Frau Foster, ist «Money Monster» Ihre Abrechnung mit der Finanzwelt?
Jodie Foster: Für mich ist die Finanzwelt dieses mysteriöse Ding, das absichtlich geheimnisvoll gehalten wird, damit wir keine Fragen stellen. Aber «Money Monster» ist sicher keine Anklage gegen die Finanzwelt oder den Kapitalismus. Ich glaube an das System, aber es ist aus den Fugen und wird oft missbraucht. Was mich am Film mehr interessiert, ist das Thema des Versagens und wie man mit Versagen umgeht.

Sehen Sie jedoch Money als Monster?
Money, also Geld, drückt einen Wert aus. Vermischt man Wert mit Identität, wirds verwirrend. Was bin ich wert? Bin ich es wert, geliebt zu werden? Bin ich wertvoll, weil ich reich und berühmt bin? Man muss sich an mich erinnern, weil ich so und so viel Geld habe! Wie rechnet man das alles auf? Geld ist eigentlich nur ein Zähl-Werkzeug. Wenn wir von Geldausleihen und -aufnehmen sprechen, dann finde ich es eine gute Sache, dass sich ein Arbeiter ein Heim leisten kann, weil er Geld aufnehmen kann. Die Finanzkrise legte aber offen, wie dieses System missbraucht und mit Shell-Geschäften Geld herumgeschoben wurde. Es folgten Regulierungen in den USA, aber dann sucht man sich neues, unreguliertes Geld im Ausland. Das ist bedenklich.

Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben?
Als ich aufwuchs, war ich immer nervös wegen des Geldes. Vielleicht unnötigerweise, aber ich dachte als Kind immer, wenn ich den nächsten Job nicht bekomme, wird meine Familie nicht über die Runden kommen. In jungen Jahren der Familien-Ernährer zu sein, hat mich sehr geprägt. Es war der grosse Motivator, gut in der Schule und vor der Kamera zu sein. Aber letztlich ist es ein hohler Antrieb, denn eine Jacht mehr zu haben, ändert letztlich nicht, wer man als Mensch ist. Und sowieso, je älter ich werde: Die Freiheit der Besitzlosigkeit scheint mir interessanter als die Last des Besitzes.

Wie geben Sie diese Erkenntnis an Ihre Kinder weiter, die ja privilegiert aufgewachsen sind?
Das Wichtigste ist mir, dass sie daran denken, das Richtige zu tun. Die Antwort ist nicht immer einfach. Ist es das Richtige, einem Bettler am Strassenrand Geld zu geben? Ich glaube nicht. Das ermuntert, am Strasseneck stehen zu bleiben und weiter zu betteln. Vielleicht ist es besser, das Geld einer Organisation zu geben, die solchen Menschen hilft, einen Job zu finden. Wir lesen am Sonntag immer die «New York Times» und nehmen die Ethik-Sparte nach solchen Dilemmas auseinander.

Mit Julia Roberts und George Clooney haben Sie zwei der grössten Hollywood-Stars vor der Kamera. Macht es das einfacher oder schwieriger?
Es macht es einfach und professionell, wenn jemand Erfahrung und Talent hat. Sie arbeiten – und lachen – beide gern. Wenn man keinen Spass hat, gibt man vermutlich auch nicht seine beste Performance. Denn Filme sind hart. Und so sollen sie auch sein. George amtete als Produzent und war in dieser Funktion eine tolle Unterstützung. Für seine berüchtigten Streiche blieb beim Drehen keine Zeit. Die kommen vielleicht jetzt.

In letzter Zeit wird wieder heftig darüber diskutiert, wie Hollywood Frauen keine grossen Filme anvertraut. Wie denken Sie als eine der wenigen Regisseurinnen, die Hollywood-Jobs bekommt, darüber?
Die Filmwelt verändert sich langsam. Die Sparte Mainstream-Regisseure wohl am langsamsten. Ich habe in meiner ganzen Karriere nur mit einer Regisseurin gearbeitet – weil sie eine Freundin war und ich ihr helfen wollte. Aber immerhin: Als ich anfing, gab es ab und zu mal eine Maskenbildnerin und ein Skriptgirl, sonst gab es gar keine Frauen auf dem Set. Ich glaubte anfänglich, Frauen dürften nicht Regie führen. Lina Wertmüller im fernen Europa war die einzige Regisseurin, die es gab. Ich dachte, so wie sie will ich auch mal sein und auch solche Brillen tragen! (lacht)

Brille tragen Sie jetzt gerade keine, aber Regisseurin sind Sie geworden ...
Ich freue mich auf den Tag, an dem wir keine solchen Quoten und Statistiken mehr vergleichen müssen, denn so sollte man eine Kunstform nicht kontrollieren. «Money Monster» war wohl mein bislang schwierigster Film. Ich wünsche mir nicht zuletzt auch deshalb, dass er ein Erfolg wird, damit das Studio Geld daran verdient und beim nächsten Mal nicht sagen kann, eine Frau als Regisseurin sei eben ein zu grosses Risiko.

Schwierig inwiefern?
«Money Monster» ist eine Hommage an Sidney Lumets Filme wie «Dog Day Afternoon» und «Network» und spielt sich als Thriller in Real-Zeit ab – es passieren also verschiedene Geschichten parallel zur gleichen Zeit. Das zusammenzufügen ist wie ein Puzzle. Dazu kommen inhaltlich die komplexe Materie und logistisch all die Monitore in jeder Szene, die in Real-Zeit abspielen. Die Vorbereitung war also ziemlich kompliziert.

Sie sind jetzt seit 50 Jahren im Showbusiness. «Taxi Driver» feierte dieses Jahr das 40-Jahr-Jubiläum, «Silence of the Lambs» 25 Jahre. Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich bin am stolzesten darauf, in den Siebzigerjahren dabei gewesen zu sein, also auf Filme wie «Taxi Driver». Das war wirklich eine goldene Zeit für den amerikanischen Film. Auf «Little Man Tate» bin ich auch sehr stolz, weil es mein erster Film als Regisseurin war. Er war nicht perfekt und ich war naiv, er war nicht hundert Prozent das, was ich fühlte. Bereuen tue ich fast nichts. Ausser die wenigen Momente, bei denen ich kalkuliert einen Entschluss fällte, weil es angeblich gut für die Karriere war oder mir mehr Geld einbrachte. Aber jedes Mal war ich deswegen traumatisiert, und schliesslich lernte ich meine Lektion.

Und heute? Betrübt es Sie, dass die Kinos bald nur noch Blockbusters zeigen?
Egal wie viele grosse IMAX-3-D-FranchiseFilme gezeigt werden, Filme werden nie nur Entertainment sein. Ich glaube aber, dass eine Trennung stattfindet. Die grossen Kinos zeigen nur noch eine bestimmte Sorte Filme. Aber ob im Heimkino oder auf dem Telefon: Platz für Geschichten gibt es immer.

Sind Sie auch politisch so optimistisch? Es ist ja Wahljahr in den USA …
Ja, denn in der digitalen Ära können wir mehr Fragen denn je stellen. Man kann nicht mehr alles so gut verstecken wie früher. Vor hundert Jahren hätte ein mittelloser Mensch aus einem kleinen Dorf irgendwo in der Welt den Präsidenten der USA nicht zu Fall bringen können. Die Demokratie des Internets macht das heute denkbar. Mein Sohn liest viel online und könnte sich vorstellen, Politwissenschaften zu studieren. Wenn diese Wahlen also das Interesse der jungen Leute wecken, dann finde ich das ganz toll.

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