Die grossen braunen Augen sind gerötet, das kurze Haar zerzaust. Razan Ghazzawi (35) raucht eine selbst gedrehte Zigarette und geht auf dem Trottoir vor dem Hotel in Zürich auf und ab. Sie hat die letzten Stunden über ihrem Vortrag gesessen, den sie im Zürcher Volkshaus halten wird, und ihn komplett umgeschrieben. Es ist das erste Mal seit zwei Jahren, das erste Mal, seit sie Syrien verlassen hat, dass sie öffentlich auftritt und spricht. Über Syrien. Über den Krieg. Und über die Aufständischen, die immer noch jeden Tag für ein besseres Leben kämpfen und für die Ghazzawi so etwas wie eine Heldin ist, obwohl sie alles andere als eine Heldin sein möchte.

Ghazzawi ist Bloggerin. Das klingt harmloser, als es ist. In Syrien ist es einer der gefährlichsten Berufe. «Es sind die Worte, die das Assad-Regime am meisten fürchtet», sagt Ghazzawi. 2006 beginnt sie zu bloggen, zuerst noch anonym. Sie schreibt über Palästina, über Lesben- und Schwulenrechte, über Rede- und Meinungsfreiheit. Immer sei sie sehr vorsichtig gewesen, habe mit einer verschlüsselten Internetverbindung gearbeitet. Denn sie wusste, dass Aufmüpfigkeit gegen das Regime mit Gefängnis bestraft werden konnte. Zwei Jahre später fasst Ghazzawi einen Entscheid: Sie will unter ihrem richtigen Namen schreiben. Sie sagt: «In den ersten Jahren haben wir, Blogger, uns einen Raum aufgebaut und geschaut, was passiert. Nach einiger Zeit wollten wir mehr. Wir begannen, die Dinge beim Namen zu nennen und mit unserem Namen für diese Dinge einzustehen.»

Zunehmend schreibt Ghazzawi auch über Syrien. Dann, Ende 2011, rund um Syrien lodert das Feuer des Arabischen Frühlings, beginnen auch in Syrien Menschen gegen das Assad-Regime aufzustehen. Viele werden verhaftet, gefoltert. Darunter auch Freunde von Ghazzawi und andere Blogger. Ihr Ton in den Artikeln verschärft sich. Sie schreibt:

«Versteht ihr, dass ich Angst hatte, zu protestieren, aber jetzt nichts mehr fürchte? Versteht ihr, dass ich Angst hatte, verhaftet zu werden, und jetzt denke ich nicht einmal mehr darüber nach? Meine Leute, wunderbare Menschen, werden umgebracht. (...) Dieses Regime wird fallen. Es ist an der Zeit, dass die Menschen selbstbestimmt über ihr Land regieren.

Für sie ist Baschar al-Assad, der Präsident Syriens, der Ursprung allen Übels im syrischen Bürgerkrieg. «Die Menschen begannen 2011 zu revoltieren, weil die Armen stets ärmer und die Reichen immer reicher wurden.» Es sei ein friedlicher Protest gewesen, der sich aufgrund der neoliberalen Macht des Regimes in Flammen setzte. Den Berichten von Amnesty International und Human Rights Watch zufolge gehen die meisten der 250 000 Toten im Bürgerkrieg auf das Konto des Regimes. «Das ist Krieg gegen das eigene Volk», sagt Ghazzawi.

Sie dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und setzt sich immer fordernder für das Recht auf die freie Meinungsäusserung ein. Dem Regime ist sie ein Dorn im Auge. «Weil ich Englisch schrieb, konnte ich einerseits Menschen auf der ganzen Welt ansprechen und mich andererseits vor dem Regime schützen, das meine Texte nicht gut lesen konnte.» Als sie 2011 das erste Mal verhaftet wird, übersetzen die Polizisten ihre Texte mit Google Translator.

Ghazzawi spricht schnell und mit fester Stimme. Nur wenn sie von ihrer Verhaftung erzählt, werden die Pausen zwischen den Sätzen länger und die Stimme bebt leicht. Ihre Worte unterstreicht sie mit dem Klopfen ihrer geballten Faust auf dem Tisch. Bei ihrer zweiten Verhaftung im Februar 2012 arbeitete sie für das «Syrian Center for Media and Freedom of Expression», eine syrische Partnerorganisation von Reporter ohne Grenzen. «Wir waren damals die einzige Organisation in Syrien, die öffentlich die Meinungsfreiheit thematisierte», sagt sie. Es war kurz nach Mittag, als die Polizisten des Nachrichtendienstes in das Büro stürmten. Ghazzawi konnte noch ihren Vater anrufen und sagen, dass der Nachrichtendienst da sei und sie nicht wisse, was jetzt passiere. «Er war sehr besorgt», sagt sie. Ihre Stimme zittert jetzt.

Während Ghazzawi im Gefängnis sitzt, wird sie zu einer weltweiten Ikone. Internationale Medien wie der englischen «Guardian» und «The Daily Telegraph» bis hin zum amerikanischen Nachrichtensender CNN berichten von ihrer Verhaftung. Die Bloggemeinde fordert ihre Freilassung. Doch um sich selbst sorgt sich Ghazzawi am wenigsten. «Am meisten Angst hatte ich um meine männlichen Arbeitskollegen. Denn ich wusste, dass der Nachrichtendienst Männer sehr brutal folterte.» Nach 22 Tagen Haft kommen sie und ihre Arbeitskolleginnen frei. Die Männer bleiben eineinhalb Jahre bis zu drei Jahre eingesperrt. Ein Kollege stirbt unter der Folter. Kurz nach ihrer Haftentlassung, im März 2012, veröffentlichte Ghazzawi im Internet einen Text über das Schuldgefühl, das syrische Aktivisten in sich tragen, weil sie befürchten, nicht genug für die Revolution zu tun.

«Dieses Schuldgefühl lässt unsere Seelen nie los, egal was wir tun, egal wie oft wir verhaftet werden. Immer haben wir das Gefühl, noch mehr tun zu müssen.»

Von diesem Schuldgefühl spricht Ghazzawi oft. Manchmal scheint es, fühlt sie sich auch schuldig für die Privilegien, die sie hat und die anderen Menschen in Syrien verwehrt bleiben. Als in den USA geborene Syrerin besitzt sie den amerikanischen Pass. Dank diesem ist es ihr möglich, einer dritten Verhaftung zu entkommen und sich an der Universität in Schweden einzuschreiben. Ihre Eltern, Geschwister und Freunde können nicht aus Syrien ausreisen. Das zerreisst ihr beinahe das Herz. Sie hält es nicht lange aus in Schweden und kehrt zurück.

Ende Dezember 2013 verlässt Ghazzawi Syrien definitiv, nachdem der IS ihr Büro räumt. Heute lebt sie in England. Zurück will sie nicht mehr. «Syrien ist nur noch eine Konfliktzone. Von den Aufständen der Bürger und deren Forderungen zu Beginn der Revolution ist nichts mehr übrig. Jetzt ist nur noch Krieg.» Zwei Jahre lang muss sie sich erholen, runterfahren. Nach ihrer Abreise aus Syrien schreibt sie:

«In den letzten drei Jahren habe ich mich so sehr verändert. Heute drehe ich beinahe durch, wenn ich meine Wäsche waschen, mich organisieren, auf meine Gesundheit achten oder Rechnungen bezahlen muss. In Syrien habe ich vergessen, wie es ist, sich darüber Sorgen zu machen, was morgen sein könnte. Jetzt sorge ich mich zu sehr darüber, was morgen ist.»

In Syrien geht der Krieg weiter. Je länger, umso verzwickter wird die Situation. Inzwischen wird an allen möglichen Fronten gekämpft. Ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA, dem Iran und Russland ist entbrannt. Auch die Friedensgespräche in Genf, die am letzten Freitag begannen, machen kaum Hoffnung auf eine baldige Lösung im Konflikt. Gibt es überhaupt noch eine Lösung für Syrien? «Klar gibt es die, und sie ist sogar ziemlich einfach», sagt Ghazzawi. «Assad muss weg und die internationalen Kräfte müssen sich vereinigen, um den IS zu beseitigen.»

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