Von Vicki Larson*

Im November 1891 heiratete der britische Sexualforscher Havelock Ellis die lesbische Schriftstellerin Edith Lees. Er war 32 und Jungfrau. Und da er impotent war, vollzogen sie ihren Bund nie. Nach ihren Flitterwochen lebten die beiden getrennt in einer offenen Ehe, wie er sie bezeichnete. Sie dauerte bis zum Tode von Lees 1916.

Dies ist nicht, was die meisten als eine Vorzeigeehe betrachten. Aber vielleicht war Ellis wegen ihrer Ungewöhnlichkeit in der Lage, eine Idee aufzubringen, die heute genauso radikal und aufreizend ist, wie sie zu seiner Zeit war: Ehen auf Probe, in denen er sich Paare vorstellte, die eine befristete Bindung unterschiedlichen Grades der Hingabe leben, die ihnen erlaubt, Geschlechtsverkehr zu haben, von der Empfängnisverhütung Gebrauch zu machen und sich – falls gewünscht – problemlos scheiden zu lassen, solange keine Kinder betroffen sind. Die Idee weckte das Interesse vieler Progressiver, darunter des britischen Philosophen Bertrand Russell und des Richters und Sozialreformers aus Denver Ben B. Lindsey, welche die neuen ökonomischen und kulturellen Freiheiten in der nachviktorianischen Ära begrüssten.

Goethe sah es ähnlich
Während Ellis dieser Art der befristeten Ehe einen Namen gab, hatten andere schon Jahre davor über ähnliche Bindungen gesprochen. So zum Beispiel der deutsche Dichter Johann von Goethe, der die Idee in seinen «Wahlverwandtschaften» (1809) in Betracht zog. Und der amerikanische Paläontologe E. D. Cope schrieb in seinem Buch «The Marriage Problem» (1888), dass Ehen mit einem Fünfjahresvertrag beginnen sollten, den beide Ehepartner beenden oder mit einem weiteren 10- bis 15-jährigen und, falls danach immer noch alles gut verlaufen würde, einem unbefristeten Vertrag erneuern könnten.

1966 schlug die amerikanische Anthropologin Margaret Mead eine zweistufige Eheform vor – eine «individuelle Verpflichtung», die für Hochschulstudenten mit begrenzten Mitteln geeignet wäre und leicht gelöst oder aber in eine «elterliche Verpflichtung» umgewandelt werden könnte, wenn sie bereit waren, die Verpflichtungen von Kindern zu übernehmen. 1971 machte Lena King Lee, eine Abgeordnete aus Maryland, den Vorschlag einer Marriage-Contractual Renewal Bill, gemäss der Paare ihre Ehe alle drei Jahre auflösen oder erneuern könnten. 2007 schlug die deutsche CSU-Politikerin Gabriele Pauli einen siebenjährigen Vertrag vor; 2010 plädierte eine Frauengruppe auf den Philippinen für einen 10-jährigen Ehevertrag; und 2011 machten sich Politiker in Mexiko-Stadt für eine Reform des Zivilgesetzes stark, die es Paaren erlauben würde, sich für die Dauer ihrer ehelichen Bindung zu entscheiden, jedoch mindestens zwei Jahre.

Offensichtlich war eine Reform der lebenslangen Ehe fällig. Trotz aller Gespräche wurden jedoch keine Gesetze verabschiedet und die Idee von erneuerbaren Ehen blieb nur eine Idee. Andernorts sind allerdings befristete Ehen über Jahrhunderte erfolgreich praktiziert worden, unter peruanischen Indianern in den Anden, im Indonesien des 15. Jahrhunderts oder im alten Japan. Und es scheint, als könnten wir bereit sein, sie auch im Westen in die Tat umzusetzen.

Ehe auf Probe
In einer Umfrage gaben kürzlich viele Jugendliche der Generation Y an, dass sie für eine «Beta-Ehe» offen wären, in der sich Paare für eine bestimmte Anzahl von Jahren – zwei Jahre schienen die «richtige» Dauer zu sein – gegenseitig verpflichten würden, wonach sie sich für eine Erneuerung, Neuverhandlung oder Trennung entscheiden könnten. Auch wenn es keine wissenschaftliche Umfrage war, deutet das Ergebnis dennoch auf die Bereitschaft hin, die Ehe als etwas anderes zu sehen als einen Bund bis zum Tod. Was sie ja de facto ja schon lange nicht mehr ist, werden doch 40 Prozent der Ehen in der Schweiz wieder geschieden.

In anderen Ländern ist das nicht anders: 2013 waren laut dem Pew Research Center, einem amerikanischen Think-Tank, 40 Prozent der Frischvermählten in den USA früher mindestens einmal verheiratet gewesen. Und 10 Prozent der ersten Ehen schaffen es nicht einmal auf mehr als fünf Jahre. Ein erneuerbarer Ehevertrag ist sinnvoller denn je.

Lang, aber lieb- und sexlos
Unser gegenwärtiger Vertrag – «bis zum Tode» – mag funktioniert haben, als die Menschen noch nicht so lange lebten (laut der amerikanischen Soziologin und Autorin Stephanie Coontz dauerte die durchschnittliche Ehe in Kolonialzeiten weniger als 12 Jahre). Oder als viele Frauen bei der Entbindung starben und die Männer deshalb mehrmals heiraten konnten (was sie auch taten). Und als Männer mit Vermögen Frauen fürs Kochen, Putzen und Betreuen brauchten und Frauen Männer für die finanzielle Sicherheit. Aber das ist heutzutage nicht mehr der Grund, aus dem wir heiraten.
Dennoch gratulieren wir Ehepaaren zu ihren Hochzeitstagen und werden nostalgisch, wenn die Jahre zunehmen – 15, 25, 50, 75. Sind es Jahrzehnte des Eheglücks? Nicht immer; viele langfristige Ehen sind lieb- und sexlos und manchmal voller Ärger und Feindseligkeiten.

Die Dauerhaftigkeit sollte nicht allein ein Zeichen für eine glückliche, gesunde Ehe sein. Statt «bis zum Tode» in Ehen zu verbleiben, würden erneuerbare Ehen es den Partnern erlauben, ihren Ehevertrag wenn gewünscht nicht mehr zu erneuern und sich wieder zu trennen – ohne den Schock oder das Drama einer strittigen Scheidung oder zurückbleibende Zweifel darüber, was schiefgelaufen ist.

Wenn die Gesellschaft wirklich um den Verfall der Ehe besorgt ist, ist es vielleicht an der Zeit, «bis zum Tode» zu überdenken. Und wenn zukünftige Brautpaare wirklich eine glückliche Ehe wollen, dann ist es an der Zeit, dass sie die Verantwortung dafür übernehmen, ihre Ziele und Erwartungen in einem erneuerbaren Vertrag zu definieren und sooft sie es meinen – laut oder auf Papier – erklären: «Ich entscheide mich erneut für Dich».

*Vicki Larson ist Journalistin und Co-Autorin des Buches «The New I Do: Reshaping Marriage for Skeptics, Realists and Rebels». Dieser Artikel ist zuerst auf Englisch im Magazin «Aeon» erschienen.

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