Herr Voser, können Sie als Chef eines Weltkonzerns über die Festtage eigentlich ausspannen oder klingelt dauernd das Handy?
Peter Voser: Das Handy ist zwar immer angeschaltet – ausser während der Spiele am Spengler-Cup. Aber für jede Führungskraft ist es wichtig, auch ruhigere Zeiten und Erholung zu haben. Es ist eine Frage der Organisation und der Selbstdisziplin.

Sie müssen hart zu sich sein, damit Sie mit den Gedanken nicht immer beim Geschäft sind?
In einem gewissen Sinn, ja. Vor allem aber muss man das Unternehmen so führen, dass die Verantwortungsbereiche klar abgegrenzt sind. Wir sind so organisiert, dass nicht alle Entscheide über meinen Tisch laufen müssen.

Es gibt Fussballer, die verzichten aufs Skifahren, weil es zu gefährlich ist. Darf der Shell-Chef auf die Piste?
Das muss sein! Beim Skifahren laden sich meine Batterien auf. Ich verzichte bloss auf Heliskiing und Drachenfliegen (lacht).

In der neusten «Bilanz» sind Sie in den Olymp der drei mächtigsten Schweizer Wirtschaftsführer aufgestiegen, zusammen mit Peter Brabeck und Philipp Hildebrand. Geniessen Sie die Macht – oder belastet Sie diese?
Weder noch. Für mich gibt es nur die Firma. Wer welche Position besetzt, ist weniger wichtig. Ich bin gegen diesen Personenkult.

Dennoch, Sie sind der oberste Verantwortliche von fast 100 000 Mitarbeitern.
Sicher arbeitet man unter Druck, bewegt sich in einem schwierigen und risikobehafteten Umfeld. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Entscheidend ist, das richtige Team um sich herum zu haben.

Sie haben trotz sprudelnder Gewinne Tausende Stellen abgebaut, und zwar nicht unten, sondern vor allem auf den obersten Führungsstufen.
Wir haben den Konzern neu und schlanker organisiert. Dieses Kostenprogramm ist inzwischen abgeschlossen.

Sie galten schon als ABB-Finanzchef als einer, der Bürokratie und lange Sitzungen hasst. Was tun Sie dagegen?
Grosskonzerne neigen dazu, immer komplexer zu werden. Es gibt nichts Einfacheres für Manager, als mit sich selber Geschäfte zu machen – Sitzung folgt auf Sitzung, man beschäftigt sich gegenseitig. Solcherlei bekämpfe ich. Es ist ein Dauerkampf: Kaum dreht man sich um, kommen die alten Gewohnheiten wieder hervor. Das ist allzu menschlich. Ich versuche, mit dem guten Beispiel voranzugehen.

Wie denn?
Statt drei Geschäftsleitungssitzungen pro Monat haben wir heute noch eine. Und bei mir dauert grundsätzlich keine Sitzung länger als eine Stunde. Danach kommt weniger Fundiertes zustande, die Konzentration nimmt ab.

Haben Sie die Ziele erreicht, die Sie 2011 erreichen wollten oder mussten?
Es war ein gutes Jahr für Shell, das widerspiegelt sich auch im Aktienkurs. Beim Gewinn und Cashflow werden wir voraussichtlich Rekordwerte sehen. Wir haben wichtige Projekte in Katar und in Kanada gestartet, die uns in den nächsten Jahren ein Wachstum von 10 bis 12 Prozent ermöglichen.

Dass es so gut läuft, haben Sie vor allem dem höheren Ölpreis zu verdanken.
Er spielt eine wichtige Rolle, aber entscheidend ist der Preis über mehrere Jahre hinweg. Gehen Sie drei, vier Jahre zurück: Da hatten wir einen Rohölpreis von 35 Dollar pro Barrel. Heute liegt er bei über 100 Dollar. Wir müssen unser Geschäft so aufbauen, dass wir langfristig profitabel sind. Bei der Preiserwartung sind wir eher konservativ.

Sie erwarten also keine höheren Ölpreise in den nächsten Jahren?
Für langfristige Projekte rechnen wir mit einem Ölpreis zwischen 50 und 90 Dollar. Für 2012 ist die Einschätzung schwierig, da die Wirtschaftslage unsicher ist.

Eine schwache Konjunktur lässt die Preise fallen.
2012 wird die Nachfrage nach Öl weltweit wohl etwas zurückgehen. Mittelfristig wird sie aber stärker zunehmen als das Angebot. Grundsätzlich sehen wir steigende Öl- und Gaspreise für die nächsten Jahrzehnte.

Bis vor wenigen Jahren waren Energiekonzerne die Bösewichte, jetzt sind es die Banken. Statt «Go to hell, Shell» heisst es nun «Occupy Wall Street». Ist Ihr Job einfacher geworden?
Wir stehen noch immer im Fokus, auch wenn zurzeit die Banken in den Schlagzeilen sind. Mich beschäftigt eines sehr stark: Die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen und der Gesellschaft funktioniert heute nicht mehr gut. Das schadet allen. Denn dieses Dreieck ist wichtig, wenn Wohlstand und Jobs geschaffen werden sollen.

Heute ist es ein Gegeneinander?
Ja, und das ist ungesund, egal ob es Energiekonzerne oder andere Branchen betrifft. Die Regierungen treffen in der Energiepolitik – die einen Zeithorizont von 30 bis 50 Jahren hat – keine oder sehr kurzfristige Entscheide. Zudem schwappt die staatliche Regulierungswelle von der Finanzbranche nun in die anderen Wirtschaftssektoren. Das behindert Inovationen.

Hat sich das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft auch in der Schweiz verschlechtert?
Jahrzehntelang war unser Land sehr pragmatisch, Politik und Wirtschaft arbeiteten zusammen. Dann kam es zur betrüblichen Polarisierung links und rechts. Ich hoffe, dass wir zu dem zurückkehren, was uns starkgemacht hat: langfristige Politik, Kontinuität, Pragmatismus.

Bei den Wahlen hat die Polarisierung aber abgenommen, insbesondere die SVP wurde geschwächt.
Die Stärkung der Mitte stimmt mich zuversichtlich, dass das Volk die übermässige Polarisierung korrigiert, hoffentlich auch in den Volksabstimmungen.

Glauben Sie, dass die Schweiz ihren Wohlstandsvorsprung gegenüber der EU und den USA behalten kann? Oder schmilzt er?
Er wird wohl etwas kleiner, aber wir werden auch künftig besser dastehen als die übrigen westlichen Länder. Allerdings gehe ich davon aus, dass der Wohlstand insgesamt in der westlichen Welt sinken wird. Denn wir können nicht mehr alles bezahlen, woran wir uns gewöhnt haben. Ich spreche von der AHV und den Pensionskassen, vom Gesundheitswesen oder auch von Investitionen in die Infrastruktur.

Der Reichtum hat von Generation zu Generation zugenommen. Sind wir nun so weit, dass es die Kinder schwieriger haben werden als die Eltern?
Ja, zumindest werden es die Kinder nicht mehr besser haben. Wir werden eine Stagnation erleben. Wobei es immer drauf ankommt, wie man Wohlstand misst. Bedeutet es weniger Wohlstand, wenn man länger arbeiten muss?

Die Energiepolitik steht noch immer unter dem Eindruck von Fukushima. Profitiert der Erdölkonzern Shell von der neuen Skepsis gegenüber AKW?
Wir gehen davon aus, dass die Nuklearindustrie nach wie vor bestehen bleibt, aber nach Fukushima wesentlich langsamer wachsen wird. Die Welt braucht sämtliche Energieformen über die nächsten Jahrzehnte, da der Energieverbrauch stark steigen wird. In der Strategie von Shell steht das Gas im Vordergrund. 2012 werden wir erstmals mehr Gas als Öl produzieren. Beim Gas sehen wir seit Fukushima ein beschleunigtes Wachstum. Insofern profitiert Shell indirekt tatsächlich.

Aber Sie lehnen einen Atomausstieg ab, wie ihn die Schweiz und Deutschland beschlossen haben?
Die Ausstiegsentscheide waren aus meiner Sicht nicht genügend durchdacht. Die Regierungen handelten zu schnell, unter dem Eindruck von Emotionen. Nötig wäre ein langfristiges Konzept. Ausserhalb Europas hat kein Land so gehandelt – nirgendwo sonst ist ein Atomausstieg in Sicht.

Hierzulande ist am AKW-Ausstieg aber nicht mehr zu rütteln.
Diesen Entscheid anerkenne ich. Jetzt muss die Politik ausarbeiten, welche Energieformen in Zukunft bereitgestellt werden sollen – und zu welchen Kosten. Und da spielt Gas eine zunehmend wichtige Rolle. Europa liegt potenziell im Einzugsgebiet von 70 Prozent der globalen Erdgasvorkommen. Und die sind gross: Das Gas würde noch für 250 Jahre reichen, ausgehend vom heutigen Konsum.

Wenn Sie Energieminister wären, wie sähe die Schweizer Energiepolitik aus?
Ich fische nicht im Teich einer Aargauer Bundesrätin, zumal ich selber Aargauer bin. Ich glaube, Doris Leuthard kann das besser!

Die Weltbevölkerung wird von heute 7 Milliarden Menschen bis ins Jahr 2050 auf über 9 Milliarden wachsen. Kann es zu grösseren Energie-Engpässen kommen?
Eher nicht, auch wenn der Energieverbrauch rapide zunehmen wird: Wir rechnen mit einer Verdoppelung in den nächsten 40 Jahren. Warum? Erstens vergisst man oft, dass heute 1,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Strom haben – das muss sich ändern. Zweitens wächst der Energieverbrauch in den Schwellenländern wie China und Indien enorm. Hunderte von Millionen Menschen kaufen zum ersten Mal ein Auto, einen Kühlschrank, eine Klimaanlage. Drittens schreitet die Urbanisierung, also die Verstädterung, weltweit voran – und in den Städten ist der Verbrauch grösser. Aber diesen Bedarf kann man decken.

Wie sieht Ihre Vision einer Welt aus, die dereinst ohne Öl auskommen muss?
Wir rechnen damit, dass im Jahr 2050 die Welt noch immer zu 60 Prozent von fossilen Brennstoffen abhängig sein wird; heute sind es gut 80 Prozent. Der Rest werden vor allem erneuerbare Energien sein. Die fossilen Brennstoffe werden dannzumal viel besser sein und weniger CO2 ausstossen.

Die grösste Erdölraffinerie in der Schweiz, Petroplus, steht vor dem Aus. Shell ist Kunde von Petroplus – was heisst das für Sie?
Es ist zu früh für eine abschliessende Beurteilung. Wir beobachten die Entwicklungen bei Petroplus laufend. Durch unsere Grösse in der Schweiz sind wir unseren Kunden gegenüber verpflichtet, die Versorgung sicherzustellen.

Petroplus deckt in der Schweiz 25 Prozent des Marktes ab. Kann es sein, dass die Zapfsäulen an den Shell-Tankstellen geschlossen bleiben?
Erstens würde ein Worst Case nicht von heute auf morgen eintreten, man könnte sich darauf vorbereiten. Shell ist relativ gross im Raffineriegeschäft in Deutschland und in Holland – nötigenfalls würden wir die Brennstoffe aus diesen Ländern importieren. Zweitens gehe ich davon aus, dass Lösungen gesucht würden, wenn eine so wichtige Firma wirklich in existenzielle Schwierigkeiten gerät. Petroplus leistet einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung der Schweiz.

Warum haben unabhängige Raffinerien wie Petroplus derartige Probleme?
Weltweit und besonders in Europa haben die Raffinerien Überkapazitäten. In den letzten Monaten ist die Nachfrage nach Öl zurückgegangen, das hat den Druck noch erhöht. Ausserdem haben es Firmen mit tiefer Kreditwürdigkeit schwer, am Kapitalmarkt zu Geld zu kommen. Shell hat sich bereits aus vielen Raffinerien zurückgezogen.

Zum Schluss: Welche Vorsätze haben Sie fürs neue Jahr gefasst?
Wir haben mit Shell 2012 Grosses vor. Da habe ich meine Vorsätze. Genauso wie im Privatleben. Aber diese Vorsätze teile ich mit meiner Frau.

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