VON KURT-EMIL MERKI

Ascher kann ein Mittwoch nicht sein. Es war der 17. Februar und ich war – die Gründe spielen hier keine Rolle – einer der Letzten überhaupt, die davon erfuhren, dass Thomas Borer (52) und Shawne Borer-Fielding (40) kein Ehepaar mehr sein wollen. Was für eine Tragödie! Jedenfalls für mich.

Ich sehe, wie da und dort der Kopf geschüttelt wird. Die Schweiz hat keine Lepra. Die Schweiz hat kein Ölvorkommen. Die Schweiz hat wenig zeigefreudige Prominenz. Ausser den Borers. Und jetzt brechen uns die auch noch weg. Wie gesagt: eine Tragödie.

Ich habe hungrig alles mitverfolgt, was die Borers vor- und aufgeführt haben. Solothurn, 5. Juni 1999. Die wunderschöne Braut. Der smarte Bräutigam. Die riesige Kirchenpforte von St. Ursen öffnete sich, das frisch vermählte Paar, eng an eng, glitt langsam die grosse Treppe hinab. US-amerikanische Elitesoldaten standen Spalier. Mehr Hollywood gab es in Solothurn selbst an den Filmtagen nicht. Aus der Kathedrale ertönte Mendelssohns Hochzeitsmarsch, vom hellsichtigen Organisten so intoniert, als handelte es sich um den Marsch des Infanterieregiments 31. Ich wischte eine Träne aus dem Auge, weil ich zu ahnen begann: Das Leben der Borers wird kein ewiger Canal Grande sein. Sondern bald einmal eine Kampfbahn.

Ich höre den Einwurf: Schiessbudenfigur! Ich höre den Vorwurf: Fremdgänger! Ich antworte: Miss Texas. Und: Connaisseur. Ich höre: Barbiepuppe! Frauenverächter! Ich sage: Style-Ikone. Karrierediplomat. Wann hat dieses Land ein Couple gehabt, das mehr Glamour verströmte, das auf dem roten Teppich und auf dem politischen Parkett eine gleichermassen vorzügliche Rolle spielte? Kurt und Paola Felix?

Roger und Mirka Federer? Ernesto und Kirsty Bertarelli? Ich bitte Sie. Glamourös kann nur sein, wer auch den Kontrast dazu liefert. So wie zum Sonnenstrahl der Schattenwurf gehört und zum Rausch der Kater, so gehört zur Gloriole der Pferdefuss.

Davon konnte ich nie genug kriegen. Und ich bekam es reichlich. Gott, war das eine wunderbare Zeit, als die Schweiz im Frühling 2002 wochenlang darüber rätselte, ob die unkenntliche Frau hinter der abgedunkelten Scheibe einer Luxuskarosse, die auf dem Weg in die Tiefgarage der Schweizer Botschaft in Berlin war, tatsächlich Djamile Rowe hiess.

Eine aufs Materielle erpichte polnische Kosmetikerin, die den Diplomaten, der rutschiges Terrain gewohnt war, zum Straucheln brachte.

Oder hatte etwa ein infamer Fotograf dem «SonntagsBlick» ein Machwerk untergejubelt – den schnellen Franken witternd? Nun, wir wissen, dass wir das nie wissen werden. Wir wissen aber auch, dass die so genannte Borer-Affäre nur Verlierer hinterlassen hat. Verleger Michael Ringier musste in riesigen Lettern «Entschuldigung!» rufen und den Lesern des «SonntagsBlick» erklären, dass und weshalb sich sein Konzern mit dem Botschafter geeinigt hatte. Wie viel diese Einigung gekostet hat, ist bis heute nicht ruchbar geworden.

Verlierer waren aber auch die Borers und Aussenminister Joseph Deiss. Dem Bundesrat wurde mangelhaftes Krisenmanagement vorgeworfen und Borer quittierte den Dienst, nachdem er eingesehen hatte, dass seine Diplomatenkarriere nie mehr richtig in Fahrt kommen würde. Obendrein ist Borer den Ruf nicht mehr losgeworden, ein Hallodri zu sein. Das ist Zirkus auf höchstem Niveau. Dafür waren die beiden immer gut. Jahrelang.

Wer sass kess und wortreich auf der Couch von Thomas Gottschalk? Borer-Fielding.

Wer nahm medienwirksam am Karneval von Aachen teil und durfte sich den Orden «Wider den tierischen Ernst» umhängen lassen? Borer mit Fielding.

Wer liess die Schweiz an ihren (glücklichen und unglücklichen) Schwangerschaften teilhaben? Fielding mit Borer.

Wer trat in letzter Zeit selbst an edelsten Veranstaltungen immer ungenierter mit Frauen in Erscheinung, die dem Film «Irma la Douce» entlaufen schienen? Borer ohne Fielding.

Unsereins, der den Borers so viel Schwank, Kino und Opera buffa verdankt, sah das Ende nicht kommen. Weil wir es nicht sehen wollten. Weil wir unser Boulevard-Paar behalten wollten.

So wie die Borers ihre Liebe, ihr Leben und ihr Leiden grossartig inszeniert und orchestriert haben, so gekonnt haben sie das Ende arrangiert. Wenn Herr Schweizer von Frau Schweizer genug und wenig Stil hat, dann tippt er Worte wie «Unsere Zeit ist vorüber. Wünsche dir alles Gute» ins mobile Telefon und lässt durch einen Freund seine Siebensachen bei der zukünftigen Ex abholen.

Nicht die Borers. Die bewahrten Haltung bis zum Schluss. Der Ehemann, der nun auch auf dem Papier wieder jener flotte Junggeselle werden will, als der er sich im Alltag schon lange benimmt, setzte einen Trennungsantrag auf und liess ihn seiner Ehefrau am Valentinstag zukommen.

Das ist für Shawne Borer-Fielding nicht etwas das Signal, sich auf den Boden zu werfen und laute Klagelieder anzustimmen. Sie geht nicht in Sack und Asche, sondern an den Computer. Und schreibt, was wenige Sekunden später alle lesen können, die mit der grossen, weiten Welt vernetzt sind: «Ich fühle mich wie in einem Film.» Flugs ändert sie ihren Zivilstandstatus auf Facebook auf «Single». So macht man das!

Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass Borer-Fielding uns auch an ihrem Rosenkrieg beteiligen. Hautnah und mit allen Facetten. Lasst bitte nichts aus! Weiter hoffe ich, dass Shawne Fielding bald wieder einen geschmeidigen Mann findet, der sich für die Ehe begeistern lässt. Und Thomas Borer: Möge er sich ausgiebig mit feschen Lolas vergnügen. Ihm und uns zum Pläsier. So wird auch diese Scheidung ihr Gutes gehabt haben.

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