Herr Gross, unser Beileid.
Christian Gross: Warum? Haben Sie keine Tickets mehr für das Startspiel bekommen?

Nein, aber ganz Bern erwartet, dass Sie mit YB Meister werden.
Es ist klar, dass mich die Verantwortlichen geholt haben, um die bestehende Differenz auszumerzen und den Rückstand möglichst aufzuholen. Basel und Zürich zum Beispiel haben in der letzten Saison mehr Goals geschossen und weniger eingefangen. Daneben lauern andere Mannschaften wie Sion. Es wird ein harter Fight um die Meisterschaft. Aber das ist auch die grosse Herausforderung für mich.

Das heisst: Sie wollen den Titel?
Es gibt keine Garantie für einen Titel. Die kann auch niemand abgeben. Wir werden aber in allen Wettbewerben versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Wir wollen den vielen Fans Freude machen. Das ist wichtig, weil wir den jetzt schon hohen Zuschauerschnitt noch weiter anheben wollen.

Wir zitieren Hanspeter Latour: «Es muss endlich wieder einen Pokal für YB geben.»
Das kann er als Aussenstehender einfach sagen. Aber Hanspeter ist ein positiver Mensch und ich verstehe seine Aussage mehr als eine Unterstützung.

Nervt es, ständig auf einen fälligen Titel angesprochen zu werden?
Überhaupt nicht. Es ist mein Anspruch, dort zu sein, wo es um etwas geht. Es interessiert niemanden, wenn die Mannschaft im Mittelfeld ist. Die Leute kommen erst dann, wenn es spannend ist. Das ist, wenn es um den Titel oder gegen den Abstieg geht, und wir wollen in den Kampf um den Titel eingreifen.

Machen sich die Berner etwas vor, wenn sie glauben, mit Ihnen einfach die Geschichte von Basel wiederholen zu können?
Niemand macht sich etwas vor. Wir arbeiten hart für unsere Ziele. Die Konkurrenz ist da, aber die Mannschaft hat in den letzten Jahren respektable Plätze erreicht. Jetzt wollen wir einen Schritt weiterkommen. Als Realist weiss ich aber, wie hart es sein wird, an die Spitze zu kommen und dort zu bleiben – oder zumindest unter den ersten drei. YB hatte in der Meisterschaft oft über längere Zeit gute Phasen, dann aber wieder Einbrüche, die nach Erklärungsbedarf riefen. Es wünschen sich aber tatsächlich viele Menschen, dass wir um den Titel spielen.

Was hat zu diesen Einbrüchen geführt?
YB hat sich zu oft von aussen beeinflussen lassen und sich zu wenig auf die eigenen Stärken besonnen. Man hat sich aus dem Konzept bringen lassen. Intern wurde die Messlatte extrem hoch gelegt. Vielleicht zu hoch.

YB gilt als Transfersieger. Auf dem Papier sind Sie hervorragend aufgestellt – auch mit Ihnen als Cheftrainer.
Auf dem Papier sieht vieles gut aus, aber die Umsetzung muss jetzt erst auf den Platz gebracht werden. Hinzu kommt der Druck. Ich kenne die Spieler noch nicht so gut und bin vorsichtig mit Vorschusslorbeeren. Basel hat zum Beispiel eine sehr erfahrene Mannschaft und fast nur ausländische Spieler dazugewonnen. Der FC Zürich hat ein sehr gutes Team. Es ist jung, hat aber im letzten Jahr an Erfahrung gewonnen.

Ihr Nachfolger in Basel, Thorsten Fink, erhöht den Druck ganz bewusst, wenn er sagt, es werde erwartet, dass YB jetzt Meister werde.
Wir formulieren die Ziele selber. Da brauchen wir keine Unterstützung aus Basel.

Was unterscheidet Sie von Fink?
Schwierige Frage. Ich kenne ihn kaum. Ich kann ihn also gar nicht einschätzen. Er hat mit Basel erfolgreich gearbeitet. Ich freue mich, ihn kennen zu lernen.

Sie fordern von einer Mannschaft die Sieger-Mentalität. Spüren Sie diese schon bei YB?
Daran muss man jeden Tag arbeiten. Da ist Überzeugungsarbeit gefragt. Mit dem Druck umzugehen, ist gleich nochmals eine andere Sache. Hier biete ich gerade jungen Spielern eine Hilfestellung.

Wie machen Sie das?
In erster Linie appelliere ich an die Eigenverantwortung. Das Bewusstsein für die Berufswahl muss bei jedem Einzelnen erweitert werden. Das gehört zur Trainingsarbeit. Wenn ein Spieler bewusster trainiert, macht er auch eine bessere und längere Karriere. Ich versuche, meine eigene Freude und Begeisterung für diesen Beruf und diesen Sport auf die Spieler zu übertragen.

Auf Ihnen lastet der grösste Druck. Ist das ein Kick, an dem Sie selber wachsen?
Ich kann mit Druck umgehen. Es ist nicht immer einfach, aber es gehört in diesem Business dazu. Man muss resistent sein. Da hilft einem die Erfahrung, aber auch der Ehrgeiz.

Ohne Druck wäre es auch nicht spannend.
Das ist schon so. Ich habe Freude an der Arbeit. Aber dann kommt das Spiel und das will ich gewinnen.

Ist ein Spiel für Sie keine Freude mehr, weil der Siegesdruck so hoch ist?
Der Genussfaktor für mich als Trainer während eines Spiels ist klein. Ich bin so involviert, dass ich mich zwar freuen kann, aber es ist schwierig für mich, ein Spiel zu geniessen.

Sie freuen sich im Vorfeld nicht auf ein Spiel?
Doch, sehr sogar. Ich mache mir auch ein Drehbuch, möglichst ein optimales, aber auch eines dafür, wenn es nicht so gut laufen sollte. Die Anspannung ist genauso dabei wie die Vorfreude. Fussball ist deshalb so populär, weil viele Unbekannte auftreten können – ein Treffer oder eine Verletzung, und alles verändert sich.

YB-Sportchef Ilja Kaenzig war kurze Zeit «Blick»-Sportchef. Gibt er Ihnen auch vor, was Sie welchen Medien zu sagen haben?
Natürlich haben wir Sprachregelungen. Das gibt es in jedem Unternehmen. Aber die Eigenheiten von Spielern und Trainer sollen beibehalten werden. Das oberste Gebot ist, in jedem Moment für YB einzustehen. Wir sind Repräsentanten und sollten dies für Promotion ausnutzen.

Beste Werbung für YB wäre, wenn Sie Kuno Lauener wieder in den YB-Beirat zurückholen würden.
Das wurde mir auch schon empfohlen (lacht). Ich schätze Kuno Lauener als Musiker sehr. Ich finde es toll, dass er als Künstler hinsteht und sagt: Ich bin YB. Solche Leute kann man in einem Umfeld eines Vereins nicht genug haben. Auch Schriftsteller Pedro Lenz ist ein eingefleischter YB-Fan.

Vom Trainer über die Mannschaft bis zu den Fans stimmt alles – und was ist mit dem Rasen?
Der Rasen ist noch nicht optimal. Sie kennen ja meine Haltung. In der Zwischenzeit sind auch die Meinungsmacher hier in Bern der Ansicht, dass man wieder zu einem Naturrasen zurückkehren sollte. Aber die Trainingsplatzsituation ist äusserst prekär. Mit einem Kunstrasen kann mehreren Mannschaften ein optimaler Trainingsbetrieb geboten werden. Wenn der Kunstrasen jetzt rausgenommen wird, gibt es ein logistisches Problem. Die Tendenz geht aber ganz klar zurück zum Naturrasen.

Bei Xamax mischt der tschetschenische Geschäftsmann Bulat Tschagajew mit. Was halten Sie davon, dass Schweizer Clubs zum Spielball für ausländische Investoren werden?
Wenn sie es ernst meinen und wirklich Geld in den Schweizer Fussball investieren wollen, muss man das prüfen. Aber wenn sie andere Hintergedanken haben, ist es verwerflich.

Aber genau das kann nicht überprüft werden.
Richtig, das ist schwierig. Man sollte aber jeder Person positiv gegenüberstehen, die sich im Schweizer Fussball finanziell engagieren will. Der Vermarktungsmarkt in der Schweiz ist nun mal klein. Es wird alles versucht, noch mehr Geld zu generieren, aber es ist nicht einfach. Und wenn jemand kommt, der einsteigen will, muss man das ernst nehmen. Aber die Traditionen müssen dabei berücksichtigt werden. Ich finde es weiss Gott nicht glücklich, dass als Erstes das Xamax-Emblem geändert wurde. Das tut doch allen Xamaxien weh. Das muss man sich doch vorher überlegen.

Es waren auch Tschetschenen, die Sie zu Terek Grosny locken wollten. Was haben Sie dabei für Erfahrungen gemacht?
Dass Geld vorhanden ist.

Haben Sie in Tschetschenien eigentlich einen Augenschein machen können?
Nein. Ich weiss nur, dass das Trainingsgelände 200 Kilometer von Grosny entfernt ist und sehr schön sein muss. Und Chelsea macht es ja vor. Dort ist Roman Ambramowitsch zugutezuhalten, dass er es ernst meint. Er steht hin, auch wenn es Schwierigkeiten gibt. Er deckt nicht nur die Schulden, sondern sagt, dass es nächste Saison weitergeht.

Aber das Geld allein konnte Sie offensichtlich nicht nach Grosny locken.
Nein, nein, nein. Sicher nicht.

Sprechen wir von der Nati. Es wird offen die Frage diskutiert, ob es sinnvoll war, den Vertrag mit Ottmar Hitzfeld zu verlängern. Fehlt es an Respekt ihm gegenüber?
Wenn man die Möglichkeit hat, einen Vertrag mit Ottmar Hitzfeld zu verlängern, dann sollte man es tun. Er ist ein absoluter Fachmann und ein Vorbild für viele Trainergenerationen. Dass jede Entscheidung öffentlich diskutiert wird, ist Teil des Geschäfts.

Es wird auch diskutiert, ob das Nati-Traineramt für Sie der krönende Abschluss sein könnte.
Das ist zu weit gedacht. Ich freue mich jetzt auf die Aufgabe bei YB. Die wird schwierig genug sein. Jeder Erfolg muss zuerst verdient werden.

Der künftige Nati-Trainer kann auf hervorragenden Nachwuchs zurückgreifen. Das hat die U21-EM gezeigt.
Dieses Lob gebührt auch den Vereinen. Trotzdem bleiben wir eine Ausbildungsliga. Ich habe oft erlebt – ob bei GC oder in Basel –, dass sich die Jungen immer früher Gedanken machen, ob sie ins Ausland wechseln sollen.

Eine hässliche Erscheinung im Schweizer Fussball sind Hooligans. Was läuft schief?
Tatsache ist, dass nicht alle Fans an Spiele kommen, weil sie einen Fussballmatch sehen wollen. Der Fussball wird auch missbraucht, um Aggressionen loszuwerden. Doch was ist die Lösung? Neue, gute Stadien helfen. Ein klares Sicherheitskonzept. Gute Fan-Beauftragte, die mit Sachverstand und Diplomatie versuchen, solche Leute zur Vernunft zu bringen. Es beginnt aber beim Pyro-Feuerwerk. Das stört mich extrem. Pyro gehört einfach nicht ins Stadion. Die Leute bekommen Angst und es können erst recht Aggressionen entstehen.

Müssen die Clubs noch mehr in die Verantwortung genommen werden?
Sie sind schon eingebunden. Die Sicherheit kostet den Verein viel Geld.

Bei YB sind es nur 60 000 Franken für nationale Spiele pro Saison, die an die Polizei abgeführt werden müssen.
Ich kenne die Zahlen nicht. Dass aber Gewalt ausgelebt wird, beschränkt sich nicht auf den Fussball. Es ist ein gesellschaftliches Problem, und dafür gibt es keine goldene Lösung.

Was soll denn konkret mit Hooligans geschehen?
Sie müssen aufs Schärfste bestraft werden.

Lebenslanges Stadionverbot?
Aus meiner Sicht ja.

Keine zweite Chance?
Das Stadion ist da, um einen Fussballmatch anzuschauen. Da soll man auch Emotionen loswerden und seinen Unmut zeigen – schliesslich hat man Eintritt bezahlt. Aber gibt es Krawalle bei Pop-Konzerten, die auch in Stadien stattfinden? Nie! So sollte und muss es auch im Fussball sein. Das muss unser Ziel sein.

Die einschneidendste Erfahrung für einen Trainer ist eine Entlassung, wie Sie das in Stuttgart erlebt haben. War das eine persönliche Niederlage?
Wenn man sich für den Beruf des Fussballtrainers entscheidet, muss man damit rechnen, eines Tages entlassen zu werden. Darauf kann man sich einstellen. Trotzdem tut es weh.

Wie haben Sie es verarbeitet?
Meine Empfehlung ist, aus Frust über eine Entlassung nicht sofort wieder an einem neuen Ort anzufangen. Es braucht eine Zeit der Verarbeitung, zwei bis drei Monate. Diese Zeit soll und muss man sich nehmen. Darum ist es auch wichtig, im Arbeitsvertrag eine genügend lange Kündigungsfrist drin zu haben.

Sie sind 56, aber Ihr Alter ist kein Thema. Macht Sie dieser Job nicht älter?
Im Gegenteil. Ich habe das Glück, ständig mit jungen Leuten zusammen zu sein. Das hält mich automatisch jung und ist ein Vorteil. Man bekommt alle Stilrichtungen in der Musik mit. Oder sieht die poppigsten Kleider. Die meisten haben dafür Mühe mit einem normalen Krawattenknopf (lacht). Dafür sind die neusten Kopfhörer ein absolutes Muss. Das ist ein Zeichen für diese Zeit. Man will immer ein wenig in Ruhe gelassen werden. Ich finde das schade.

Bleiben Sie in Zürich Höngg wohnen?
Nein, im Moment bin ich noch im Hotel, doch das wird sich bald ändern und dann komme ich nach Bern.

Und dann fahren Sie auf Ihrer Moto Guzzi im Stadion vor?
Ganz bestimmt nicht. Ich fahre die Moto Guzzi nur in meiner Freizeit.

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