«Beim Yoga denke ich an Geldwäscherei»

Er sitzt auf einem Schleudersitz – und erst noch gerne: Michael Lauber (45) will beweisen, dass ein Bundesanwalt seinen Job machen kann, auch ohne zwischen die politischen Fronten zu geraten. Der smarte Jurist über die ersten 100 Tage im Amt, den Fall Blocher – und seinen Lebenspartner.


Herr Lauber, an welchen Fall denken Sie, wenn Sie beim Yoga den Kopfstand machen?
Michael Lauber: (überlegt) An einen Fall von Geldwäscherei.

Ernsthaft? Sie denken beim Yoga über die Arbeit nach?
Das kann man nie ganz vermeiden. Ich habe beim Yoga gelernt, die Gedanken fliessen zu lassen. Diese Gedanken kommen und gehen. Da kann es durchaus sein, dass ich mich dabei an einen aktuellen Fall erinnere.

Sie finden noch Zeit für Yoga?
Ich will es so, dass ich die Zeit dafür finde. Ich mache das seit fünf Jahren einmal pro Woche. Yoga tut mir gut.

Laut Medienberichten in Deutschland haben Sie Haftbefehle gegen drei deutsche Steuerfahnder erlassen. Diese waren am Kauf einer CD mit Daten deutscher Bankkunden in der Schweiz beteiligt. Wie lautet Ihr Vorwurf?
Im Zusammenhang mit dem Diebstahl von Bankdaten der Credit Suisse ist es im Dezember in der Schweiz zu einer Verurteilung gekommen. Die Bundesanwaltschaft untersucht den Sachverhalt weiter. Es besteht der konkrete Verdacht, dass von Deutschland aus konkrete Aufträge zum Ausspionieren von Informationen der CS erteilt wurden.

Wirtschaftlicher Nachrichtendienst ist verboten. Was unternehmen Sie neben den Haftbefehlen?
Wir haben die deutschen Behörden in diesem Fall um Rechtshilfe ersucht.

Die Fälle Holenweger und Tinner wurden vor Ihrem Amtsantritt abgeschlossen. Bei den Hells Angels musste der Prozess nach einem Beweismittel-Chaos unterbrochen werden. Haben Sie Ihren Staatsanwalt dafür gerügt?
Nein, ich habe keine internen Massnahmen getroffen. Was ich aber tue – und das erachte ich als wichtig – ist eine enge Begleitung in so genannten Schlüsselfällen.

Das könnte man als Untergebener auch als totale Kontrolle verstehen.
Die englischen Ausdrücke sind weniger eng und passen gut: Coaching und Controlling. Ich will keine Bürokraten, sondern ausgewachsene Staatsanwälte. Diese sind selbstständig für die Untersuchungen verantwortlich. Coaching und Controlling verstehe ich als Begleitung. Das ist sicher eine heikle Aufgabe, aber ich will es vermehrt tun.

Im Fall Hells Angels hat sich der Anfangsverdacht einer kriminellen Organisation nicht bestätigt. Verteidiger Valentin Landmann sagte: «Die Maus hat einen Berg geboren.» Hat er recht?
Das Verfahren ist noch nicht fertig. Es ist völlig offen, was das Gericht am Schluss entscheiden wird. Der Grundsatz des Offizialprinzips gilt auch hier: «In dubio pro duriore» – im Zweifel für die Anklage und für die Ermittlung. So kann man zwischendurch in die Situation geraten, dass ein Gericht am Ende sagt: «Das ist zu wenig und reicht nicht, wir sehen es anders.»

In diese Situation geraten Sie ständig. Die Bundesanwaltschaft fährt mehr Niederlagen als Siege ein.
Das mag in komplexen Fällen so sein. Hier gibt es auch ganz viele Rechtsfragen zu beurteilen. Wenn mehr Verteidiger und Beschuldigte involviert sind, gibt es in der Tendenz auch mehr Fehler. Und damit mehr Möglichkeiten, zu scheitern.

Diese Prognose wird Ihnen auch im Fall Dieter Behring gestellt. Teilen Sie Befürchtungen, dass Sie schon auf das nächste Debakel zusteuern?
Ich habe in diesem Fall keine Befürchtungen. Jetzt laufen die Schlusseinvernahmen. Danach wird eine letzte Frist für Beweisanträge gesetzt. Die Bundesanwaltschaft wird entsprechend Anklage erheben und dann werden wir sehen, was dabei herauskommt.

Sind Sie nach 100 Tagen in Ihrem Amt angekommen?
Zumindest in Teilen der Amtsführung. Ich will mich aber noch viel mehr mit den Fällen auseinandersetzen können – und mit den zuständigen Mitarbeitern. Das wird meine Priorität nach Ostern sein.

Hat man Ihnen zu spüren gegeben, dass Sie ein Quereinsteiger sind?
In keiner einzigen Sekunde.

Hinter vorgehaltener Hand haben Staatsanwälte gesagt, mit Ihnen würde ein Gärtner zum Chefkoch gemacht.
Das spüre ich weder in der Geschäftsleitung noch bei den Mitarbeitenden.

Gibt es Menschen, die sich Ihnen gegenüber anders verhalten, seit Sie Bundesanwalt sind?
Sicher nicht im nächsten, aber im weiteren Umfeld. Man nimmt mich mehr in meiner Funktion und weniger als Mensch wahr. Dadurch sind die Dialoge weniger offen. Das ist vermutlich normal und ich verüble das auch niemandem.

Spüren Sie auch bei sich selber, dass Sie nicht mehr so offen sein können?
Das ist so, ja. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich beobachtet werde. Das nehme ich ernst. Es hat kleinere Einschränkungen zur Folge. Aber damit kann ich gut leben.

Sie wollen enger mit den Kantonen zusammenarbeiten. Müssen Sie etwas kitten, das vernachlässigt wurde?
Meine Haltung ist: Wir sind die 27. Staatsanwaltschaft in der Schweiz. Wir haben zwar eine spezielle Zuständigkeit, die sich mit den Kantonen überschneidet. Das bedingt in einem föderalen System, dass man mit den Kantonen zusammenarbeiten muss. Das ist meine Überzeugung als Schweizer und daraus ergibt sich die Konsequenz, wie wir unseren Job auszuüben haben.

Diese Demut hatten Ihre Vorgänger nicht. Statt von Bern aus zu bestimmen, wollen Sie sich jetzt bei den Kantonen einreihen?
Ja, ich reihe mich ein. Ich versuche, die Fakten und die Zuständigkeiten zu sehen. Da haben wir sicher eine eigene, besondere Stellung, beispielsweise bei den Staatsschutzdelikten. Zunehmend sollen aber gemischte Teams von Bundesanwaltschaft und kantonalen Strafbehörden übergreifend zusammenarbeiten.

Sie haben eine Koordinationsstelle für die Bekämpfung der italienischen organisierten Kriminalität geschaffen. Die russische Mafia ist also plötzlich kein Problem mehr?
Das bedeutet nicht, dass ich keine russische oder georgische Organisierte Kriminalität – um Beispiele zu nennen – mehr verfolgen werde. Aber es sind Ressourcen-intensive Verfahren und deshalb möchte ich klare Schwerpunkte setzen. Italien ist ein Nachbar der Schweiz, und da ist eine Nähe gegeben.

Im Kanton Zürich steht zurzeit der oberste Staatsanwalt Andreas Brunner im Schussfeld der Kritik. Können Sie die Aufregung um das Strafverfahren gegen Christoph Blocher im Fall Hildebrand nachvollziehen?
Ich kenne die Akten nicht, aber es ist mir bewusst, dass die Öffentlichkeitsarbeit in diesem Fall eine schwierige Gratwanderung ist. Es gibt das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit, dem die Gefahr der Amtsgeheimnisverletzung gegenübersteht. Es ist richtig, dass dies Chefsache ist. Wenn es heikel wird, muss man selber hinstehen.

Die SVP spricht von einem politisch motivierten Verfahren. Ist es zulässig, der Zürcher Justiz die Unabhängigkeit abzusprechen?
So wie ich die Zürcher Staatsanwaltschaft kenne, zweifle ich nicht an deren Unabhängigkeit.

Es wäre möglich, die Frage der parlamentarischen Immunität von Christoph Blocher einem ausserordentlichen Staatsanwalt des Bundes zu übergeben. Befürworten Sie ein solches Vorgehen?
Sie sprechen einen Artikel im Parlamentsgesetz an. Ich interpretiere diesen Artikel so, dass das Parlament dies so delegieren müsste. Ich bin offen. Wenn das Parlament einen solchen Entscheid fällt, ist es zu akzeptieren.

Die Geschichte der Bundesanwaltschaft zeigt: Jeder Ihrer Vorgänger stand auch unter politischem Druck.
Ich bin unabhängig und in keiner Partei. Ich kann Ihnen garantieren, dass ich bis jetzt nicht unter Druck gesetzt wurde und mich auch nicht unter Druck setzen lasse von politischer Seite. Durch die Organisation der Bundesanwaltschaft ist die Unabhängigkeit nun auch strukturell gewährleistet.

Was hat das Bundesstrafgericht gegen Ihre Behörde, dass Sie ständig von Bellinzona gerügt werden?
Ich habe mit dem Bundesstrafgericht ein gutes und offenes Verhältnis. Ich suche auch das informelle Gespräch. Wir werden den Weg zusammen finden. Da bin ich mir sicher.

Vorsitzender der Beschwerdekammer ist Emanuel Hochstrasser. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen seiner SVP-Mitgliedschaft und der Kritik an der Bundesanwaltschaft?
Nein, überhaupt nicht. Bei mir hat er sowieso keinen Anlass, etwas zu kritisieren. Ich bin ein unbeschriebenes Blatt.

Das kann sich ändern, wenn Sie mit einem Verfahren in die Schlagzeilen geraten. Wie gross ist Ihre Angst davor?
Ich gehe jeden Morgen mit Respekt vor meiner Funktion ins Büro. Aber nicht mit Angst. Ich habe mir lange überlegt, ob ich kandidieren soll, weil ich mir bewusst bin, dass ich immer mal wieder auch in der Kritik stehen kann.

Was haben Sie sich für solche Momente vorgenommen?
Immer sachlich, offen und direkt bleiben.

Und wenn die Gegenseite nicht sachlich ist?
Das ist das Risiko meines Berufs.

Aus Ihrer Behörde ist zu hören, dass Sie gut mit Menschen umgehen können. Sind Sie ein Menschenfänger?
Dafür braucht es immer auch jemanden, der sich einfangen lässt (lacht). Ich habe die Menschen gern. Ich habe mich für diese Aufgabe entschieden und jetzt setze ich auch alles ein, um zusammen mit meinen Mitarbeitern etwas zu gestalten. Mein Motto ist: «Alles oder nichts».

Es gibt Stimmen, die behaupten, es sei Ihre Kernkompetenz, sich selber gut zu verkaufen.
Ich bin, wie ich bin. Ich versuche, authentisch zu sein, und denke nie daran, wie ich mich verkaufen könnte. Mit mir weiss man, woran man ist. Ob in der Bundesanwaltschaft oder privat.

Sie können es gut mit Menschen, sollen aber Ihre liebe Mühe mit Papierkram haben.
Das stimmt. Ich bin kein Bürokrat und kein Funktionär. Zu viel Papier liegt mir nicht. Ich halte mich an die «Clean desk policy», also an einen aufgeräumten Arbeitsplatz.

Sie können bis 2015 keine Personalentscheide fällen, weil die Staatsanwälte noch vor Ihrem Amtsantritt bestätigt wurden. Erschwert das Ihren Job?
Das sind die rechtlichen Vorgaben. Staatsanwälte werden auf vier Jahre hinaus gewählt. Das dünkt mich eine gute Situation, um Stabilität und Unabhängigkeit sicherzustellen. Ich habe viele intensive Gespräche geführt und noch keinen Staatsanwalt angetroffen, der mit mir ein grundsätzliches Problem hätte.

Und wenn, dann müsste er gehen?
Dann reden wir zuerst und versuchen, einen guten Weg zu finden.

Vor Ihrer Wahl wurde angezweifelt, ob Sie mit Druck umgehen können. Wie schnell kommen Sie an Ihre persönlichen Grenzen?
Ich bin sehr zäh. Ich komme sehr spät an meine persönlichen Grenzen.

Sie haben immer alles unter Kontrolle und sich selber im Griff?
Ich bemühe mich, die Sache unter Kontrolle zu haben. Ich bin als Typ ruhig und gelassen. Ich werde nie laut.

Sondern?
Immer leiser. Je weniger ich sage, desto heikler wird es.

Sie haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Sie mit einem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Haben Sie keine Bedenken, dass Feinde Ihre sexuelle Orientierung plötzlich zum Thema einer Schmutzkampagne machen könnten?
Das habe ich mit ihm beredet. Aber ich habe immer gesagt, dass ich zu meinem Partner stehe. Ich habe das auch in den Bewerbungsunterlagen geschrieben. Ich gehe davon aus, dass die Schweiz derart liberal und reif ist, dass dies nicht einmal mehr im Ansatz eine Diskussion werden kann.

Reden Sie mit Ihrem Partner über den Alltag in der Bundesanwaltschaft?
Ich rede mit ihm nie über juristische Fragen, aber sicher darüber, wie der Tag im Büro war – ob gut oder mühsam. Über Fälle rede ich nie und ich nehme auch keine Unterlagen mit nach Hause.

Was ist sein Job?
Er arbeitet im Hauptbahnhof in Zürich bei den SBB.

Es kann also sein, dass Sie am Schalter von Ihrem Partner bedient werden?
Das könnte durchaus sein, aber ich habe ein Generalabonnement, privat bezahlt (lacht).

Sie bewundern die Opernsängerin Maria Callas. Welche Arien besonders?
«La mamma morta» von Andrea Chénier. Oder «Casta diva» aus der Oper «Norma» von Vincenzo Bellini. Maria Callas hat einfach eine wunderbare Stimme.

Sie mögen auch Gedichte. Welche besonders?
Zum Beispiel die Liebesgedichte von Hermann Hesse.

Würden Sie ein Bild des ehemaligen Bundesanwalts und heutigen Bergmalers Valentin Roschacher aufhängen?
Nein. Der naturalistische Stil gefällt mir nicht. Ich habe es generell lieber moderner und farbiger, aber besonders mag ich William Turner.

Welchen Leitspruch hat Ihnen Ihr Vorgänger Erwin Beyeler als Überlebensstrategie mit auf den Weg gegeben?
«Keep cool». Ein guter Wahlspruch. Ich werde mich daran halten.

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