Herr Chappatte, wer ist eigentlich Ihr Lieblingssujet?
Patrick Chappatte: Kim Jong Il war und bleibt meine absolute Lieblingsfigur. Er war eine richtige Zeichentrickfigur: der kleine Mann, der mit seiner Atombombe die Welt zerstören will. Er war fies und böse und eben klein. Er bestand zur Hälfte aus seiner Frisur. Ich will niemanden beleidigen, aber wenn ich ein Äquivalent in der Schweiz suchen müsste, dann ist es Eveline Widmer-Schlumpf.

Wegen der Frisur?
Ja, vor allem. Aber sie hat auch eine interessante Rolle. Es ist spannend zu verfolgen, wie sie sich in der Politlandschaft positioniert, zwischen der SVP und den anderen Parteien hin- und herwandelt.

Wir dachten, alle Karikaturisten lieben Micheline Calmy-Rey.
Punkto Haarschnitt hat Calmy-Rey uns alle stark inspiriert. Aber man darf nicht meinen, dass sich Karikaturisten nur für Frisuren interessieren.

Welche Schweizer Politiker zeichnen Sie sonst noch gerne, ausser Eveline Widmer-Schlumpf?
Ich zeichne wenig Schweizer Politiker, ich bin da sehr zurückhaltend. Meine Lieblingsfigur ist der Beamte mit seiner kleinen Brille. Die Beamten sind für mich das Symbol der Schweiz – einer Schweiz, die sich nicht immer schnell bewegt. Bundesräte kommen und gehen, die Verwaltung bleibt.

Macht das Ihre Arbeit schwieriger?
Nein, nicht wirklich. Meine Kollegen in Frankreich konzentrieren sich auf die paar wichtigen Figuren in der französischen Politik. Vielleicht ist das einfacher, aber es ist auch hohler. Da wir in der Schweiz alle drei Monate über wichtige Fragen abstimmen, haben wir die Chance, über Sachpolitik zu reden und zu zeichnen.

In Frankreich wird die Arbeit für die Karikaturisten auch schwieriger: Es war bestimmt einfacher, Nicolas Sarkozy zu zeichnen als seinen Nachfolger François Hollande.
Hollande hat uns tatsächlich vor Probleme gestellt, auch weil er noch abgenommen hat und deshalb ziemlich unscharf wurde. Es war einfacher, ihn ganz rund zu zeichnen. Ich persönlich bin bei Hollande noch nicht ganz so weit, ich arbeite noch an ihm. Ich starte mit einem Detail, dann entwickle ich die Figur. Bei Hollande ist es sein kleiner, blumenförmiger Mund.

Wie lange dauert es, bis Sie eine Figur in Ihr Repertoire aufnehmen?
Politiker haben 100 Tage Gnadenfrist, um sich im Amt zurechtzufinden. Karikaturisten brauchen 100 Tage, bis sie eine neue Figur beherrschen. Die ersten Zeichnungen von neu gewählten Politikern sind immer schlecht: Sie sind zu schulmeisterlich, zu rigide. Erst später werden sie zu gezeichneten Figuren – und damit auch interessant.

Sind Sie süchtig nach schlechten Nachrichten, weil Sie dann schon immer die Zeichnung vor sich sehen?
Nein. Es ist umgekehrt: Ich interessiere mich eigentlich nur für die Aktualität, wenn ich zeichnen muss. Und ich gebe zu: An den Tagen, an denen ich nicht zeichne, verfolge ich auch die Nachrichten nicht. Nehme mir höchstens die Zeitungen, die herumliegen.

Sie zeichnen also nicht immer?
In den Ferien zum Beispiel habe ich keine Lust zu zeichnen. Ich verbringe 4 oder 5 Wochen, ohne zu zeichnen. Das hat mich daran zweifeln lassen, ob ich wirklich ein Zeichner bin. Als Kind habe ich dauernd gezeichnet, auch in den Ferien, von morgens bis abends.

Gibt es beim Zeichnen moralische Grenzen?
Ich habe eine Regel: Falls eine Person durch meine Zeichnung verletzt wird und mich anruft, muss ich meine Zeichnung erklären und verteidigen können, ohne mich schlecht zu fühlen. Die Aufgabe ist viel schwieriger bei heiklen Themen wie Pädophilie. Ich habe zu diesem Thema nie gezeichnet. Man kann natürlich immer einen Gag zu allem machen – und es gibt Kollegen, die das sehr gut machen. Ich bin zum Beispiel ein grosser Fan von «Borat», der nun wirklich keinen feinen Humor hat. Aber ich finde ihn zum Schreien komisch.

Was war Ihre Meinung im Streit um die Mohamed-Karikaturen?
Das war eine leidige Geschichte. Die Karikaturisten waren Geiseln einer unlösbaren Debatte zwischen denjenigen, die eine absolute Meinungsäusserungsfreiheit fordern und denjenigen, die für mehr Respekt vor den Religionen kämpfen. Ich wollte mich weder auf die eine noch die andere Seite schlagen. Die Zeichner müssen unabhängig und verantwortungsvoll sein. Ich bin gegen Zensur, aber ich bin mir bewusst, dass die Meinungsäusserungsfreiheit nicht absolut ist. Die Folge für mich: Ich werde Mohamed nicht zeichnen, hingegen zeichne ich die Islamisten. Es geht sowie so nicht um Religion, sondern um Politik und die politische Instrumentalisierung von Religion. Um das aufzuzeigen, muss man keine religiösen Tabus brechen.

Sind Sie ein politischer Mensch?
Das muss ich, sonst müsste ich mir einen anderen Job suchen. Aber ich will mich nicht einer Partei, einem Lager anschliessen. Als Karikaturist muss man alle gleich kritisch verfolgen. Dummheiten gibt es überall. Aber ich gebe zu: Ich habe eine klare politische Haltung zur Ausländerpolitik der SVP, zu ihrer Art zu politisieren, die Gesellschaft zu spalten. Man kann diese Ablehnung auch aus meinen Karikaturen der letzten zehn Jahre ablesen. Ach ja, Christoph Blocher ist übrigens eine Figur, die ich gerne zeichne. Ich hatte ihn ganz vergessen. Dabei ist er unser Kim Jong Il. Es ist die Schweizer Figur, die ich am meisten gezeichnet habe. Aber irgendwie ist er verschwunden.

Gibt es aus zeichnerischer Perspektive potenzielle Blocher-Nachfolger in der SVP?
Sie meinen ausser Zottel? Der Geissbock ist für mich die Nummer 2 in der Partei. Das ist das SVP-Mitglied, das ich am zweithäufigsten gezeichnet habe. Sonst sehe ich niemanden, Blocher hat den ganzen Platz ausgefüllt. Sogar der SVP-Bundesrat Ueli Maurer ist eine graue Person, er hat keine Präsenz. Auch Christoph Mörgeli wird nie den Platz von Blocher einnehmen, denn ihm fehlen die breiten, charismatischen Fähigkeiten. In der Westschweiz haben wir Oscar Freysinger. Ich habe ihn aber nicht oft gezeichnet. Er ist vulgär.

Können Sie eigentlich die gleichen Karikaturen «Le Temps» und der «NZZ am Sonntag» schicken?
Ja, wohl auch, weil die Leserschaft sehr ähnlich ist. 1997 fing ich an, für Deutschschweizer Medien zu arbeiten, zuerst für die «Weltwoche», dann für die NZZ. Ich machte mich auf einen Kulturschock gefasst, er trat aber nie ein. Vor einiger Zeit übrigens waren wir drei Romands, die als Karikaturisten für Deutschschweizer Sonntagszeitungen arbeiteten. Für unsere Deutschschweizer Kollegen war das wohl ein Frust.

Sie zeichnen für die «International Herald Tribune» und die Online-Ausgabe der «New York Times». Gibt es Unterschiede zwischen dem Humor in der Schweiz und den USA?
Viele amerikanische politische Karikaturen sind für meinen Geschmack zu demonstrativ, zu plump. Und zu oft sind es Karikaturen mit Beschriftungen. Zum Beispiel wird das Defizit als Fallschirm oder das Staatsbudget als Baum gezeichnet und so angeschrieben. Doch wieso sollte ein Baum ein Budget sein? Solche Sachen sieht man täglich. Das regt mich auf. Ich hasse es!

Was bedeutet der Niedergang der gedruckten Zeitungen für die Karikaturisten?
Unser Schicksal ist mit jenem der Zeitungen verbunden. Wir könnten mit ihnen untergehen. Denn für Karikaturisten stellen sich mit den Neuen Medien die gleichen Fragen wie für die Verleger: Wie macht man Inhalte zu Geld? Es gibt im Internet viel Humor und Satire. Jeder kann seine eigenen Witze, Kommentare und Videos verbreiten. Das ist toll für manche Leute, die so ein Publikum finden. Aber seien wir ehrlich: Es gibt darunter auch sehr viel Mist.

Gäbe es keine Karikaturisten mehr ohne Zeitungen?
Humor ist oft besser, wenn er professionell betrieben wird. Professionalität ist die Bedingung, dass Künstlern ein Lohn bezahlt werden kann, der ihnen ermöglicht, das Meiste aus ihrem Talent zu machen. In einer geschützten Umgebung wie einer Zeitung war das für Karikaturisten einfacher. Wenn ich davon leben müsste, meine Zeichnungen online zu verkaufen, müsste ich statt einer guten Karikatur wohl zehn Rohversionen verbreiten. Die Qualität würde darunter leiden.

Sprechen wir über Genf. Was bedeutet Ihnen die Stadt?
Ich bin mit fünf Jahren hierhergekommen, und abgesehen von drei Jahren in New York habe ich immer hier gelebt. Ich bin ein typischer Genfer mit internationalem Hintergrund: Mein Vater war Schweizer, meine Mutter Libanesin.

Wie hat sich Genf verändert?
Die Stadt ist noch kosmopolitischer geworden, aber das Gefühl ist dasselbe geblieben: Man kann sich als Genfer fühlen, ohne aus Genf zu stammen. Ich kenne eigentlich gar keine «richtigen» Genfer. In Genf hat es zudem viele unterschiedliche Milieus, die sich nicht mischen. Insbesondere die englischsprachige Community wächst, man spricht hier mehr und mehr Englisch.

In der Deutschschweiz nahmen wir in den vergangenen Jahren vor allem den rechtspopulistischen Mouvement Citoyens Genevois wahr. Weshalb ist er so stark geworden?
Es gab in Genf immer wieder solche Bewegungen, die viele Wähler anzogen. Das gehört als Reaktion auf die Zuwanderung und die Internationalisierung wohl dazu. Diese Bewegungen machen auch auf Probleme aufmerksam, die es durchaus gibt.

Was stört Sie am meisten?
Genf ist zunehmend verstopft. Es hat so viel Verkehr, so viele Leute auf den Strassen. Am Seeufer hat es heute Menschenmassen, das war vor zehn Jahren noch nicht so. Ich mochte Genf immer, aber zum ersten Mal in meinem Leben macht mich die Stadt müde. Und was mich deprimiert, sind unsere schlechten Politiker. Es ist langsam wie in Frankreich, wo ständig mit Schlägen unter die Gürtellinie gekämpft wird, wo die Politik blockiert ist. Dabei gibt es viele Probleme zu lösen: im Wohnungswesen, im Verkehr, bei der Infrastruktur.

Woran denken Sie konkret?
Genf bringt keine grossen Projekte zustande. Am Seeufer wollte man einen Strand bauen wie in Barcelona. Initiiert wurde das Projekt vom damaligen grünen Regierungsrat Robert Cramer, doch heute ist das Projekt blockiert. Zuerst hat der Denkmalschutz Einspruch erhoben, jetzt ist es der WWF. Man nervt die Bevölkerung, weil man irgendein Biotop bewahren will. Oder schauen Sie sich den Terminal am Bahnhofsplatz an, den die Stadt vor wenigen Jahren für Bus und Tram gebaut hat. Er ist vielleicht funktional, aber von einer unglaublichen Hässlichkeit. In der kleineren und vielleicht konservativeren Stadt Bern hat man zur gleichen Zeit etwas gewagt und ein Glasdach gebaut. Genf ist zu einer solchen architektonischen Geste offenbar nicht fähig.

Sie klingen resigniert. Überlegen Sie sich, Genf zu verlassen?
Es kann sehr ermüdend sein, Genfer zu sein. Ich würde gerne einmal einige Jahre in einer asiatischen Stadt leben, zum Beispiel in Tokio. Auch die USA würden mich reizen. Die Dynamik ist dort immer noch spürbar. Aber mit drei Kindern im Schulalter ist das schwierig.

Ihre Kinder werden also zu echten Genfern?
Ja, sie haben aber immer hier gelebt. Doch wir sind viel gereist mit den Kindern.

Zeichnen sie auch?
Die zwei Älteren leider nicht. Das ist natürlich sehr bedauerlich. Aber sie sind musikalisch begabt. Sie hatten schon früh eine Band, spielten ihre eigenen Songs. Wenigstens zeichnet unser jüngster Sohn. Er hat eine riesige Vorstellungskraft und erfindet ganze Welten. Er ist meine letzte Hoffnung!

Patrick Chappatte (45) ist ein typischer Genfer: Seine Mutter stammt aus Beirut (Libanon), sein Vater aus dem Jura. Geboren wurde er in der pakistanischen Hauptstadt Karachi, aufgewachsen ist er bis zum Alter von 5 Jahren in Singapur, danach in Genf. Und hier lebt er nach einem kurzen Abstecher nach New York von 1995 bis 1998 auch heute noch – mit seiner Frau, der Fernsehproduzentin Anne-Frédérique Widmann, und seinen drei Söhnen (7, 13 und 15). Hier ist auch sein Atelier, wo er seine Karikaturen zeichnet für «Le Temps», «NZZ am Sonntag», «International Herald Tribune» und die Online-Ausgabe der «New York Times». Als erster Nichtamerikaner hat er im Mai 2012 den angesehenen Thomas Nast Award erhalten, benannt nach dem ersten bekannten US-Cartoonisten und verliehen vom Overseas Press Club of America. Mehr Karikaturen von Chappatte gibts in Buchform. Erschienen ist soeben der Sammelband «100 Karikaturen» Verlag NZZ Libro, Zürich.

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