Herr Kurer, für viele Leute galten Sie als mitschuldig für den Beinahe-Untergang der UBS. Werden Sie auf der Strasse noch angesprochen?
Peter Kurer: Nicht oft, aber die Leute erkennen mich schon.

Welches sind die Reaktionen?
Die Leute waren immer freundlich zu mir. Ich hatte nie ein negatives Erlebnis. Es besteht ein grosser Unterschied zwischen der veröffentlichten Meinung und der privaten Meinung der Leute.

Aber das öffentliche Bild über Sie war und ist zum Teil immer noch negativ. Wie gehen Sie damit um? Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?
Intellektuell, das heisst im Kopf, muss man Kritik immer sensitiv begegnen, damit man daraus lernen kann. Emotional muss man sich in einer Position, wie ich sie innehatte, eine dicke Haut wachsen lassen. Sonst macht man sich kaputt. Oft trifft die Kritik das eigene Umfeld, die Familie, stärker als einen selbst.

Was war für Sie der schlimmste Moment bei der UBS?
Wirklich schlimm war, dass die negativen Ereignisse nie aufzuhören schienen. Ich war in meinem Leben immer der Überzeugung, dass man die Probleme lösen kann, wenn man sie richtig, schnell und energisch anpackt. Aber damals bei der UBS kam, sobald wir ein Problem gelöst hatten, ein neues dazu. Das ging beinahe zwei Jahre so.

Können Sie sich vorstellen, je wieder in einem Verwaltungsrat einer Bank Einsitz zu nehmen?
Bis jetzt habe ich alle solche Anfragen negativ beantwortet. In einem Verwaltungsrat ist man sehr stark eingeschränkt. Wenn Sie Berater sind, dann hören Ihnen die Leute genauer zu und Sie sind in ihren Meinungen freier. Deshalb ist Ihre Wirkung als Berater stärker.

Der Steuerstreit mit den USA, der von der UBS ausgelöst wurde, geht trotz Staatsvertrag weiter. Sind Sie enttäuscht?
Sicher bin ich enttäuscht. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit können wir sagen, dass wir den letzten Akt des Dramas noch nicht gesehen haben. Wir müssen wissen, dass die Amerikaner ihre Interessen normalerweise ohne Rücksichten durchsetzen.

Wird durch das neue Steuerabkommen mit Deutschland der Finanzplatz Schweiz gestärkt oder geschwächt?
Es ist sicher gut für die Schweiz, dass wir jetzt ein lang schwärendes Problem gelöst haben. Positiv ist auch, dass der Marktzugang der Schweizer Banken in Deutschland damit sichergestellt wird. Auf der anderen Seite werden gewisse Gelder nicht mehr in die Schweiz kommen.

Mit welchen Folgen?
Es wird zu einer starken Konsolidierung bei den Privatbanken kommen. Ich glaube aber, dass der Schweizer Finanzplatz insgesamt diese Phase gut überleben wird. Er ist nach wie vor stark, und es wird auch wieder neue Möglichkeiten geben. Letzten Endes sind wir ein Hort der Sicherheit, während überall sonst die Kulissen fallen.

Werden die Bankenlöhne sinken?
In der Tendenz ja. Wenn ein Markt kleiner wird und sich konsolidiert, dann werden Stellen abgebaut und damit sinken in der Regel auch die Löhne.

Hat die Schweiz gut verhandelt?
Sie hat sogar hervorragend verhandelt. Die Schweizer verhandeln immer gut. Sie werden vom Rest der Welt gehasst, weil sie immer am Verhandlungstisch bleiben, bis das letzte Komma am richtigen Ort steht.

Stört es Sie nicht, dass die Schweizer Banken zu Steuereintreibern anderer Staaten werden?
Sie sprechen die Abgeltungssteuer an, die von den Banken selber auf dem Vermögensertrag ihrer deutschen Kunden erhoben und dann anonymisiert dem deutschen Staat abgeliefert wird. Dies ist der problematische Aspekt des Abkommens mit Deutschland. Steuerhinterziehung war immer eine schlechte Sache. Aber es ist eine andere Frage, ob die Banken die Arbeit der ausländischen Steuerbehörden machen sollen. Das war ja genau der Grund, weshalb man ursprünglich keine Weissgeldstrategie gefahren hat. Denn dies geschah sicherlich nicht, weil man Sympathien mit Steuerhinterziehern hatte ...

… sondern weil es ein Milliardengeschäft war.
Man hat einfach gesagt: «Non olet – Geld stinkt nicht». In diesem Punkt hat sich die öffentliche und politische Meinung geändert, und deswegen müssen sich die Banken jetzt anpassen.

Die Schweiz war lange ein Hort des Schwarzgeldes. Welchen Wert hat das Bankgeheimnis jetzt noch?
Die Bedeutung des Bankgeheimnisses geht natürlich weit über den Schutz von Steuerhinterziehern hinaus. Auch wenn man es nicht mehr als Schutzwall gegenüber den ausländischen Steuerbehörden einsetzt, bleibt es wichtig.

Wofür konkret?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Letzthin kam ein sehr bedeutender Mann aus Deutschland mit einem sehr grossen Vermögen zu mir und sagte, er wolle sein ganzes Geld in die Schweiz bringen. Es sei alles versteuert, aber er wolle es ausserhalb des Landes haben, weil er befürchte, dass seine Regierung aufgrund der finanziellen Probleme des deutschen Staates private Vermögen irgendwann verstaatlichen könne. Das ist vielleicht eine etwas radikale Position, aber keine unübliche.

Die Schweizer Banken leben also auch ohne Schwarzgeld gut. Wäre es nicht gescheiter gewesen, sie hätten das selber erkannt, als unter ausländischem Druck nachgeben zu müssen?
Die Problematik war innerhalb des Bankensystems schon lange bekannt. Als die Schweiz mit der EU die Bilateralen II verhandelte, machten sich vor allem die Rechtsabteilungen der Banken stark für ein Abkommen über die Finanzdienstleistungen. Damit hätte man den sofortigen Marktzugang zur EU gehabt. Der Nachteil wäre gewesen, dass damit der automatische Informationsaustausch zwischen den Steuerbehörden auf den Tisch gekommen wäre. Deswegen wurde dieser Vorschlag am Ende von den offiziellen Vertretern der Banken und den massgebenden politischen Entscheidungsträgern abgelehnt.

Wäre für Sie der automatische Informationsaustausch kein Problem?
Wäre ich ein Zyniker, würde ich sagen: Er ist die einfachere Lösung, weil er sowieso nicht funktioniert. Das haben auch die Engländer und die Deutschen gemerkt. Die sagen sich doch: Die superkorrekten Schweizer sind die besseren Steuereintreiber als unsere eigenen Steuerbürokraten, die bis heute den automatischen Informationsaustausch nicht einmal innerhalb der EU wirklich zum Laufen gebracht haben.

Der Bund will die Kapitalvorschriften für die Grossbanken verschärfen. Sind diese damit sicher genug?
Ich persönlich wäre für noch mehr Kapital, nämlich ungefähr 10 Prozent auf den so genannt ungewichteten Aktiven. Diese ungewichteten Aktiven umfassen die ganze Bilanzsumme, sie sind also leicht nachzuvollziehen und zu überprüfen. Dadurch wird das Vertrauen in das Bankensystem erhöht. Demgegenüber sind die vom Bund vorgesehenen risikogewichteten Kapitalanforderungen völlig undurchsichtig. Selbst bei den Banken und bei den Aufsichtsbehörden weiss nur eine Handvoll Leute wirklich, um was es sich dabei handelt.

Halten Sie eine Verlegung des UBS- Sitzes ins Ausland denkbar, wie es Konzernchef Oswald Grübel für den Fall schärferer Kapitalvorschriften angedroht hat?
Ich glaube nicht, dass eine der beiden Grossbanken ins Ausland emigrieren wird. Der Sitz der Banken hängt nicht nur von den Kapitalvorschriften ab. Der Standort Schweiz hat sehr viele andere Vorteile.

Sollen sich die Grossbanken aufspalten, um ihre Risiken zu vermindern?
Ich bin persönlich der Ansicht, dass die Banken im heutigen sehr risikoreichen Umfeld ihre Geschäfte stärker in rechtlich selbstständige Tochtergesellschaften aufteilen sollten. Sie sollten gewissermassen Flutkammern schaffen. Das wäre natürlich das Ende des voll integrierten Bankenmodells von heute, wo Vermögensverwaltung und Investmentbank unter einem Dach vereint sind. Dennoch wäre es durchaus vernünftig, nun diese juristische Trennung zu machen. Denn mit einem voll integrierten System wie heute importieren die Banken in einer sehr intransparenten Art und Weise Risiken von ihren hochriskanten Investmentbanken in ihr weniger riskantes Vermögensverwaltungs- und Schweizer Geschäft.

Eine separate Gesellschaft ist bei «Too big to fail» bereits vorgesehen.
Ja, aber nur für den Krisenfall. Der Gesetzgeber sagt, die Banken müssten sich so vorbereiten, dass sie das systemrelevante Geschäft in eine separate Tochter einbringen können, wenn die Krise kommt. Dieser Vorschlag ist beinahe naiv. Man kann nicht einfach den Hebel von links nach rechts stellen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. So etwas muss man machen, lange bevor die Krise da ist.

Der Abschied vom integrierten Bankenmodell würde aber die Gewinne der Banken senken.
Ja, das stimmt, und somit werden auch die Aktienkurse und der Wert der Mitarbeiterbeteiligungsprogramme abnehmen.

Wehren sich die Bankmanager deswegen gegen die rechtliche Verselbstständigung ihrer Geschäfte?
Das ist sicher mit ein Grund für ihre Opposition. Aber ich glaube, mittelfristig werden wir trotzdem den Abschied vom integrierten Bankenmodell sehen. Die Vorteile einer Struktur mit eigenständigen rechtlichen Einheiten unter einem gemeinsamen Dach überwiegen eindeutig. Es macht die Banken stabiler. Das ist gut für ihre Kunden und letztlich für die ganze Volkswirtschaft.

Schon wieder droht der Welt eine Wirtschaftskrise. Wie gross ist die Gefahr, dass nochmals Banken gerettet werden müssen?
Für die Schweizer Banken sehe ich kein Problem. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht. Hingegen glaube ich, dass in mehreren europäischen Ländern Banken gefährdet sind. Das Bankensystem in Frankreich, aber auch in Spanien und in Deutschland ist in gewissen Bereichen immer noch schwach. Ich erachte es als nicht unwahrscheinlich, dass es nochmals Stützungsmassnahmen braucht. Das könnte durchaus auch grössere Banken betreffen.

Eigentlich sind die Banken schuld an der jetzigen Krise. Wegen ihrer billionenschweren Rettung sind die USA und die Euroländer hoch verschuldet.
Das stimmt so nicht. Die Banken waren nur das erste Zeichen, dass im System etwas schiefläuft. Sie waren so etwas wie der Kanarienvogel in der Mine, also derjenige, dem man zuerst ansieht, wenn die Luft knapp wird. Es gab bereits vor der Finanzkrise in vielen Ländern eine hohe Staatsverschuldung. Italien zum Beispiel hatte schon vor 2008 horrende Schulden und musste für die Rettung der Banken keine grossen Summen aufwenden.

Ist der Euro am Ende?
Es ist nicht auszuschliessen, dass gewisse marginale Länder aus der Eurozone ausscheiden. Aber die massgebenden Politiker werden ein komplettes Auseinanderbrechen des Euro nicht zulassen, weil uns das sonst um die Ohren fliegen würde.

Inwiefern?
Wenn die Währungsunion auseinanderbricht, würde die Wahrscheinlichkeit, dass auch die EU zerbricht, erheblich ansteigen. Das wäre dann sicher der Abgrund. Dazu wird es nicht kommen.

Wie soll Europa das Problem lösen?
Im Grunde ist das nur möglich, wenn sich die starken Staaten in Mittel- und Nordeuropa fiskalisch stärker für die südlichen Staaten engagieren. Das würde bedeuten, dass die Eurozone eigene Anleihen, so genannte Eurobonds, herausgibt und die südlichen Staaten unter Kuratel stellt. Meine Prognose ist aber, dass die EU bis zum letzten Moment wartet, bis ihr das Wasser am Hals steht.

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