VON SANDRO BROTZ, PETER BURKHARDT

Aus einer Firma mit nur 18 Angestellten hat Peter Spuhler den Bahnhersteller Stadler zu einer weltweit tätigen Firma mit 3100 Mitarbeitern gemacht. Jetzt will er Indien und Russland erobern. Spuhler warnt seine SVP vor einer Kündigung der bilateralen Verträge mit der EU. Und er verrät seine riskante Strategie gegen den schwachen Euro.

Herr Spuhler, wie schnell geht es am Morgen, bis Sie an den Eurokurs denken?
Peter Spuhler: Wenn ich mich um sechs Uhr rasiere, höre ich immer auf DRS3, was die Börse in New York und Tokio gemacht hat. Danach kommen der Euro- und der Dollarkurs. Aber die sind jetzt wichtiger für mich. Die Börse ist momentan eher nebensächlich.

Wie viele Aufträge haben Sie wegen des starken Frankens schon verloren?
Bis jetzt noch keinen. Wir haben den ganzen Mut zusammengenommen und kalkulieren jetzt mit einem Euro bei Fr.1.40. Damit können wir mit den Konkurrenten preislich mithalten.

Falls der Euro nicht bald wieder auf Fr.1.40 klettert, haben Sie aber das Risiko von grossen Verlusten.
Ja, aber es geht etwa zwei Jahre, bis ein Auftrag in der Produktion wirksam wird. Das Schlimmste wäre, wenn wir jetzt mit vollen Hosen kalkulieren. Dann würden wir Aufträge verlieren – und in zwei Jahren müssten wir Mitarbeiter entlassen, obwohl der Euro dann vielleicht wieder stärker ist. Das kann es nicht sein. Deshalb haben wir uns in der Geschäftsleitung entschieden, dass wir das Risiko eingehen.

Woher nehmen Sie den Mut dafür?
Ich bin Unternehmer. Und das Schlimmste für einen Unternehmer sind leere Fabrikhallen und die Entlassung von Mitarbeitern. Durch diese Phase müssen wir durch. Der Euro ist momentan gegenüber dem Franken ganz klar unterbewertet. Ich habe die Hoffnung, dass die EU endlich Ordnung schafft und die drohenden Staatsbankrotte abwenden kann. Dann wird sich der Euro erholen.

Noch im Herbst sagten Sie, Sie müssten Stellenverlagerungen prüfen, falls sich die Lage an der Währungsfront verschärft. Das ist nun der Fall. Wann beginnen Sie mit der Verlagerung?
Diese Frage stellt sich erst, wenn der Franken über mehrere Jahre so stark bleibt.

Der Bundesrat will Massnahmen gegen den starken Franken allein der Nationalbank überlassen. Sind Sie einverstanden mit der passiven Haltung?
Ja. Der Staat ist nicht in der Lage und es ist auch nicht seine Aufgabe, das Problem für die Wirtschaft zu lösen. Die Nationalbank hat gemacht, was sie machen kann. Wir haben absolute Tiefstzinsen. Sie hat letztes Jahr versucht, den Euro bei 1.40 zu halten. Sie hat 200 Milliarden Franken dafür aufgewendet, mit Wirkung null. Ich sehe im Moment keine weiteren Massnahmen, die greifen könnten.

Wäre es nicht besser, den Franken an den Euro zu binden, als die Schweizer Exportwirtschaft ausbluten zu lassen?
Diese Forderung von linker Seite ist ein Hirngespinst. Die Nationalbank müsste für mehrere hundert Milliarden Schweizer Franken Euro kaufen, was zu einer Hyperinflation führen würde, welche die Kaufkraft aushöhlt. Das trifft dann die Rentner und die tiefen und mittleren Einkommen ganz besonders.

Andere Firmen lassen nun länger arbeiten oder bezahlen Schweizer Zulieferer in Euro. Werden Sie das auch tun?
Nein. Für mich kommen weder Lohnkürzungen noch Zahlungen an Schweizer Unterlieferanten in Euro infrage. Aus meiner Sicht braucht es Innovation und Produktivitätssteigerungen. Erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, sollte man verlagern. Wir erhöhen aber den Anteil der Einkäufe aus dem Euroraum von 20 auf 30 Prozent. Damit fangen wir einen guten Teil der Währungsverluste auf.

Der Preisüberwacher forderte die Konsumenten auf, im Euroraum günstig einzukaufen. Ist das der richtige Weg?
Nein, ich finde es nicht richtig, wenn von offizieller Seite dieser Aufruf erfolgt.

Ist das unpatriotisch?
Die Konsumenten sollten eine gewisse Solidarität an den Tag legen. Man darf nie vergessen, dass der Konsument in der Regel auch Arbeitnehmer in der Schweiz ist. Wenn man nur noch auf die Preise schaut, wird der Anteil der arbeitslosen Konsumenten dramatisch steigen.

Vor der Krise machte Stadler Rail gut 1,2 Milliarden Franken Umsatz. Und 2010?
Wir haben 1,1 Milliarden Umsatz budgetiert und das knapp erreicht. Wir sind gut über die Krise gekommen, ohne Einbrüche.

Nun streben Sie einen Umsatzanstieg auf 2 Milliarden an. Bis wann erreichen Sie das?
Wir werden dieses Jahr einen Umsatzsprung machen und 2012 noch einmal einen. Die Aufträge hierzu haben wir schon in den Büchern. Die zwei Milliarden sind also in Sichtweite. 2012 sollten wir sie erreichen.

Wie viele Stellen schaffen Sie in diesem Jahr?
Wir haben im Jahresdurchschnitt 3500 Mitarbeiter budgetiert. Wir schaffen also in diesem Jahr 400 neue Stellen, davon sicher die Hälfte in der Schweiz.

Sie haben letztes Jahr einen Milliardenauftrag für 59 Doppelstockzüge der SBB nicht erhalten. Wie gehen Sie mit der Niederlage um?
Es stinkt mir heute noch, dass wir den Auftrag verloren haben. Wenn Sie mit Ihrem Team über ein Jahr fast Tag und Nacht an einer solchen Ausschreibung arbeiten und dann verlieren, hinterlässt das Spuren. Aber wir haben es wegstecken müssen. Es ist wie im Sport: Wenn man die Meisterschaft verliert, trainiert man noch härter, damit man die nächste gewinnt.

«Ein guter Chef zeichnet sich vor allem durch Demut aus.» Wissen Sie, von wem dieser Satz stammt?
Nein.

Er steht im Führungshandbuch von Christoph Blocher.
Ah ja. Ich denke schon, dass Demut in einer solchen Niederlage hilft. Noch wichtiger ist für mich, dass man die Reihen wieder schliesst, das Team neu motiviert und vorwärtsgeht.

Wie führen Sie Ihr Unternehmen?
Für mich sind Vertrauen und Loyalität in der Führung zentral. Ist dies bei einer Führungsperson gegeben, dann delegiere ich viel Kompetenz und führe eher an der langen Leine. Eine Unternehmung wie Stadler Rail muss auch mit einer gewissen Fehlerquote leben, um innovativ bleiben zu können. Ich habe viele Firmen erlebt, wo jeder einen Kopf kürzer gemacht wird, der einen Fehler macht. So werden alle Innovationen verhindert. Wichtig ist mir auch die Arbeit im Team. Einer allein bewirkt nichts.

Der Schweizer Bahnmarkt ist praktisch gesättigt. Welche neuen Länder wollen Sie mit Stadler Rail noch erobern?
Die Schweiz und Deutschland sind weiterhin unsere Hauptmärkte. Aber wir sind daran, ausserhalb von Europa zwei, drei neue Märkte anzuschauen, die zu neuen Standbeinen werden können.

Zum Beispiel?
In den USA haben wir mit der S-Bahn Dallas den dritten Auftrag gewonnen. Jetzt sind wir daran, ein Verkaufsbüro zu eröffnen. Der US-Regionalverkehr kann ein interessanter Markt für uns werden.

Trifft es zu, dass Sie sich in Russland und Indien für erste Aufträge beworben haben?
Es ist richtig. Wir sind in Verhandlungen mit der russischen Bahn für die Lieferung von Antriebsteilen von Regionalzügen. In Indien werden wir dieses Jahr an einer Ausschreibung teilnehmen, zusammen mit ABB Schweiz. Es geht um Regional- und S-Bahnen.

Wollen Sie auch nach China?
Ich bin skeptisch, ob das wirklich ein Markt für einen europäischen Hersteller ist. Die Chinesen wollen die Technologie und die Kontrollmehrheit in Joint Ventures behalten.

Was ist mit dem arabischen Raum, wo Milliarden in neue Bahnen gesteckt werden?
Wir können nicht überall auf dieser Welt tätig sein. Dafür haben wir die finanziellen und personellen Ressourcen nicht. Bis jetzt ist der arabische Raum für uns ein weisser Fleck – bis auf Algerien, wo wir 64 Züge für die S-Bahn Algier liefern konnten.

In den Millionen-Metropolen boomt der Bau von U-Bahnen. Wird es bald U-Bahnen aus dem Thurgau geben?
Wenn eine interessante Ausschreibung kommt, machen wir sicher mit. Es ist auch nicht so kompliziert wie ein Doppelstock-Wagen oder ein Niederflur-S-Bahn-Zug.

Beim Aufbau von neuen Märkten ist Korruption immer ein Thema. Wie gehen Sie damit um?
Wir haben einen klaren Verhaltenskodex. Da sind wir sauber. Diesen Gefallen mache ich dem politischen Gegner ganz sicher nicht. Das ist mit den verschärften Ausschreibungsregeln der Welthandelsorganisation auch gar nicht mehr möglich. Der Entscheidungsprozess muss ja offengelegt werden.

Sie waren 2004 bis 2008 Verwaltungsrat der UBS. Jetzt wurde diese von der Börse mit 100000 Franken gebüsst. Wir nehmen an, Sie sind dankbar, nicht mehr dabei zu sein.
Nein, ich war knapp fünf Jahre im Verwaltungsrat der UBS und stehe zu dieser Zeit.

Laut Börse hat aber die UBS zu spät über zu erwartende Verluste informiert. Haben Sie versagt?
Nein, dafür ist der Verwaltungsrat gar nicht zuständig. Die operative Geschäftsführung wurde vom Verwaltungsrat an die Konzernleitung delegiert. Zu Beginn der Finanzkrise hat der Verwaltungsrat zwei Kapitalerhöhungen durchgeführt und die personellen Konsequenzen gezogen. Für die Informationspolitik bin ich als unabhängiger Verwaltungsrat nicht zuständig gewesen.

Das Risikomanagement ist doch eine Hauptaufgabe des Verwaltungsrates.
Nein, die Beurteilung des operativen Risikos ist klar im Verantwortungsbereich der Konzernleitung.

Themawechsel: Mit Thomas Müller von der CVP bekommen Sie einen neuen Fraktionskollegen. Was müsste passieren, damit Sie in die FDP wechseln?
Es gibt keinen Grund, einen solchen Wechsel zu machen. Ich bin sehr glücklich in der SVP und fühle mich hier zu Hause. Für mich kommt ein Parteiwechsel überhaupt nicht infrage.

Keine Transferangebote?
Nein, bis jetzt nicht. Ich wüsste auch nicht, aus welchem Grund ich wechseln sollte.

Zum Beispiel, weil Ihnen die SVP-Bildungspolitik gegen den Strich geht.
Wir sind eine Volkspartei. Und da soll es auch verschiedene Strömungen und Meinungen geben. Aber ein Wechsel wegen eines einzigen Sachgebiets? Niemals.

Ihre Partei will Mundart im Kindergarten, Fremdsprachen nur in der Oberstufe und mehr Drill. Einverstanden?
Mehr Drill unterstütze ich. Wir haben ein Schulsystem, das in Richtung Mittelmass abdriftet. Ich sehe das auch als Unternehmer. Hier sollten wir die Anforderungen heraufschrauben. Die Kinder müssen an die Leistungen herangeführt werden, die sie später im Beruf brauchen. Hochdeutsch im Kindergarten finde ich zu früh, und ob man schon in der Primarschule Fremdsprachen lernen muss, ist auch fraglich.

Als Unternehmer müssten Sie doch ein Interesse haben, dass künftige Mitarbeiter fliessend Englisch sprechen.
Sicher. Aber das kann man auch in der Oberstufe noch lernen. Darum sollen sich unsere Bildungspolitiker kümmern.

Die Schnürlischrift ist Ihnen also weniger wichtig als Ihren Parteikollegen?
Damit habe ich mich jetzt noch nie befasst.

In der Wirtschaft geben Sie die Richtung vor und fällen Entscheide. In der Politik müssen Sie sich seit 12 Jahren unterordnen. Wie geht das zusammen?
Als Unternehmer befasse ich mich logischerweise mit Fragen der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Denken Sie nur an die bilateralen Verträge. Wie regeln wir die Wirtschaft mit der EU? Da habe ich klare Vorstellungen und bin bereit, im Notfall gegen eine Mehrheit meiner Partei meine Meinung zum Wohl des Landes, der Wirtschaft und ihrer Mitarbeiter zu verteidigen.

Ihre Partei torpediert aber die Personenfreizügigkeit und zeigt sich damit wirtschaftsfeindlich. Das kann Ihnen nicht gefallen.
Ich bin ganz klar der Meinung, dass wir mit den bilateralen Verträgen mit der EU das erreicht haben, was die Wirtschaft braucht. Das soll man auch nicht weiter ausbauen. Es wäre aber ein absoluter Fauxpas, die Bilateralen aufzukünden. Das würde den Druck auf eine EU-Mitgliedschaft drastisch erhöhen. Genau das wollen wir nicht. Aber nur weil es unterschiedliche Meinungen gibt, habe ich noch kein Problem. Das stärkt die Partei und die Fraktion eher.

Soll Christoph Blocher im Parlament wieder eine Rolle spielen?
Die Rolle, die er jetzt hat, ist sehr gut. Wir sind alle froh, dass wir ihn haben und dass er uns in strategischen Fragen unterstützt. Ob er wieder Nationalrat werden soll, muss er entscheiden.

Wir fragen aber Sie.
Ich kann damit gut leben.

Für wie gelungen halten Sie die SVP-Plakatkampagne gegen die Waffeninitiative?
Wenn man Kampagnen führt, um Abstimmungen zu gewinnen, muss man auf den Bauch zielen. Die einzige Partei, die das kann, ist die SVP. Wenn ich schaue, was zum Teil von der Economiesuisse kam: bei der Avanti-Initiative die Gartenschläuche, beim Umwandlungssatz der Geburtstagskuchen – das versteht doch kein Mensch. Nur mit Emotionen kann man einen Abstimmungskampf gewinnen.

Das tut auch Ihr Bundesrat Ueli Maurer, indem er sagt, Frauen verstünden nichts von Waffen oder sie seien komisch. Finden Sie das auch?
Es gibt sicher komische Frauen, aber ich würde nie im Grundsatz so etwas sagen. Ich habe keine Probleme mit den Frauen, schon gar nicht mit meiner eigenen.

Ihre Frau Daniela ist ebenfalls eine erfolgreiche Unternehmerin. Was kann Sie besser als Sie?
Sicher Auto fahren.

Und im unternehmerischen Bereich?
Sie ist vielleicht in gewissen Dingen härter als ich. Sie verfolgt ihre Ziele sehr konsequent. Ich lege da teilweise schon eine Altersmilde an den Tag. Sie macht das verdammt gut. Es ist für eine Frau nicht einfach, sich im Baugewerbe durchzuschlagen. Sie fährt in der Regel um halb sechs Uhr zur Arbeit. Ich bin sehr stolz auf sie.

Wann wird man Sie mit dem Golfschläger sehen?
Nie. Das ist mir zu langweilig. Ich hätte die Geduld nicht. Wenn ich Sport mache, muss ich meine körperlichen Grenzen spüren.

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