Von Patrik Müller und Peter Wanner

Herr Hayek, ist das eine kubanische Zigarre, die Sie gerade rauchen?
Nick Hayek: Nein, eine dominikanische. Die kubanischen sind mir zu stark, da würde ich sofort kreidebleich.

Wie viele Zigarren rauchen Sie pro Tag?
Drei oder vier. Aber ich kann auch gut ohne Zigarre sein. Ich bin ein unabhängiger Raucher. In Basel wage ich noch, mir eine Zigarre anzuzünden, in Zürich schon nicht mehr (lacht). Wir haben in der Schweiz inzwischen fast mehr Verbote als in China. (Sucht ein Foto.) Schauen Sie, in Schanghai organisierten wir ein Swatch Street Painting: Künstler bemalten in der Öffentlichkeit Leinwände. Einer machte ein Kunstwerk aus lauter Verbotsschildern, auf einem heisst es: Everything. Alles ist verboten. Das liessen die anwesenden chinesischen Sicherheitsbehörden schmunzelnd durch. Wir aber schreiben unsere Verbote sogar und immer mehr in die Verfassung.

Sie sprechen von den Volksinitiativen?
Die Flut von Initiativen ist tatsächlich ein Problem. Alles soll reguliert, standardisiert und zentralistisch verordnet werden. Etwa bei den Mindestlöhnen. Kürzlich hörte ich Herrn Minder (den Schaffhauser Ständerat; die Red.) am Radio über die Ecopopinitiative und Ausländer sprechen. Er klang ziemlich salopp und irgendwie arrogant, fast wie seinerzeit Marcel Ospel und Daniel Vasella. Dabei ist Arroganz das Letzte, was wir jetzt brauchen können.

Wie würden Sie die Masseneinwanderungsinitiative umsetzen?
Man kann sie umsetzen, ohne radikal zu werden. Wir sollten uns weder von der EU noch von den verschiedenen Parteien, SVP inklusive, ins Bockshorn jagen lassen. In der EU äussern sich Hunderte Politiker, und 99 Prozent wissen gar nicht, was zum Beispiel in den bilateralen Verträgen steht. Wir haben ja Zeit. Ich würde zuerst regionale Arbeitsgruppen bilden, das heisst die Vorschläge zur Umsetzung der Initiative an die Kantone, Gemeinden, die regionalen Branchenvertreter, die entsprechenden Gewerkschaften und die Lokalpolitiker delegieren. Wir brauchen keine grossen Sitzungen in Bern, mit den Levrat, Müller, Darbellay, Brunner und all den Nationalpolitikern.

Die Regionen sollen Vorschläge machen?
Genau. So würden viel kreativere und pragmatischere Lösungen erarbeitet werden, weil man näher an den Problemen ist. Die sind im Tessin, im Jura, in Genf, Zürich und Graubünden völlig unterschiedlich. Kein Grund zu dieser Hektik, die jetzt in Bern ausgebrochen ist. Wir haben drei Jahre Zeit. Calm down.

Sie halten die Initiative im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsführern für gar nicht so schlimm?
Ich habe Nein gestimmt, aber viele Leute um mich herum brachten ernst zu nehmende Bedenken gegenüber der bestehenden Situation vor. Das sind keine Fremdenfeinde. Der Bundesrat wie auch wir Unternehmer haben es verpasst, rechtzeitig Massnahmen zu ergreifen. Im Tessin zum Beispiel wird die Swatch Group jetzt gemeinsam mit den Tessiner Industriellen noch mehr junge Leute ausbilden. Wir schaffen gemeinsame industrielle Ausbildungsstätten.

Wie sehen Sie die Schweiz in Europa?
Wir brauchen der EU weder beizutreten noch den Euro zu übernehmen. Die EU hat ein grosses Problem: den Zentralismus, die Hierarchien. Beide töten jegliche Kreativität. Die Schweiz könnte ein gutes Vorbild sein, sie ist föderalistischer, da könnte Europa einiges lernen und davon profitieren. Leider aber geht es auch hierzulande in die falsche Richtung. Die Kultur der Swatch Group lässt Tendenzen zur Zentralisierung und Bürokratisierung schon gar nicht zu.

Wie viele Mitarbeiter hat Ihre Zentrale in Biel?
Rund 200, das ist nicht viel, denn weltweit beschäftigen wir 35 000 Mitarbeitende. Hierarchien sind etwas Unnatürliches für den Menschen. Es braucht sie zwar, aber nur so viele wie unbedingt nötig. Bei uns kommuniziert man viel über die Hierarchiestufen hinweg.

Endet das in einem Grosskonzern nicht im Chaos?
Ein bisschen Chaos ist nicht schlecht. Lieber Chaos als Standardisierung.

Wie führen Sie?
Nicht als zentralistischer Herrscher. Entscheidend ist: Nicht die Swatch Group steht im Vordergrund, sondern die einzelnen Marken. Der Konsument kennt Breguet oder Blancpain oder Omega oder Tissot oder Swatch – er muss nicht wissen, dass sie alle zur Swatch Group gehören. Alle haben ihre eigene Identität und operieren auf unterschiedlichste Art und Weise.

Haben Sie Leute um sich, die Ihnen widersprechen?
Das Thema ist ein anderes. Bin ich jemand, der neugierig ist, der etwas von den anderen lernen will? Ich will wissen, was los ist. Es fällt mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich nachfragen muss. Ich mische mich ein, wenn ich finde, etwas ist nicht in Ordnung. Zum Beispiel wenn mir die Werbung nicht gefällt. Ich versuche dann, humorvoll und nicht verletzend zu sein. Das motiviert die Leute, mitzuziehen.

Wie verhindern Sie, dass intrigiert wird und dass Königreiche entstehen?
Indem wir, meine Schwester und ich, es vorleben, nämlich kein Königreich um sich herum zu bilden. Es gibt auch kein Privatflugzeug für die Konzernleitung …

… aber Sie haben einen Helikopter.
Ja, doch den besitze ich privat und habe ihn auch selbst bezahlt. Ich benutze ihn nicht als Prestigeobjekt oder Statussymbol – das Fliegen ist meine Leidenschaft. Meistens fahre ich aber mit dem Mini ins Büro. Ich achte und behandle jeden gleich, die Putzfrau wie den Markenchef. Pierre-André Bühler, ETA-Chef, sitzt in der Konzernleitung, er begann als einfacher Büezer in der Fabrik. Ich brauche keine Leute mit MBA. Ich habe nichts gegen solche Ausbildungen, aber für mich und die Swatch Group zählt anderes mehr.

Ihr Führungsstil unterscheidet sich kaum von jenem Ihres Vaters, Nicolas Hayek.
Er war und ist ein Vorbild. Mein Vater sagte: Behalte die Fantasie, die du mit sechs Jahren hattest. Stelle auch vermeintlich dumme Fragen, wenn du etwas nicht weisst. Ich bewunderte, wie er vor den Mercedes-Vorständen – alle in ihren schwarzen Anzügen – Fragen stellen konnte im Sinne von: Was ist ein Ventil? Lustigerweise konnte dann auch niemand die Frage vernünftig beantworten. Positionen und Titel waren für ihn nie wichtig.

Haben Sie das Unternehmertum in den Genen?
Jeder hat das in den Genen. Jeder war einmal Unternehmer. Als Kind. Kommt ein Kind in einen Raum, findet es immer etwas zum Unternehmen. Es beschäftigt sich, entdeckt, stellt Fragen. Es sind die Erwachsenen, welche die Unternehmenslust ersticken, mit Verboten und Anweisungen.

Die Swatch Group wächst, verdient immer mehr. 2015 peilen Sie einen Umsatz von 10 Milliarden Franken an. Haben Sie überhaupt Sorgen?
(Denkt nach) Mir macht die Blindheit der Politiker Sorgen. Obama, Merkel und all die hochgestochenen Leute merkten nicht, was sich in der Ukraine zusammenbraute. Offenbar haben ihre Geheimdienste versagt. Der NSA sammelt zwar alles, sah aber in der Ukraine die Gefahr nicht kommen. Obama und Merkel haben Sotschi boykottiert, statt dort Putin zur Seite zu nehmen und mit ihm über das absehbare Ende von Janukowitsch zu sprechen.

Trifft die Krise die Swatch Group?
Wenn es in einer Weltregion eine Krise gibt, gleichen wir das anderswo aus. Und unsere ganze Produktion ist in der stabilen Schweiz, das ist ein Trumpf. Es ist der bestmögliche Standort. «Swiss made» profitiert auch davon, dass man uns Schweizer unterschätzt. Wir gelten nicht als Volk, das andere dominieren will. Wir haben keine kolonialistische Vergangenheit, wir sind glaubwürdig. Das kreiert Sympathie und hilft uns überall auf der Welt, auch in China.

Hat die Marke Schweiz in den letzten Jahren gelitten?
Ich spüre nichts davon.

Nicht nur die Swatch Group, auch die Banken, mit denen Sie sich oft anlegen, leben von dieser Marke.
Ich bin überzeugt, dass die meisten Ausländer ihr Geld auf eine Schweizer Bank brachten, weil unsere Währung stabil ist, weil es keine sozialen Unruhen gibt, weil man keine Angst haben muss, dass das Geld seinen Wert verliert. Und nicht, weil man es vor dem Fiskus verstecken will. Das war so, bis die Investmentbanker kamen und mit ihnen die amerikanische Kultur, Geld auf Teufel komm raus zu vermehren.

Sie haben die UBS auf 30 Millionen Franken eingeklagt, weil die Swatch Group durch Absolute-Return-Anlagen Geld verloren hat. Haben Sie sich schon geeinigt?
Nein. Zudem machen wir ja eine Bankgeheimnis-Verletzung geltend. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ist offenbar sehr bankenfreundlich, da bewegt sich nichts. Aber wir machen weiter. Ich habe Herrn Weber (den Verwaltungsratspräsidenten der UBS; die Red.) zwei Mal getroffen. Er fragte mich einmal: Was bedeutet denn strafrechtlich gesehen eine Bankgeheimnisverletzung in der Schweiz? Da sagte ich: Darauf steht Gefängnis. (lacht) Da erschrak er. Bei den Absolute-Return-Verlusten haben wir sicherlich auch bei der Swatch Group Fehler gemacht, aber die UBS hatte ein klares Verwaltungsmandat. Auch sie hat Fehler gemacht, und das sollte sie auch zugeben.

Das versucht sie zu vermeiden, weil sonst weitere Anleger mit Absolute-Return-Verlusten klagen würden.
Es handelt sich vor allem um Kleinanleger. Die UBS würde von den kleinen Leuten viel Goodwill bekommen, wenn sie diese entschädigen würde. Aber sie bleibt hart. Gegenüber den USA aber knickte sie schnell ein.

Die USA können ein Schweizer Unternehmen an die Wand drücken.
Bei den Banken war das eher vorauseilender Gehorsam, aber die Banken haben eben fürchterliche Dinge gemacht. Wir haben bei der Swatch Group auch unsere Erfahrungen mit den Amerikanern gemacht. Sie wollten bei uns Spezialisten aus den USA vorbeischicken, um die Fabriken in der Schweiz zu kontrollieren: Sie wollten wahrscheinlich überprüfen, ob es möglich wäre, Sprengstoff, Gift oder was auch immer in den Uhrwerken zu verstecken. Sie sprachen von Terrorgefahr. Unsere Antwort war: Njet. Keine Diskussion, das kommt nicht infrage.

Haben die Amerikaner mit Konsequenzen gedroht?
Natürlich. Dass wir dann Schwierigkeiten beim Import bekommen könnten. Wir sagten: Erklärt das mal den zigtausend Angestellten in den USA. Das sind Amerikaner, denen wir Arbeitsplätze bieten. Passiert ist dann nichts.

Sie sind ein risikofreudiger Unternehmer.
In finanziellen Fragen nicht. Wir machen keine Schulden. Aber ich habe keine Angst davor, meine Meinung frei zu sagen. Konkurrenten aus der Uhrenbranche haben mich schon gefragt: Hast du keine Angst, dass du damit deinen Marken schadest? Meine Antwort war nein, im Gegenteil! Glaubwürdigkeit und Authentizität stärken die Marken.

Was ist Ihre Meinung zur Mindestlohninitiative, über die wir am 18. Mai abstimmen?
Ich bin für Mindestlöhne, aber gegen diese Initiative. Mindestlöhne sollte man nicht zentral für das ganze Land regeln, sondern in den Gesamtarbeitsverträgen – regional und branchenspezifisch. Denn die Lebenshaltungskosten sind im Jura, im Tessin oder in Zürich völlig unterschiedlich. Am einen Ort sind 4000 Franken zu viel, am anderen Ort vielleicht sogar zu wenig. Wir brauchen keinen starren Betrag in der Verfassung.

Die Swatch Group zahlt zum Teil Löhne unter 4000 Franken. Warum gehen Sie nicht rauf?
Ja, im Tessin und im Jura. Wir haben bereits Schritte nach oben gemacht, aber nicht auf 4000 Franken. Diese würden zwar die Swatch Group nicht ruinieren, aber viele kleine und mittlere Unternehmen in verschiedensten Branchen werden bei einem staatlichen Mindestlohn von 4000 Franken grosse Schwierigkeiten bekommen. Vergessen wir ausserdem nicht, dass der starke Schweizer Franken für die Exportindustrie und den Tourismus schon jetzt eine grosse Hürde ist.

Wann bringen Sie eine Uhr auf den Markt, die so viel kann wie ein Smartphone?
Schon vor über 14 Jahren lancierten wir mit Bill Gates eine interaktive Uhr. Niemand wollte sie. Uhren sind zuerst Schmuck, Stil, Coolness. Die Funktionalität war noch nie der Treiber. Haben Sie den Chrono an Ihrer Uhr schon mal benutzt?

Nein.
Eben. Technisch wäre mit einer Uhr alles möglich. Und wenn das die Konsumenten eines Tages wollen, umso besser. Wir sind bereit, für uns wäre das eine Chance. Nur: Zwischen einer Uhr und einem Smartphone gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Uhr ist ein emotionaler Wertgegenstand, ein Geschenk. Uhren sind beständig, man wirft sie nicht weg, egal, wie günstig sie waren. Haben Sie schon jemanden kennen gelernt, der seine alten Handys sammelt? Das Problem der interaktiven Uhren ist, dass man ihre Software in immer kürzeren Zeitabständen aufdatieren muss, und irgendwann geht das mit den alten Uhren nicht mehr. Dann werden sie wertlos.

Befürchten Sie nicht, dass Google nach der Brille eine geniale Uhr lanciert?
Google, Sony, Samsung – sie alle haben uns besucht. Ich habe eher das Gefühl, dass diese Firmen beunruhigt sind, dass sie ein Produkt verpassen, das ihre Smartphones oder Tablets kannibalisiert. Wenn die geniale Uhr tatsächlich käme, würde sie nämlich genau diese Produkte zuerst bedrohen. Und nicht die Uhren. Uhren wird es immer geben.

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