Die Sonne scheint vorgestern Freitag entgegen der Vorhersage, wir warten im Garten des Gasthofs «Iberl’s» in München auf Martin Walser. Auf die Minute genau um 15 Uhr, wie abgemacht, spaziert er herein. Verschmitzt lächelnd begrüsst uns der Mann mit den buschigen Augenbrauen und schlägt vor, das Interview drinnen zu führen – im «Walser-Stüberl». So hat es die Wirtin, eine leidenschaftliche Leserin seiner Bücher, benannt. In «Iberl’s» ist Martin Walser Stammgast. Der Schriftsteller ist wegen seines Romans «Ein sterbender Mann», der in München spielt, vom Bodensee hierhergezogen. Er setzt sich, bestellt einen Whisky mit Eis und Mineralwasser.

Herr Walser, von hier aus reisen Sie für Lesungen in Städte in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Warum tun Sie sich das mit 89 noch an?
Martin Walser: Wenn man auf eine Frage antworten soll, die man sich selbst nie gestellt hat, dann versucht man etwas zu erfinden, was dem, der fragt, halbwegs passt. (Wartet) Ich bin immer mit den Büchern, die erschienen sind, gereist und habe vorgelesen. Es hat sich herausgestellt, dass es den Leuten gefällt, wenn ich aus einem Buch vorlese. Ich weiss, das klingt komisch.

Überhaupt nicht.
Ich habe keine Ahnung, dass ich ein günstiger Vorleser bin. Aber es ist so: Jeder Autor liest seine eigenen Texte besser vor als jeder mögliche Schauspieler. Der Autor will nicht so hoch kultiviert und nicht so tief verzweifelt sein, sondern er will sein, wie er ist. Das ist sogar so, wenn er betrunken ist. Denn der Autor kann fast nichts falsch machen. Warum also soll er nicht reisen?

Dass Ihre Lesungen so beliebt sind, hat sicher mit Ihren Romanen zu tun. Aber vielleicht auch damit, dass Sie der letzte grosse Nachkriegs-Schriftsteller sind: Man kann eine lebende Legende treffen.
(Blickt zur Decke, beginnt zu summen, nimmt dann einen Schluck Whisky) Das ist ein bayrischer Whisky. Der steht hier auf der Karte und schmeckt wirklich gut. Die Bayern, die kopieren alles.

Den probiere ich auch.
Bestellen wir zwei.

Die Frage mit der lebenden Legende ...
... höre ich natürlich nicht gern. Obwohl ich diesen Verdacht, den Sie äussern, manchmal habe. Ich sags jetzt einmal so: Die Abende mit dem «Sterbenden Mann» laufen unheimlich gut. Wenn die Leute dann so heftig klatschen, dann denke ich: Heilandsack, da ist Mitleid drin. Was Sie formuliert haben, ist das Gleiche.

Man könnte es auch Helmut-Schmidt-Effekt nennen.
(Verzieht das Gesicht und sagt zur Fotografin) Sagen Sie ihm, er soll ein anderes Bild nehmen. Und wenn ich abends eine Zigarette rauche ... Helmut Schmidt! Furchtbar. Das macht mich noch zum Nichtraucher.


Ja. Darüber habe ich im «Sterbenden Mann» geschrieben. Dazu stehe ich. Aber das Ganze ist ziemlich ambivalent.

In Ihrem Buch kommt die Flüchtlingskrise vor. Wie haben Sie es im letzten Herbst erlebt, als täglich Tausende Flüchtlinge in München offenherzig empfangen wurden?
So wie alle. Trotz marginaler Scheusslichkeiten bin ich da – vielleicht zum ersten oder zweiten Mal in meinem Leben – als Deutscher nicht so schlecht dran. Dank Angela Merkel. Sie ist der erste weibliche Bismarck der Geschichte. Was sie alles hören muss. Aber sie macht das einfach toll.

Ist Merkel eine historische Figur?
Ja. Ich war nicht in jedem Augenblick auf ihrer Seite. Etwa, als sie die Soldaten in Afghanistan besucht hat. Aber in der Flüchtlingspolitik – das kann man nicht besser machen, als sie es macht. Das Schöne oder das Einnehmende an ihr ist: Man sieht ihr an, dass sie das, was sie gleich wieder machen muss, nicht schon auswendig kann. Sondern dass es sich in ihr als Entschluss bildet. Man erlebt mit, dass es nicht einfach ist. Das war bei Steinbrück in der Euro-Krise anders: Der sagte gebrauchte Sätze, die kamen nicht zum ersten Mal, die waren parat. Merkel lässt miterleben, wie ein Satz in ihr entsteht. Das ist unwiderstehlich.

Gerhard Schröder sagte diese Woche in Zürich, er hätte nicht gesagt: «Wir schaffen das.» Sondern: «Wir können das schaffen, wenn diese und jene Voraussetzungen erfüllt sind.»
Da behaupte ich, dass der Schröder, dem ich in solchen Fragen nur das Beste zutraue, ebenfalls gesagt hätte: «Wir schaffen das.» Weil es nun aber Merkel gesagt hat, lässt er das nicht gelten und muss noch einen Nebensatz anhängen.

Die «Zeit» kommentierte, die Bewältigung der Flüchtlingskrise sei die grössere Aufgabe als die deutsche Wiedervereinigung. Stimmt das?
Muss man das denn vergleichen? Das bringt doch nichts. Grösser oder nicht grösser: Man kann solche Aufgaben nicht messen. Ich sage nur: Die Wiedervereinigung ist gelungen, sie war das erste glückliche politische Ereignis in meinem Leben. Wenn es mit den Flüchtlingen auch gut kommt, und mit Merkel wird es gut kommen, ist das mein zweites.

Hier in Bayern fordert die CSU die Schliessung der Grenzen.
Horst Seehofer macht sich kleiner, als er ist, um deutlicher zu sein, als er wäre, wenn er als er selber erschiene. Ich gestatte mir, das Wichtige wichtig sein zu lassen, und das ist Frau Merkel und alle, die mit ihr sind.

In den 60er-Jahren haben Sie zusammen mit anderen Schriftstellern Willy Brandt und die SPD öffentlich unterstützt. Hat sich Ihre politische Haltung in all den Jahren verändert?
Wenn ich der Umwelt recht geben darf, dann wird das so sein.

Es heisst, Sie seien konservativer geworden.
Ich hab das Gefühl nicht. Ich hab mich nur 1961 für die SPD erklärt, vier Jahre später konnte ich das bereits nicht mehr – wegen ihrer Haltung zum Vietnam-Krieg. Für mich wäre es wichtig gewesen, dass sich die SPD klar von den USA und ihrem Krieg distanziert hätte.

Ist es unvermeidlich, dass man mit dem Alter schrittchenweise nach rechts rückt?
Kein Mensch ist in solchen Fragen absolut unabhängig. Jeder reagiert auch auf das, was ihm zugespielt wird, sei es der Vietnam-Krieg, die deutsche Teilung – gegen die ich mich gewehrt habe – oder die Flüchtlinge.

Sie weichen aus.
(Denkt lange nach) Ich kann wirklich sagen: Ich war nie links oder rechts. Oder besser: Ich war und bin sowohl links wie rechts. Für mich gab es nie dieses blöde Entweder-oder. Wenn es sich einmal anders angehört hat, dann nur, weil mir ein Ball zugespielt wurde und ich so reagieren musste. Als ich anfing, da wurde von Schriftstellern erwartet, wenn sie als zurechnungsfähig gelten wollten, dass ihre Literatur gesellschaftskritisch ist.

Also links.
Ja. Man nannte es aber gesellschaftskritisch. Als ich 1957 den Hesse-Preis erhielt, musste ich eine Rede halten. Ich sagte: Es ist unsinnig, vom Schriftsteller zu erwarten, er sei gesellschaftskritisch. Denn er gehört ja selber zur Gesellschaft.

Viele Ihrer Romane – «Muttersohn», «Angstblüte», «Das Einhorn» – handeln auch in der Schweiz. Verfolgen Sie die Politik bei uns?
Eine Zeit lang habe ich das mit wachem Interesse getan. Einmal sagte ich in einem Interview mit Matthias Ackeret: «Blocher ist für mich ein Monument der Richtigkeit.» Unter Intellektuellen bist du erledigt, wenn du später noch, wie ich es tat, sagst, dass Haider in Fernsehdiskussionen bisweilen ganz vernünftig argumentiert.

Bereuen Sie die Blocher-Aussage?
Nein, um Gottes willen nicht. Ich habe mich damals, als Blocher noch in der Regierung war, über ihn erkundigt. Vieles von dem, was er sagte, leuchtete mir ein. Gut, es gibt für mich auch den einen oder anderen Grund, gegenüber der Schweiz sentimental zu sein. Als es wir uns leisten konnten, haben wir uns in Sarn bei Thusis GR ein Ferienhäuschen gekauft. Das haben jetzt die Kinder. Früher waren wir regelmässig dort. Wunderbar.

Wie kamen Sie dazu?
Ich war damals Bankkunde bei der UBS in Kreuzlingen beim Herrn Studer. So einen gibts gar nicht mehr, der wäre heute verboten. Jetzt sind da lauter Funktionäre, aber Herr Studer war ein ...

... Patron.
Ja. Er hat uns das finanziert. Da war ich glücklich, auch mit meinem Sprach-Ohr, denn an diesem Ort sprach man wirklich alemannisch. Das vermisste ich am Bodensee, wo das Alemannische verschwindet.

Im «Sterbenden Mann» sagt Ihr Romanheld Theo Schadt: «Je näher du dem Tod bist, desto schöner ist es zu leben. Oder genauer gesagt: desto schöner wäre es zu leben.» Ist das auch Ihre eigene Feststellung?
Sätze solchen Allgemeinheitsgrads kann man als Autor nicht einfach so hinschreiben. Meine Devise ist: Ich schreibe etwas so schön, wie es nicht ist.

Sie beschönigen?
Ich verschönere. Meine letzte Erleuchtung ist: Es heisst ja, die Literatur erklärt die Welt. Das stimmt aber nicht. Literatur verklärt die Welt. Das hat sie mit der Religion gemeinsam. Das ist mein Schlusshafen, in dem ich lande.

Was ist das Schönste am Leben, wenn man 89 ist?
Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung.

Wie schaffen Sie das, geistig und körperlich so fit zu bleiben?
Man verstellt sich!

Das würde ich spätestens nach dem dritten bayrischen Whisky merken.
Ich trinke nur zwei. Ihre Frage, die stelle ich mir selbst nie. Unfreundlicher wäre Ihre Frage gewesen: Warum schreiben Sie eigentlich noch? Darauf hätte ich schon eine Antwort.

Nämlich?
Hätte ich das Buch, das ich jetzt geschrieben habe, schon vor 20 Jahren schreiben können, dann hätte ich es damals geschrieben. Ich konnte das aber nicht. Mir fällt ein, was mir fehlt. Und solange mir etwas fehlt, fällt mir etwas ein. Mit diesem Mangel muss ich arbeiten.

Mangel als Antrieb.
Ja. Wäre die Welt so, wie sie sein müsste, würde kein Mensch schreiben. Würde auch kein Mensch beten.

In Ihrem Roman heisst es, es nütze nichts, sich auf das Sterben vorzubereiten.
Trotzdem tut man es andauernd. Das kann nicht funktionieren, denn wenn es so weit ist, bist du ein anderer als der, der sich drauf vorbereitet hat. In diesem Zusammenhang habe ich mich für den Roman mit den Suizidforen im Internet auseinandergesetzt, auch mit Dignitas, einer Schweizer Kreation. Die Schweiz macht das richtig: Ich sehe nicht ein, dass der Staat oder eine Religion oder eine Familie ein Recht hat auf deinen letzten Augenblick. Den musst du machen, wie du glaubst, dass du ihn machen musst.

Warum scheitern in Ihren Romanen die Hauptfiguren eigentlich immer?
Ach, das Wort scheitern. Ich weiss gar nicht, wie ich das anwenden soll. Wie würden Sie scheitern mundartlich ausdrücken?

Vielleicht: «Es goht nöd.»
Eben. Scheitern hat keine direkte mundartliche Entsprechung, und das ist immer verdächtig. Meine Romanhelden scheitern nicht, denn allein dadurch, dass es geschrieben steht, ist es etwas Sieghaftes.

Sie sind persönlich nie gescheitert, bei Ihnen geht immer alles.
Bei mir geht überhaupt nichts! (Lacht) Ich schrieb 25 Jahre lang unter andauernder Niedertracht des führenden Literaturkritikers Deutschlands.

Vielleicht haben Ihnen Marcel Reich-Ranickis Verrisse geholfen!
Pass auf. Als mein Buch «Ohne einander» herauskam, schrieb Reich-Ranicki in der FAZ: «In diesem Buch lohnt es sich nicht, eine einzige Seite zu lesen, nicht einen einzigen Satz.» Über seine Kritik meines Buchs «Jenseits der Liebe» hat Reich-Ranicki die Überschrift gesetzt: «Jenseits der Literatur.»

Der Titel ist journalistisch nicht schlecht gesetzt.
Damals gab es zum ersten Mal die Bestenlisten. 27 Kritikerinnen und Kritiker setzten mein Buch auf Platz 1, und das haben sie nicht wegen meines Buchs getan, sondern weil ihnen die Machtausübung Reich-Ranickis zu weit ging. Ich habe mir das 25 Jahre lang gefallen lassen, dann erst habe ich das Buch «Tod eines Kritikers» geschrieben. Und das ist mir nicht bekommen.

Ein grosser Erfolg ist Ihre Ehe. Der «Spiegel» schrieb, sie sei so beständig und fast so alt wie die Bundesrepublik Deutschland.
Wie alt ist die Bundesrepublik?

Sie entstand 1949.
Da war ich noch nicht verheiratet. Ich sage nur: Deutschland ist die Wiedervereinigung gelungen.

Ihr Romanheld verlässt seine Ehefrau nach fast 40-jähriger Ehe. Das passiert Ihnen nicht.
Jeder Roman ist ein Selbstporträt des Autors. Aber nicht eins zu eins. Schreiben ist eine Entblössungsverbergungstechnik. Ich bin leider süchtig, mich zu entblössen, aber ebenso süchtig, mich zu verbergen. Darum finde ich Fragen zum bürgerlichen Stand überflüssig.

Arbeiten Sie schon am nächsten Buch?
Ja, es hat den Titel «Statt etwas». Der erste Satz in dem Buch heisst: «Mir geht es vielleicht etwas zu gut.»

Schreiben Sie noch immer von Hand?
Ja. Aber dann diktiere ich den Text einer intelligenten Software. Früher hat meine Frau alles abgetippt. Die Software ist erstaunlich.

Sie nutzen mit 89 neueste Technologien, während andere schon mit 50 zu Kulturpessimisten werden.
Optimismus und Pessimismus – das sind Worte, die taugen höchstens für den Wetterbericht. Zum Kulturpessimisten wird nur, wer deutlicher werden will. Das brauche ich nicht. Ich bin immer deutlich genug gewesen.

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