Herr Gubser, wäre James Bond eine Traumrolle für Sie?
Stefan Gubser: Den kann man wohl nicht ganz mit dem «Tatort» vergleichen. Um einen James Bond zu drehen, hat man 160 Millionen – wir haben ein kleines bisschen weniger.

In «Wunschdenken» sind Sie immerhin der Schweizer Bond.
Natürlich würde mir der richtige Bond Spass machen – welcher Schauspieler träumt nicht davon? So wie Daniel Craig ihn interpretiert, gefällt er mir extrem gut. Allerdings wäre ich selber wohl bald zu alt dafür.

Wen oder was möchten Sie unbedingt mal spielen?
Das kann man beim Film so gar nicht beantworten. Eine Traumrolle kommt ja auf einen zu mit einem Drehbuch. Sie könnte einem jeden Tag begegnen, das ist das Schöne an diesem Beruf. Mir gefallen sicher eher komplizierte Typen, weil man dabei mehr spielen, mehr Facetten zeigen kann. Und ich mag eher den dramatischen Bereich als die Romantic Comedy.

Hat demnach Ihre Rolle im dramatischen «Hello Goodbye» 2007 als älterer Mann, der sein eigenes Ende beschliesst, für Sie perfekt gepasst?
Die hat mich 150 Prozent gefordert – und hat deshalb zu mir gepasst. Je mehr Angst ich vor etwas habe, desto spannender finde ich es. Angst treibt mich an, treibt mich zu Leistung. Eine extrem komplizierte Rolle fordert mich bis in die letzte Faser. Das macht mich lebendig.

Lieben Sie diese Herausforderung auch im Privatleben?
Nein. Ich suche nicht die Grenzerfahrung. Das habe ich früher vielleicht gemacht – aber diese Zeiten sind vorbei. Ich suche Ausgleich, Harmonie, Gelassenheit, Vertrauen, Liebe.

Der Privatmensch Gubser und der Schauspieler Stefan Gubser – funktionieren diese beiden Typen demnach komplett unterschiedlich?
Hm, das ist schwierig. Ich versuche natürlich, in all meine Figuren meine Persönlichkeit einzubringen. (Denkt nach.) Vielleicht suche ich tatsächlich auch im Privatleben eine gewisse Herausforderung. Ich liebe Abenteuer. Ich gehe wandern, ich habe angefangen zu segeln – auch wegen Reto Flückiger. Ich kann ja nicht jemanden spielen, der segelt und keine Ahnung davon hat. Ich habe den Segelschein gemacht, ich war auch schon zweimal auf dem Meer und habe Lust, damit weiterzumachen. Ich bin ein Typ, dem es schnell langweilig wird. Ich hasse Gleichschritt und Routine. Insofern gleichen sich Reto Flückiger und ich tatsächlich.

Flückiger wird in «Wunschdenken» vom Bodensee an den Vierwaldstättersee versetzt, möchte aber zuerst noch Ferien machen. Doch dann passierts. Also lässt er lässt seine Ferien sausen und packt an. Würden Sie das auch so machen?
Auf jeden Fall – für eine wirklich gute Rolle. Früher sogar für jede Rolle. Dafür hätte meine Frau auch Verständnis.

Aus Pflichtgefühl oder aus Ehrgeiz?
Das Leben ist wie ein Fluss, und plötzlich schwimmt ein Baum vorbei: die Chance, die man packen muss. Chancen darf man im Leben nicht vorbeiziehen lassen. Vor 30 Jahren hat mir jemand von einer Insel in Brasilien erzählt, wirklich weit ab. Eine Sekunde schoss mir durch den Kopf: Da musst du hin. Innerhalb von zwei Wochen habe ich mein Engagement und meine Wohnung gekündigt und flog dorthin.

Und was hat es gebracht?
Extrem viel. Ich habe eine ganz andere Form von Freiheit und Herausforderung erlebt. Dort ging es darum: Wie komme ich zu Nahrung? Wie komme ich zu Wasser? Wie bestreite ich den Alltag?

Ein privates Überlebenscamp?
Kein Überlebenscamp. Es gab dort einfach nichts. Ich habe mit Leuten zusammen eine Hütte gebaut, ich habe ein Wasserloch gebaut. Mir gefallen simple Sachen. Das bringt mich auf den Boden.

Vor gut einem Jahr haben Sie den Kilimandscharo in Angriff genommen. Noch eine solche Grenzerfahrung...
Man darf den Kilimandscharo nicht überschätzen. Es ist primär eine Frage, ob man die Höhe erträgt. Ich hatte einen Magen-Darm-Infekt und bin dann auf 4800 Metern ohnmächtig zusammengesackt. Das war dann tatsächlich eine Grenzerfahrung. Ich wusste, da gibt es keinen Helikopter, keinen Arzt, gar nichts. Ich war dehydriert, trank und trank Wasser, erholte mich langsam und trauerte dem Gipfel überhaupt nicht nach.

Zurück zum Kommissar Flückiger. Der wendet ziemlich ungewöhnliche Methoden an – bis zum Einbruch. Finden Sie als Bürger solche Methoden der Polizei zulässig?
Aus vielen Gesprächen mit Polizisten habe ich erfahren, dass ihnen die Hände unglaublich eng gebunden sind, dass sie Leute laufen lassen müssen, weil sie das Gesetz – etwa der Datenschutz – zu sehr einschränkt. Sie leiden manchmal offensichtlich unter einer Gesetzgebung, die zum Teil als kriminellenfreundlich angesehen wird.

Wie ausgeprägt ist Ihr Gerechtigkeitssinn?
Schon als Schüler bin ich deswegen oft angeeckt, vor allem weil ich oft lauthals Stellung bezogen habe. Natürlich wird man im Alter ruhiger und diplomatischer.

Dann sind Sie für die Rolle des Kommissars tatsächlich prädestiniert.
Sicher. Obwohl ein starker Gerechtigkeitssinn einen auch zu Fehlern, zu übermässigen Reaktionen verleiten kann.

Sie haben sehr oft Polizisten gespielt. In «Snow White» mimten Sie dann einen Drogendealer. Damit haben Sie mich aber weniger überzeugt. War Ihnen die Rolle des Bösen fremder?
Ah ja? Das kann man so nicht sagen. Eine Rolle ist immer auch ein Fantasieprodukt und hat ihren spannenden Teil. Darin kann ich meinen Spieltrieb ausleben. Ich spiele genauso gern einen Drogendealer wie einen Polizisten. Oder den Psychiater in «Liebling». Da stand ich mit den beiden grössten Comedian-Rampensäuen Marco Rima und Esther Schweins vor der Kamera. Das war für mich eine Riesenherausforderung, weil es nicht mein Fach ist. Ich habe Marco Rima gesagt: Ich machs, aber ich will die Szenen vorher proben. Das haben sie mir zugestanden, und wir hatten Mega-Spass dabei.

Die Rolle als blosses Ausleben eines Spieltriebs?
Oft auch als wirtschaftliche Notwendigkeit. Ich habe in meinem Leben unerhört viel Schrott gespielt – oft, weil ich gar keine andere Wahl hatte: Ich brauchte Geld, um meine Familie zu ernähren. Ich habe so schlechte Zeiten erlebt! Bis ich 35 war, wusste ich oft nicht, wie ich meine Miete oder meine Telefonrechnung zahle.

Im Schweizer Film spielen Sie sehr häufig, übernehmen oft auch kleinere Rollen. Ist es eher hilfreich oder hinderlich, dass die Szene so klein ist, dass alle alle kennen?
Ich finde es hilfreich. Ich arbeite gerne mit Leuten, die ich schon kenne. Die Arbeit als Schauspieler hat viel mit sich öffnen und mit Vertrauen zu tun, mit Emotionen und Zulassen. Und je vertrauter man mit jemandem ist, desto einfacher und schneller geht das.

Sie sind einer der bekanntesten Schauspieler. Und als Kommissar stehen Sie für Vertrauen. Wann steigen Sie in die Politik ein?
Sie werden staunen, ich habe mir das tatsächlich schon überlegt. Ich setze mich gern mit Menschen auseinander und scheue Konfrontationen nicht. Aber mittlerweile: nein. Weil ich durch Bekannte in das politische Geschäft Einblick bekommen und gemerkt habe: Das ist nicht mein Ding.

Warum?
Da wird so viel taktiert. Da geht es so wenig um ehrliche, offene und geradlinige Haltung. Und das vertrete ich enorm – privat und in meiner Firma. Politiker können sich das nicht erlauben oder sie machen es nicht.

Das einzige politische Statement aus den letzten Jahren, das ich von Ihnen gefunden habe, war ein Pro für die Waffenschutzinitiative.
(Zögert.) Ich übe mein politisches Gewissen aus, ich gehe auch immer stimmen und wählen. Und fordere auch andere dazu auf. Wir haben mit unserer direkten Demokratie ein Privileg, weil wir mitentscheiden und mitgestalten können. Und ich glaube, dass unsere Schweiz deshalb auch so erfolgreich ist, wie sie ist. Und ich bedaure, dass so viele Leute unpolitisch sind, nicht stimmen gehen, sagen, die in Bern machen doch, was sie wollen. Aber dass ich in der Öffentlichkeit andauernd meine Meinung verkünde, finde ich nicht nötig.

Könnte Sie sich aber vorstellen, dass ihre Frau Brigitte Politikerin wäre und Sie der Begleiter, der Ehemann?
Meine Frau würde sicher nicht in die Politik gehen. Sie ist in der Wirtschaft tätig. Wenn sie mich darauf ansprechen, ob ich Mühe hätte, mit einer erfolgreichen Frau an meiner Seite, muss ich das verneinen. Meine Frau ist erfolgreich und ich bin extrem stolz auf sie.

Sie leitet als CEO die Mediaagentur ZenithOptimedia, auch das ist ein öffentlicher Job.
Früher war es immer so, dass sie als meine Frau dabei war. Heute passiert es immer öfter, dass sie eingeladen ist und ich als ihr Anhängsel mitgehe. Das macht mir überhaupt nichts aus.

Wenn Sie betonen, Politik sei so wichtig und wir hätten ein tolles System: Stört es Sie dann, dass in «Wunschdenken» die Politiker so dumm, machtgierig und das politische System so fragwürdig gezeichnet sind?
Nein. Diese Geschichte hat sich der Drehbuchautor so ausgedacht, sie ist spannend und gute Unterhaltung. In so einem Film kann man ja nichts wirklich Neues erfinden – es gibt schon so viele Krimis. Ziel ist, dass das Produkt spannend und unterhaltend ist. Und wenn das eine oder andere auf der Strecke bleibt, so gehört das dazu.

Der Film wird am 14. August ausgestrahlt, verspätet. Er wurde von Kulturchefin Nathalie Wappler scharf kritisiert – und sie hat Überarbeitungen angeordnet. Ich nehme an, diese Kritik hat wehgetan.
(Überlegt.) Natürlich tat das weh. Aber: de gustibus non est discutandum. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden. Wenn man Schauspieler ist, lebt man mit Kritik. Das beginnt in der Schauspielschule, wenn man vor versammelter Klasse in den Boden gestampft wird. Wenn man Kritik nicht erträgt, dann hat man in diesem Beruf nichts verloren. Wenn ein Film mit mir kritisiert wird, so sage ich nicht einfach: Das ist blöd von diesen Leuten, sondern ich frage: Was hat es mit mir zu tun?

Gehen Sie wirklich so rational um mit Kritik?
Es ist Kopfarbeit, aber weil Kritik verletzt, muss man sie auch emotional angehen, sie verarbeiten. Ich habe in den schwierigsten Situationen am meisten gelernt. Mir ist eine Ehe in die Brüche gegangen, das war ein absolutes Grounding für mich. Aber am Ende habe ich mehr gelernt, als wenn immer alles juppi duppi Heiterkeit gewesen wäre.

Welche Art Kritik trifft Sie am meisten?
Wenn sie nicht mehr die Sache meint, sondern auf den Menschen zielt, wenn sie jemanden verletzen will. Und wenn sie ungerecht ist. Das mag ich gar nicht. Auch nicht, wenn es anderen in meiner Gegenwart passiert.

Und welches Lob ist für Sie am schönsten?
Wenn ich spüre, dass es von Herzen kommt. Dass es eine ehrliche Meinung ist, hinter der nicht eine Hinterabsicht steckt, etwas zu erreichen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!