VON KURT W. ZIMMERMANN

Thomas Borer, sind Sie ein Medienopfer?
Manchmal bin ich ein Medienopfer, kein Zweifel. Aber ich muss zugeben, dass ich in meiner Tätigkeit mitunter auch die Medien instrumentalisiere.

Sie sind also sozusagen Opfer und Täter zugleich. Fangen wir mal mit der Opferrolle an. Wie war das damals, als Sie im Jahre 2002 diese Schlagzeile im «SonntagsBlick» gelesen haben: «Borer und die nackte Frau»?
Ich war mit meiner Frau auf Mauritius in den Ferien. Ich wusste nicht, dass ein derartiger Artikel geplant war. Ich wusste auch nicht, dass das Aussendepartement, das EDA, über den kommenden Artikel seit Tagen im Bilde war. Ich wurde dann durch erste Telefonate aufgerüttelt. Schliesslich bekam ich ein Fax in schlechter Schwarzweissqualität. Die «hochstehende» farbige Fassung des Artikels sah ich erst zwei Wochen später.

Interessant war, zu sehen, wie der Artikel eines Boulevardblatts in kurzer Zeit das Aussenministerium, das EDA, in Panik versetzt hat.
Das Hauptproblem war, dass das EDA schon Tage vorher wusste, was da kommen würde, und auch mit den Vorwürfen gegen mich konfrontiert war. Das EDA hat mich aber nicht informiert und auch keine Stellungnahme von mir angefordert.

Hat zumindest der «SonntagsBlick» mit Ihnen geredet?
Nein, natürlich nicht. Ich wäre vom EDA und von der Redaktion problemlos zu erreichen gewesen. Der Artikel erschien am Ostersonntag, ich flog erst am Samstag aus Berlin weg. Es war wie so häufig bei Medienaffären. Die schwerwiegenden Fehler in der Kommunikation werden am Anfang gemacht. Das EDA machte einen klassischen Anfängerfehler. Die richtige Antwort des EDA wäre gewesen: Zur Privatsphäre von Botschafter Borer äussern wir uns nicht. Damit wäre die Luft recht schnell raus gewesen.

Ist es aus heutiger Sicht für Sie ein Modellfall, wie die Politik unter dem Druck der Medien eingebrochen ist?
Ja. Die Medien haben im heutigen Umfeld eine neue, bedeutende Rolle im politischen und wirtschaftlichen Geschehen. Sie sind für die Politiker unverzichtbar und wesentlich. Ein Auftritt eines Politikers in der TV-«Arena» von fünf Minuten ist unglaublich viel wichtiger als die brillanteste Rede dieses Politikers vor dem Parlament. Das ist kein Vorwurf an die Medien, es ist ein Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Daher sind Politiker – wie zunehmend auch Wirtschaftsvertreter – über die Medien in hohem Masse beeinflussbar.

Der damalige Bundesrat Joseph Deiss, der spätere Präsident der UNO-Generalversammlung, musste sich in gewissem Sinne zwischen Ihnen und den Medien entscheiden.
Politiker haben oft Angst vor den Medien – meines Erachtens zu Unrecht. Der damalige Bundesrat Deiss war nicht gerade dafür bekannt, ein sehr starkes Rückgrat zu haben. Mir wurde dann nach ein paar Tagen schon klar, dass er sich mir gegenüber nicht loyal verhalten würde. Der Mann hatte Angst vor dem involvierten Verlag. Daher habe ich dann recht früh schon den Worst Case geplant. Bundesrat Deiss hat mich vorzeitig abberufen.

Sie traten schliesslich zurück.
Damals war das die grösste Niederlage meines Lebens. Aus heutiger Sicht sage ich: Es ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Ich hatte damals endlich den Mut, den diplomatischen Dienst an den Nagel zu hängen. Ich habe von mir aus gekündigt, obschon ich gute Angebote des EDA für ein Verbleiben als Botschafter in anderer Funktion hatte. Aber ich wollte nicht mehr für Bundesrat Deiss arbeiten. Ich habe in den letzten acht Jahren weit mehr Lebensfreude und mehr Freiheit gefunden, als ich dies als Botschafter je erlebte. Es zeigt sich das alte Prinzip, dass vermeintliche Niederlagen sich später als grosse Siege entpuppen können.

Dass ein Verlag mit derartiger Aggressivität auf Sie losging, könnte auch daran liegen, dass Sie als Botschafter ein schillernder Medienstar waren und die Demontage besonders reizvoll war.
Damit wäre die alte Medienregel bestätigt, dass Personen erst hinauf- und dann wieder heruntergeschrieben werden. Da ist etwas dran. Medien können tatsächlich eine Person zerstören. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig sich Journalisten dieser Verantwortung bewusst sind. Sie scheinen auszublenden, was für eine Macht sie haben. Ich bin eine Ausnahme, weil ich mich wehren konnte. Die wahren Medienopfer sind der Lehrer, dem von den Medien zu Unrecht sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, oder der Kleinunternehmer, der fälschlicherweise des Betrugs verdächtigt wird. Hier ist die destruktive Kraft der Medien ungeheuer.

Je höher die Position, umso besser der Schutz.
Nicht unbedingt. Ich stelle das in meinem Umfeld, das ich berate, immer wieder fest. Schon ein kleiner kritischer Artikel kann gestandene Unternehmer in enorme Aufregung versetzen. Öffentlich angegriffen zu werden, hat unglaubliche psychologische Auswirkungen auf den Einzelnen. Sie fürchten um die eigene Stellung und die Stellung des Unternehmens. Journalisten wollen diesen Mechanismus oft nicht wahrhaben.

Wie waren die Auswirkungen in Ihrem Fall?
Es gab vor der Kampagne gegen mich immer wieder sehr interessante Anfragen aus der Privatwirtschaft, ob ich nicht aus dem diplomatischen Dienst in ein Unternehmen wechseln möchte. Es waren sehr reizvolle Angebote mit wichtigen Führungsfunktionen darunter. Danach waren diese Unternehmen vorerst nicht mehr an mir interessiert, nicht weil ich ein besserer oder schlechterer Manager war als zuvor, sondern weil sie niemanden wollten, der durch die Medien gezogen wurde.

Nun haben Sie zuvor als Botschafter sehr gut auf dem Klavier der Medien gespielt und sich selber sehr gut in die Schlagzeilen gebracht. Sie waren dauernd in der Presse, Sie warenin «Wetten, dass ...?». Da haben Sie übertrieben.
Mit Blick auf den Schweizer Bundesrat wahrscheinlich schon. In Deutschland war es der richtige Weg. Ich habe damals den Begriff der öffentlichen Diplomatie oder «public diplomacy» mitgeprägt. Die Geheimdiplomatie des 19.Jahrhunderts nahm noch auf die Regierungen Einfluss. Ich habe mir gesagt, im Medienzeitalter muss der Diplomat auf die Medien einwirken, weil die wiederum auf die Politik einwirken. Ich habe mir gesagt, es ist nicht mehr ausreichend, wenn ich bei 80 Millionen Deutschen vor 50 Zuhörern Vorträge über die Schweiz halte wie meine Vorgänger. Wenn ich Wirkung erzielen wollte, muss ich dies über die Medien machen.

Sie waren mit Ihrer Gattin eines der führenden Glamour-Paare in Berlin.
Mag sein, aber es hat gewirkt. Am 1. August hatten wir ein halbes Dutzend Minister im Haus, Dutzende von Parlamentariern und Wirtschaftsführern und alle wichtigen Medien.

Nur, die kamen nicht, um von Ihnen substanzielle Aussagen zur Schweiz zu hören. Sie kamen wegen des Prominentenfaktors.
Das stimmt nicht. Weil die Medien uns interessant fanden, konnte ich auch grosse Interviews zu wichtigen Fragen der Schweiz geben, zum Thema Bankgeheimnis zum Beispiel. Sie kamen alle, von der «Bild»-Zeitung bis zum Fernsehen. Glauben Sie wirklich, die hätten einen biederen Botschafter Hugentobler interviewt? Natürlich war ich in «Wetten, dass ...?». Aber danach kamen massenhaft Anfragen, weil ich in «Wetten, dass ...?» war. Oder ich konnte vor 10 Millionen Fernsehzuschauern bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst über die Schweiz reden. Einige Schweizer haben die Medienregel nicht begriffen, dass man sich erst zu einer interessanten Person machen muss, um Gehör zu bekommen.

Und dann gab es noch den Glamour um des Glamours willen. Damit wären wir bei Ihrer Frau.
Natürlich ist Shawne eine äusserst attraktive Frau. In diesem pulsierenden Berlin hat sie unglaubliche Wirkung erzielt. Es ist bis heute ein Phänomen. Wenn sie heute an einem Ball in Berlin aufkreuzt, rennen immer noch 30 Fotografen von Bill Clinton weg und stürzen sich auf sie.

Nun hat sie sich auch immer blendend in Szene gesetzt. Da sass sie etwa eines Tages auf einem weissen Pferd vor der Botschaft.
Shawne war nicht zu kontrollieren, glauben Sie mir. Welcher Ehemann kann denn schon seine Frau kontrollieren? Plötzlich war das Pferd da. Plötzlich war sie von Kopf bis Fuss in eine Schweizer Fahne gehüllt. Ich wusste von nichts. Sie hat viel Positives beigetragen, aber manchmal war sie sicher auch ein Risiko. Ich werde aber nichts Negatives über meine Ex-Frau sagen.

Damit wären wir bei Ihrer Scheidung. Plötzlich waren ab 2010 die Medien wieder voll von Thomas Borer und Shawne Fielding. Sie wurden zum zweiten Mal ein Medienopfer, indem Ihr Privatleben zum zweiten Mal zum grossen Thema wurde.
Ja, aber all diese Artikel waren nicht von mir inszeniert. Ich rede seit 2002 nicht mehr über mein Privatleben. Ich würde das auch allen anderen empfehlen. Aber es ist richtig, ich konnte Shawne in Berlin nicht kontrollieren, und ich konnte sie rund um unsere Scheidung nicht kontrollieren. Sie war der Ansicht, dass sie in der Scheidung ihre Position verbessert, wenn sie öffentlich über unser Verhältnis redet. Ich bin der gegenteiligen Ansicht.

Wir wissen nun aus der Quelle Fielding, dass Sie Ihrer Frau monatlich 45000 Franken bezahlen.
Das Gute daran ist zumindest, dass nun alle meine Klienten verstehen, warum meine Honorare recht hoch sind.

Sie haben rund um ihr Privatleben eine zweite amerikanische Eigenart in die Schweiz eingeführt. Gegen Medien, die das nicht respektieren, klagen Sie sofort.
Ja. Diese Strategie wende ich seit Jahren an. Sie ist bekannt und wird bei den meisten Journalisten auch akzeptiert. Wenn man über mein Privatleben schreibt, dann hat man ein hohes Risiko, dass eine Klage kommt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!