Die schlimmsten elf Wochen der Schweizer Kernkraftbetreiber begannen vor 40 Jahren. Am 1. April 1975 stoppten Aktivisten die Bauarbeiten für das in der Fricktaler Gemeinde Kaiseraugst geplante Atomkraftwerk. Sie besetzten das Areal und bauten eine Zeltstadt. Ihr Ziel: den Bau des Werks verhindern. Die Atomgegner erfuhren grosse Unterstützung aus der Bevölkerung. Bauern aus der Region brachten Lebensmittel für das Protestdorf, im ganzen Land solidarisierten sich Menschen. Am 6. April pilgerten 16 000 Personen auf das Gelände. Zwei Wochen später demonstrieren 18 000 in Bern. Der Protest gegen einzelne Kernkraftprojekte war zur Volksbewegung geworden. Die Besetzung erhielt damals in den Medien viel Beachtung und ist gut erforscht. Kaum bekannt ist, was sich zur gleichen Zeit auf den Teppichetagen der Elektrizitätswirtschaft und in den Sitzungszimmern der Behörden abspielte.

Recherchen in Archiven der Energieszene und im Bestand der PR-Agentur Farner im Archiv für Zeitgeschichte der ETH zeigen nun: Kaiseraugst markiert den Beginn des Atomlobbyings in der Schweiz. Denn der Protest war für die Projektanten des Kernkraftwerks Kaiseraugst und die ganze Energiebranche ein Schock. Sie wurden von der Bewegung überrumpelt. Und das aus drei Gründen:

> Ende der Euphorie: Die Kritik an der Atomenergie war neu. Wenige Jahre zuvor herrschte noch Atomeuphorie. Ford kündigte in den USA ein nuklearbetriebenes Auto an, und die ETH plante unter der Stadt Zürich ein Atomkraftwerk. Selbst als im Januar 1969 im waadtländischen Lucens ein Versuchsreaktor explodierte, blieb der Schock aus. Die AKW in Beznau und Mühleberg gingen ohne grössere Proteste ans Netz. Dann kippte die Stimmung. Plötzlich blockierten Tausende das Projekt in Kaiseraugst.

> Angst vor Domino-Effekt: Bundesrat und Elektrizitätsunternehmer waren überzeugt: Ohne Atomenergie kommt das Blackout. Bis Mitte der 70er-Jahre nahm der Stromverbrauch in der Schweiz stark zu, Politik und Energiewirtschaft rechneten weiterhin mit starkem Wachstum. Der Bundesrat liess Notfallpläne für Stromengpässe entwerfen. Die Blockade in Kaiseraugst, so die Angst von Bundesrat und Stromwirtschaft, könnte den Bau weiterer Anlagen gefährden.

> Noch keine Lobby: Die Medien standen auf der Seite der Aktivisten. Der «Blick» titelte «Atomangst», und die «Tagesschau» brachte die Bilder der bunten Besetzung in die Wohnzimmer der Nation. Die Atomkraft hatte noch kaum eine Lobby. Die einzige Organisation, die für Kernenergie warb, war die Schweizerische Vereinigung für Atomenergie (SVA). Sie verstand sich – im Gegensatz zu ihrer Nachfolgeorganisation, dem Nuklearforum – als Informationsdrehscheibe für Fachkräfte. Nach Beginn der Besetzung wurde sie von den Journalisten heillos überrannt. Plötzlich interessierten sie sich für jedes Atomereignis im In- und Ausland. Auch die Öffentlichkeitsarbeit des mächtigen Verbandes Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE) steckte noch in den Kinderschuhen: ein paar Inserate hier, eine Themenzeitung dort.

In dieser Krise empfahlen sich PR-Strategen aus Zürich als Retter. Die Agentur des umtriebigen Werbers Rudolf Farner hatte sich mit Politkampagnen einen Namen gemacht. Mitinhaber Gustav Däniker meldete sich während der Besetzung bei der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG mit den Worten: «Wie lange wollt ihr hier noch gvätterle?» und generierte so einen Auftrag.

Das PR-Büro entwarf eine Strategie mit dem Ziel, das Kernkraftwerk Kaiseraugst in einem positiven Umfeld zu bauen. Zu diesem Zweck sollte ein «glaubwürdiges Gremium von Politikern und Wissenschaftern» gegründet werden, das für den Bau des Kernkraftwerks wirbt. Dies geschah am 11. August 1975: In Aarau wurde das Energieforum Nordwestschweiz gegründet mit FDP-Ständerat Willy Urech als Präsidenten.

Mit Veranstaltungen und Zeitungsinseraten, die von der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG finanziert wurden, versuchte das Forum, Bedenken gegen das Projekt auszuräumen. Kaiseraugst war aber längst zur nationalen Frage geworden. Der damalige Energieminister Willi Ritschard, SPler und überzeugter Kernkraftbefürworter, verhandelte direkt mit den Besetzern. Gleichzeitig liefen intensive Gespräche innerhalb der Energiebranche. Am 24. April traf sich Ritschard mit der Verbandsspitze des VSE. Der Energieminister verurteilte die Besetzung als «illegal». Kaiseraugst müsse unbedingt gebaut werden. Und Ritschard rief den VSE dazu auf, mehr für das Image der Kernenergie zu tun. «Gezielte Öffentlichkeitsarbeit» sei nötig. Und zwar nicht nur in Form von «sachlicher Aufklärung», sondern emotional. Und Ritschard empfahl dem VSE, ebenfalls die PR-Agentur Farner zu engagieren.

Der VSE befolgte den Rat, gründete zusammen mit der SVA und der Industrie (BBC und Sulzer) ein inoffizielles Komitee mit dem Namen «Aktion Kernenergie Schweiz» und liess sich von Farner ein umfassendes und langfristiges Kommunikations-Konzept erarbeiten. Dies war auch nötig. Denn die Besetzer verliessen zwar nach der Zusicherung eines Baustopps und weiteren Verhandlungen mit dem Bundesrat am 11. Juni das Gelände in Kaiseraugst, sie waren während der elf Wochen Besetzung aber nicht untätig geblieben und begannen bereits mit der Unterschriftensammlung für eine nationale Volksinitiative. Sie sollte den Bau neuer AKW an die Zustimmung der Anrainerkantone knüpfen. Das hätte den Bau neuer Werke massiv erschwert. Und die Leute unterschrieben. Die Initiative kam vorzeitig zustande. Zudem gründeten die Atomgegner munter weitere Sektionen.

In dieser Frage harzte es auf der Seite der Atomlobby. Auf nationaler Ebene fehlte ein glaubhafter Absender für ihre Botschaften. Stromkonzerne und Industrie wollten nicht als solche auftreten. Das wäre nicht gut angekommen. Ein Gremium aus Politikern und Wissenschaftern musste her. Doch die Gründung eines solchen stellte sich als einiges schwieriger heraus als in der Region Kaiseraugst.

Vor den Nationalratswahlen im Herbst wollten sich die Politiker nicht mit dem Thema Atomenergie die Finger verbrennen. Am meisten sträubten sich die Sozialdemokraten. Deren Bundesrat kämpfte zwar in vorderster Linie für die Kernkraft, ihre Basis war aber mehrheitlich dagegen. Entsprechend schwer waren sie für eine atomfreundliche Lobby zu gewinnen. Im März 1976 gelang es trotzdem, sie in ein «Energieforum Schweiz» zu integrieren, doch das hatte seinen Preis. Das Energieforum weigerte sich, die von der Agentur Farner längst entworfenen Inserate zu unterzeichnen. Es kam zur Entfremdung zwischen dem Forum und dessen eigentlichen Initiatoren. Als Alternative wurde die Schweizerische Informationsstelle für Kernenergie gegründet, die fortan als Absender für die Botschaften der Energieunternehmen fungierte.

Die PR-Agentur Farner entwickelte im Auftrag der «Aktion Kernenergie» eine umfassende PR- und Lobbyingkampagne. Sie schaltete Inserate, intervenierte auf Redaktionen und versuchte positive Botschaften über die Atomenergie überall zu platzieren. Auf atomkritische Berichte reagierte sie mit Leserbriefen. Schliesslich engagierte sie sich im Abstimmungskampf gegen die Atominitiative. Und dies mit Erfolg. Am 18. Februar 1979 wurde sie von Volk und Ständen abgelehnt, wenn auch knapp.

Die Wut der Atomgegner über die Propagandaflut der Atomlobby war riesig. Militante Aktivisten sprengten tags darauf einen Informationspavillon der Kernkraft Kaiseraugst AG. Der Abstimmungskampf wurde so heftig geführt, dass er gegen «die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Demokratie» verstiess, wie Journalist Hans Tschäni nach der Abstimmung schrieb. Seine Kritik, die er später im Buch «Wer regiert die Schweiz?» wiederholte, richtete sich auch gegen den starken Einfluss der Atomlobby auf das Abstimmungsresultat. Der Blick in die Archive bestätigt seine damalige These: Auch die Elektrizitätswerke – die zum grossen Teil im Besitz der Kantone waren – engagierten sich im Abstimmungskampf, und das mit bundesrätlichem Segen.

Wie viel die inoffizielle Aktion der Energiewirtschaft zur Niederlage der Atomgegner beitrug, ist schwer zu schätzen. Der Effekt dürfte dank Anti-Lobby-Reflex eines Teils der Stimmenden abgeschwächt worden sein. Zudem engagierten sich die Parteien und Verbände sowohl auf Seite der Gegner als auch der Befürworter sehr stark. Fest steht, dass die Energiewirtschaft auch mithilfe des PR-Büros Farner den Schock von Kaiseraugst überwand und zum politischen Player wurde. Von nun an standen sie auf der Siegerseite. Die Antiatombewegung scheiterte mit vier weiteren Volksinitiativen (siehe weiter unten). Nur 1990 kam ein 10-jähriges Moratorium für den Bau von neuen Atomkraftwerken durch. Ein kleiner Trost für die AKW-Gegner: Kaiseraugst blieb Planungsruine. Entsorgt wurde sie 1988 aber erst durch eine Eingabe vom damaligen Nationalrat Christoph Blocher.

Fukushima änderte alles. Der Bundesrat will keine neuen Werke mehr bauen. Heute kämpft die Energieministerin gegen die Reste einer Lobby, deren Gründung ihr Vorgänger einst anregte.


AKW-Abstimmungen:
1979 Atominitiative I: 51,2% Nein.
1984 Atominitiative II: 55% Nein.
1990 «Stopp dem Atomkraftwerkbau (Moratorium) 54,5% Ja.
1990 «Für den Ausstieg aus der Atomenergie»: 52,9% Nein.
2003 «MoratoriumPlus – Für die Verlängerung des Atomkraftwerk-Baustopps und die Begrenzung des Atomrisikos»: 58,4% Nein.
2003 «Strom ohne Atom – Für eine Energiewende und die schrittweise Stilllegung der Atomkraftwerke»: 66,3% Nein.
2011 Fukushima: Bundesrat beschliesst Atomausstieg (keine Abstimmung)

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