentinien warten auch schon eine Ewigkeit.

Deutschland lechzt aber nach einem Titel.
Und dennoch ist noch nie, oder nur ganz selten, eine Nationalmannschaft in der öffentlichen Wahrnehmung so positiv besetzt gewesen, wie die unsere in den letzten zwei Jahren. Wenn ich ins Ausland gehe, spüre ich grossen Respekt. Selbst im Land des Welt- und Europameisters Spanien. Ich höre auch von meinen Freunden in der Schweiz und in Österreich, dass sie uns gerne spielen sehen. Das war früher nicht immer der Fall.

Was steckt hinter diesem Wandel?
Eine ständige Entwicklung. Im technischen Bereich sind die Voraussetzungen besser als früher, weil in den Nachwuchsleistungszentren viel mehr Wert auf Technik gelegt wird, als noch vor ein paar Jahren. Die Spieler kommen mit einer besseren Basis zu uns und sind früher in der Lage, ganz oben mitzuspielen. Bei einigen Vereinen ist die Bereitschaft gestiegen, Spieler einzubauen, und sie auch spielen zu lassen. Selbst wenn sie ganz jung sind. Diese Bereitschaft war vor sechs, sieben Jahren noch nicht da.

Braucht es eigentlich die berühmten deutschen Tugenden noch?
Diese sind die Grundvoraussetzung, um Erfolg zu haben. Das Einmaleins muss ich beherrschen, wenn ich Mathematik studieren will. Einsatzbereitschaft und Laufbereitschaft sowie professionelles Verhalten, das sind die Grundvoraussetzungen, um im Fussball Erfolg zu haben. Aber darüber möchte ich eigentlich gar nicht mehr reden, das sind Dinge, die ich von meinen Spielern erwarte. Es kommt höchst selten vor in einer Analyse, dass dieses Thema auch nur im Ansatz diskutiert wird. Wichtiger ist die Frage, wie setzen die Spieler ihre physischen Möglichkeiten um? Es nützt uns doch nichts, wenn ein Spieler 13 Kilometer läuft, aber alle im selben Tempo. Wir müssen analysieren: Wie sprintet er? Wann sprintet er? Wie viele Sprints macht er? Was macht er ohne Ball? Das sind für mich die relevanten Dinge.

Deshalb spielt man aber noch nicht zwingend guten Fussball.
Nein, das Ziel war ja auch die fussballerische Entwicklung, um nicht von den deutschen Tugenden leben zu müssen. Wir mussten technisch und taktisch in hohem Tempo besser werden, um in der Lage zu sein, mit den guten Mannschaften mitzuhalten; unser Spiel zu machen und nicht immer nur zu reagieren.

In der deutschen Nationalmannschaft sind bei grossen Turnieren Spieler wie Lukas Podolski oder Miroslav Klose aufgeblüht, die in ihren Vereinen ausser Form waren oder nicht einmal mehr gespielt haben. Eine Sache des Vertrauens?
Wir kümmern uns um die Spieler, nicht nur im sportlichen, sondern auch im menschlichen Bereich. Da wird schon ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut. Zum andern denke ich, dass manchen Spielern unser Anforderungsprofil sehr gut liegt. Unser Kombinationsfussball sagt einem wie Podolski doch mehr zu, als die langen und hohen Bälle, die früher beim 1. FC Köln gespielt worden sind.

Andere, wie Michael Ballack und Kevin Kuranyi, haben keine schönen Abgänge aus dem Nationalteam gehabt.
Der Fall Ballack hätte besser laufen können, ist aber jetzt abgehakt. Kuranyi ist ein guter Stürmer, der seit Jahren viele Tore macht. Aber es stellt sich doch die Frage: Passt er zu unserer Spielweise? Ich will einen Kombinationsspieler als Stürmer, Kuranyi aber hat in anderen Bereichen grosse Qualitäten. In unserer Mannschaft stehen nicht die elf besten, nicht die elf spektakulärsten Spieler, sondern jene, die unsere Vorstellungen am besten umsetzen können und zu unserer Spielweise passen.

Der Titel eines in diesem Jahr erschienenen Buches lautet: «Joachim Löw und sein Traum vom perfekten Spiel». Wie sieht denn für Sie ein perfektes Spiel aus?
Das kann nur ein Traum bleiben. Das perfekte Spiel gibt es nicht. Den Titel hätte ich auch so nicht gewählt.

Was braucht es, um sich dem perfekten Spiel wenigstens anzunähern?
Eine gute Spielkultur bei Ballbesitz, eine gute Raumaufteilung, ein gutes Spiel ohne Ball, gute Laufwege, schnelle Ballzirkulation und vor allen Dingen auch ein schnelles Spiel Richtung Tor; nicht ewigen Ballbesitz.

Dann gefällt Ihnen das Spiel des FC Barcelona also nicht?
Natürlich habe ich sehr viel Spass daran. Der FC Barcelona ist punkto elementare Dinge überragend. Er spielt einen ganz schnellen Fussball, mit Kontaktzeiten von 0,8 oder 0,9 Sekunden im Schnitt. Kaum ein Spieler führt lange den Ball, nur ganz wenige dürfen das. Die Laufwege sind gut, die Raumaufteilung ist es ebenso; und vor allen Dingen, und dies wird häufig vergessen, ist die Defensivleistung hervorragend. Weil die Spieler in der Lage sind, bei Ballverlust sofort zu stören und den Gegner unter Druck zu setzen.

Kritiker finden, Barcelonas Spielweise sei zu eindimensional.
Vielleicht fehlt ihnen in ein paar wenigen Spielen im Jahr mal eine Variante. Vielleicht ist ihr Spiel doch etwas zu sehr aufs Flachpassspiel angelegt. Vielleicht wäre es tatsächlich gut, in gewissen Momenten mal den Schalter umlegen zu können und eine andere Spielweise zu haben. Trotzdem spielt Barcelona natürlich einen hervorragen-
den Fussball.

Sie sagen, das Wichtigste Ihrer Spielidee sei das Spieltempo, das Umschalten von Abwehr auf Angriff.
Das Tempo ist mittlerweile so hoch, dass man in beide Richtungen extrem gut arbeiten muss. Es ist eine Frage der Situation: Wer den Ball gewinnt, muss möglichst schnell zum Abschluss kommen, nach einem Ballverlust aber auch innerhalb weniger Sekunden die Organisation wieder herstellen und gegen den Ball arbeiten. Es ist ein permanentes Umschalten.

Was Borussia Dortmund – mal abgesehen von der Champions League – in der letzten Saison vorbildlich beherrscht hat.
Bei Ballgewinn geht es bei der Borussia fünf oder sechs Sekunden, und dann ist sie beim Tor. Sie versucht das ständig. Deswegen ist der Gegner unorganisiert und Dortmund spielt sich, zumindest national, viele Torchancen heraus. Es sind immer sofort vier oder fünf Spieler weg mit dem einzigen Ziel, schnell den Torabschluss zu schaffen; und nicht lange in Ballbesitz zu bleiben.

Dies war vor zwei Jahren auch bei Ihrem Team, das Argentinien bei der WM in Südafrika 4:0 besiegte, exemplarisch der Fall. Kam diese Leistung Ihren Vorstellungen von einem perfekten Spiel bisher am nächsten?
Das kommt dem vielleicht tatsächlich relativ nahe. Aber die Argentinier haben es uns auch relativ leicht gemacht. Sie haben extrem viele Lücken offen gelassen, weil vier oder fünf ihrer Spieler nur für die Offensive zuständig waren. Und die anderen für die Defensive. Das war eine zweigeteilte Mannschaft. Deshalb war es für uns ziemlich einfach, sie in Schach zu halten.

Kommt es denn nie vor, dass Sie die Nerven verlieren?
Das kann natürlich auch mal vorkommen. Bei Turnieren sind wir acht Wochen zusammen, das ist anstrengend und kostet wahnsinnig viel Kraft, Konzentration und Energie. Und zwischendurch ist es durchaus so, dass auch ich mal an die Decke gehe, wenn etwas nicht klappt. Aber wenn ich mich geärgert habe, dann ist es auch schnell wieder vorbei und gut.

Wie anstrengend ist es eigentlich, in einem Land mit 80 Millionen Fussballexperten als Bundestrainer durchs Leben zu gehen?
Es gibt natürlich Situationen, in denen der Bekanntheitsgrad störend ist. Wenn du immer beobachtet wirst, wo du auch hingehst, auf manche Dinge von fremden Leuten angesprochen wirst, kostet das schon Kraft. Aber man gewöhnt sich auch ein Stück weit daran. Natürlich suche ich mir mehr und mehr meine Rückzugsmöglichkeiten und Freiheiten. Ich weiss mittlerweile auch, wie ich mich verhalten muss, um manche Dinge zu vermeiden.

Sie sind deutscher Nationaltrainer, Urs Siegenthaler ist Ihr Chefscout, Roberto Di Matteo hat mit Chelsea den Champions-League-Final gewonnen, Rolf Fringer ist mal Schweizer Nationaltrainer gewesen und nicht zu vergessen: Auch Jupp Derwall, der spätere deutsche Bundestrainer, hat beim FC Schaffhausen eine Vergangenheit. Gibt es dort so etwas wie ein Trainerkraftfeld?
Auf jeden Fall ist das Ganze erstaunlich. Diese Häufung aus einem Klub, der in der Schweiz eine untergeordnete Rolle spielt. Woran das liegt – ich weiss es nicht. Aber verrückt ist es schon.

Joachim «Jogi» Löw ist 2004 als Assistent von Jürgen Klinsmann zur deutschen Nationalmannschaft gestossen. Das «Sommermärchen» 2006 war der Beginn einer erstaunlichen Entwicklung. Am 1. August 2006 wurde der heute 52-jährige Schwabe Bundestrainer, konzipierte ein spektakuläres Spielkonzept und integrierte viele junge Spieler. Bei der EM 2008 scheiterte Deutschland im Final genauso an Spanien wie bei der WM 2010 im Halbfinal. Nun soll bei der EM 2012 der grosse Wurf gelingen.

Das Trainereinmaleins hat der mit Daniela verheiratete Löw in der Schweiz erlernt. 1989 als Profi zum FC Schaffhausen in die Schweiz gekommen, trat er 1994 beim FC Frauenfeld in der 1. Liga seinen ersten Trainerposten an.


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