DJ Antoine, Ihre Single «Welcome To St. Tropez» steht momentan auf Platz sechs der offiziellen deutschen Singles-Hitparade, während die meisten Schweizer in Deutschland scheitern. Wieso schaffen Sie es?
Es ist lustig: Wir haben für mein neues Album auch einen Song mit Baschi aufgenommen. Aber Universal und Gadget haben einen Tag vor dem Release doch Nein gesagt mit der Begründung, er habe im Moment zu viel zu tun, auch in Deutschland. Aber dort floppt er ja völlig. Das sind wieder nur grosse Töne. Und wieso schafft er es nicht? Weil die grossen Plattenfirmen versuchen, ihre Künstler zu formen. Wenn aber etwas Gutes entstehen soll, muss der Künstler Freiheit geniessen.

Haben Sie mehr Freiheit?
Ich habe immer meine eigenen Ideen umgesetzt. Vor zwölf Jahren bin ich mit einem pinkfarbenen Anzug auf einem Plattencover erschienen. Damals war das eine Revolution, man konnte sich eine solche Darstellung eines DJs nicht vorstellen. Heute macht das jeder. Also mache ich für die CD nur noch eine farbige Box.

Den auffallenden Stil haben Sie aber beibehalten.
Mein Geschmack ist nicht der des Durchschnittsbürgers. Ich polarisiere gern, und es hat mir immer gefallen, herauszufinden, wie weit ich den Bo-gen spannen kann. Ich finde es generell wichtig, sich in der Musikbranche revolutionär zu verhalten. Das machen auch andere: Die Rockbands sind abgestürzt, haben Fernseher aus dem Hotelfenster geworfen und alles zerstört. Wir DJs zeigen dafür unseren Luxus.

Was kostet eigentlich die Uhr, die Sie da tragen?
(blickt auf seine überdimensionierte Armbanduhr) Die kostet nur 350 Franken. Eigentlich extrem billig.

Sie sieht eher nach 20000 Franken aus.
Ich habe auch Uhren von Maurice Lacroix. Die sind klein und fein, aber sauteuer.

Sie scheinen Ihre Gäste gern durch Ihr luxuriöses Haus zu führen. Stört es Sie nicht, Ihre privaten Räume in der Zeitung zu sehen?
Es sind auch nicht alle Journalisten so aufdringlich wie Sie (lacht). Dieses Haus haben schon viele fotografiert. Doch in Zukunft möchte ich das nicht mehr. Ich suche ein neues Haus in Basel oder Zürich, weil ich mehr Privatsphäre will. Aber je mehr ich in Zürich suche, desto mehr erkenne ich, dass Basel meine Heimat ist.

Kam da auch eine exhibitionistische Ader zum Tragen?
Ich bin sicher ein atypischer Schweizer. Die Schweizer verstecken sich lieber in ihrem Schrebergarten. Mein Temperament ist südländisch. Ich erzähle gern.

Das passt. Der Duft in Ihrem Haus erinnert tatsächlich ans Mittelmeer.
Wenn man in ein Haus kommt, ist der Duft wie eine Visitenkarte. Wenn du ein Date mit einer Frau hast, ist es genau das Gleiche: Es kann doch nicht sein, dass sie nicht gut riecht.

Stehen die vielen Engel und Kreuze aus religiösen oder dekorativen Gründen im Haus herum?
Ich bin ein überzeugter Christ und ich glaube an Engel. Doch mir gefällt auch der Stil. Sie strahlen Wärme aus. Den grossen Engel habe ich aber nicht gekauft, dass er mein Haus beschützt. Er hat mir einfach gefallen.

Nun aber zum Geschäft. Es gibt das Klischee, dass DJs nur auf Partys herumhängen und das für sie auch noch Arbeit bedeutet. Stimmt das?
Ich arbeite sieben Tage pro Woche. Heute bin ich um Viertel vor sieben aufgestanden und bleibe bis um neun im Büro. Ich arbeite wie alle anderen auch, führe zehn Mitarbeiter und lege am Wochenende noch auf.

Aber das Auflegen ist doch ein Vergnügen!
Wenn zweieinhalbtausend Leute auf dich schauen und wollen, dass dein Charisma rüberkommt, ist es schon mehr, als in einer düsteren Ecke etwas Musik zu machen.

Die Ansicht ist verbreitet, Platten aufzulegen sei viel einfacher, als richtige Musik zu machen. Was können Sie dagegenhalten?
Wer zwei Plattenteller und ein Mischpult hat, ist DJ. Das kann jeder. Auch Fotomodel oder Künstler sein ist einfach. Wenn aber kommerziell etwas rauskommen soll, muss man mehr können. Man sollte an Partys zur richtigen Zeit die richtige Musik auflegen und im Studio erkennen können, wann ein Dudelsack oder eine Flöte falsch klingen. Jeder will heute DJ sein, und viele davon haben kein Musikgehör und legen einfach Hits auf. Schön für die, aber ein grosser DJ muss musikalisch begabt sein.

Sind Sie denn ein technisch guter DJ?
Ich würde sage, mein Mix ist solid. Wenn ich auflege, muss ich nicht mehr überlegen, was ich zu tun habe. Es gibt natürlich auch DJs wie Erick Morillo, der vier CD-Player gleichzeitig laufen lässt. Er ist für mich ein Freak. DJ Antoine ist eher der Entertainer hinter dem DJ-Pult, der nicht nur auflegt, sondern auch auf den Tisch springt, klatscht und mit den Leuten feiert.

Wie viel verdienen Sie im besten Fall für ein DJ-Set?
Der beste Fall? Der ist noch nicht eingetroffen (lacht). In einem guten, schon eingetroffenen Fall war es ein fünfstelliger Frankenbetrag.

War das in Dubai?
Die Russen zahlen besser. Aber in Dubai ist vor allem das Rundherum toll. Ich fliege erste Klasse, übernachte im besten Hotel und die Party ist geregelt und gesittet. In Russland geht es exzessiver zu und her. Da tanzen die schönsten Models als Tänzerinnen. Die sind nur als Accessoires da.

Auch in Ihren Clips und Texten treten Frauen oft nur als Accessoires auf. Viele Ihrer Produkte sind sexistisch.
Wenn sich eine Frau zum Accessoire macht, ist sie selber schuld. Sie sollten sich die Videos zu «This Time» und «Ma Chérie» anschauen. Die sind alles andere als sexistisch und eher ein Kontrast zu «Welcome To St. Tropez», das eher sexistisch und partymässig ist. Das Stück ist total dekadent, aber St.Tropez ist wirklich so. Wer da hingeht und etwas anderes erwartet, ist im falschen Film.

Also gehört der Sexismus zur Kultur, in der Sie sich bewegen?
Ja, das ist so. Ich gehe aber jeweils nur wenige Tage nach St. Tropez zum Feiern. So lange ist es witzig. Länger ist mir das zu anstrengend. Da wird exzessiv getrunken und ich habe an einer Party auch schon Champagner herumgespritzt. Aber das ist eigentlich nicht meine Welt. An was erinnert man sich später im Leben? Ich denke, an schöne Abende zu Hause oder an einen exklusiven Ort mit gutem Essen, an gute Gespräche, solche Dinge.

Sie sprechen oft von Ihren Groupies. Kann man als DJ monogam leben?
Monogamie ... (überlegt) ... nein, man kann nicht monogam leben. Das Monogame habe ich bei mir noch nicht entdeckt. Aber ich kann auch entspannt mit meinem Sohn für Wochen ins Burgund fahren und brauche da nicht ständig Frauen um mich herum.

DJs werden an Schweizer Radios nur selten gespielt. Nervt Sie das?
Meine Single «Welcome To St.Tropez» hat sich in vier Monaten über 25000-mal verkauft und mein Album lag vor Lady Gaga auf Platz eins der Hitparade. Das beweist, dass der Schweizer Konsument meine Musik hören will. Die Radios spielen meine Musik trotzdem nicht, das ist eine Frechheit! Meine Stücke klingen nicht anders als die von Jennifer Lopez, Lady Gaga oder Pitbull. Das ist typisch: Der Schweizer gönnt dem Schweizer den Erfolg nicht, er ist neidisch und unterstützt ihn nicht. Meine Meinung ist: Schweizer Radios sollen einen vorgeschriebenen Anteil Musik von Schweizer Künstlern spielen.

Die House-Musik ist in der Hitparade derzeit sehr präsent. Teilen Sie diese Beobachtung?
Ja natürlich. Das ist für uns House-Künstler auch ein Problem, denn all die Stars wie Jennifer Lopez oder Rihanna machen jetzt House, weil R’n’B nicht mehr funktioniert. Sie mischen alles zusammen und heraus kommt Eurohouse: europäischer Sound mit amerikanischem Rap drüber. Dabei sind oft europäische DJs im Spiel. Hinter Stücken von Rihanna oder Kate Perry steht etwa Sandy Vee, der Produzent von David Guetta.

Die Amerikaner polieren ihre Popmusik also systematisch mit europäischen Beats auf?
Das Phänomen lässt sich überall beobachten. Einer der Produzenten von Pitbull ist zum Beispiel ein Holländer.

Nutzen die Labels den Dancefloor bewusst zur Promotion?
Die genannten Künstler haben einen grossen Vorteil: Wenn sie im Klub nicht funktionieren, werden sie immer noch am Radio gespielt. Wir dagegen haben nur gerade den Klub. «Welcome To St.Tropez» läuft nun, ein halbes Jahr nach seiner Veröffentlichung, in allen Clubs. Doch auch die Popmusik will dahin: Die Labels produzieren einen Club-Mix und schenken ihn jedem «Furz-DJ» der Welt, dass er ihre Musik spielt. Mit Bestechungen werden auch die Radios dazu gebracht, ihre Musik zu spielen.

Würden Sie solche Musik spielen?
Zum Beispiel von Sony Music und Universal erhalte ich dauernd solche Mixes, die landen bei mir aber meist im Abfall. Wenn mir das Stück aber gefällt und der Mix stimmt, vielleicht. Ich spiele zum Beispiel Jovanotti oder Moby.

In der elektronischen Musik gibt es heute einen grossen Graben zwischen Untergrund und Mainstream. Sie wären zum Zweiten zu zählen.
Ich finde es gut, dass es diesen Graben gibt und heute ein minimalistischer Tech-House, oder wie man das nennen will, wieder einen Aufschwung erlebt. Wir denken positiv über diese Künstler, aber der Untergrund denkt schlecht über den Kommerz. Das finde ich bedauernswert. Die Szene-DJs denken, wir würden nur das kommerziell ausschlachten, was sie erfunden hätten. Aber sie vergessen, dass der Kommerz das Unkonventionelle immer finanziert. Und tatsächlich haben einige dieser DJs noch viel höhere Gagen als DJ Antoine, der ja als so kommerziell gilt.

Können Sie eigentlich Hit-Garantie für Ihre Stücke geben?
Noch nie ist ein Lied von mir schneller entstanden als «Welcome To St.Tropez» und jetzt feiert es diesen Erfolg. Ich profitiere derzeit enorm von Internetverkäufen. Es ist aber noch nicht klar, wohin es mit der Plattenindustrie gehen soll. Dieses Jahr brachen die CD-Verkäufe bereits wieder um 24 Prozent ein, letztes Jahr gar um 40 Prozent, obwohl wir 14 Prozent zulegen konnten. Das Internet ist eine neue Möglichkeit, doch Werbung kostet da viel Geld und es wird für all die Indie-Künstler in Zukunft sehr schwer werden. Es besteht die Gefahr, dass die Musik dadurch weniger innovativ wird.

Was ist zu tun?
Es braucht ein Umdenken. Die Plattenfirmen denken immer noch konkurrenztechnisch. Sie könnten zusammenhalten und etwa iTunes zwei gründen. Dann wäre auch iTunes kompromissfähig. Weil die grossen Plattenfirmen aber nicht zusammenhalten, bleiben sie abhängig. Hinzu kommt, dass unsere Politiker nichts gegen die Piraterie unternehmen. Sie sollten die Provider, die Musik gratis übers Internet verteilen, unter Druck setzen. Unsere Behörden beschäftigen sich aber lieber damit, dass Sie falsch parkiert haben.

Wann haben Sie begonnen aufzulegen?
Mit vierzehn Jahren habe ich an einer Studentenparty Punkrock, Skate-Trash und Hip-Hop aufgelegt. Ich hatte lange Haare bis über die Schultern, eine Lederjacke und Springerstiefel. Das war eine völlig andere Zeit. Danach bin ich in die Hip-Hop-Kultur gerutscht, habe mit Sprayen begonnen, hatte aber immer noch lange Jahre. Ich habe viele Stile gehört und kenne auch sehr viel Musik.

Wann kam elektronische Musik hinzu?
Das war 1994, als ich in Basel im Ausgang war und der DJ «Show Me Love» von Robin S. spielte. Als ich das Lied hörte, wusste ich: Das ist meine Welt. Oder auch die Band Snap! hat mich begeistert. Diese ist für mich immer noch die innovativste Band aus dieser Zeit. Die Musik hat sich seither nicht stark verändert. Eine alte Snap!-Single tönt nicht anders als die heutige Hitparade.

Haben Sie je ein Instrument gespielt?
Ich habe lange als Trommler in einer Clique an der Basler Fasnacht teilgenommen. Im Gegensatz zu den Guggen sind die Cliquen die Anständigen. Wenn du in einer Clique spielst, sag nie, du spielst in einer Gugge, sonst bringen die dich um. Das ist in Basel unverzeihlich.

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