VON NADJA PASTEGA UND RUEDI KUHN

Die Schweizer Nationalmannschaft hat sich diese Woche für die Weltmeisterschaft in Südafrika qualifiziert. Was hätten Sie lieber: Busacca im Final oder die Nati?
Busacca: Ich räume meinen Platz wirklich gern, wenn es am Schluss zwei Möglichkeiten gibt: Entweder geht die Nationalmannschaft in den Final oder ich. Die Nati ist die Visitenkarte. Wenn die Mannschaft deines Landes gut ist, heisst das: In diesem Land gibt es gute Spieler und guten Fussball. Das ist auch für den Schiedsrichter ein Vorteil.


Schmälert die Teilnahme der Schweizer Ihre Chancen, an der WM dabei zu sein?
Nein. Wenn sich eine Nationalmannschaft qualifiziert, heisst das nicht automatisch, dass der Schiedsrichter nicht teilnehmen kann. Diese Entscheidung läuft separat.


Wann entscheidet die Fifa, ob Sie an der WM dabei sind?
Vermutlich Ende Jahr oder im Januar.


Sie haben im Mai den Champions-League-Final Barcelona gegen Manchester United gepfiffen. Was ging vor dem Spiel in Ihnen vor?
Der Druck war gross. Man denkt: Champions-League-Final, Wahnsinn! Man ist sich bewusst, dass die eigenen Entscheidungen wichtig sind. Ich hatte grosse Emotionen in mir. Aber während des Spiels war der Druck weg. Ich habe nur gedacht: Barcelona gegen Manchester – ein fantastisches Spiel!


Sind Sie vor grossen internationalen Spielen nervös?
Wenn man gut vorbereitet ist, kann man nie nervös sein. Sonst hat man etwas falsch gemacht. Wenn die Vorbereitung stimmt, geniesst man das Spiel. Aber es ist klar: Auch Schiedsrichter sind Menschen. Jeder macht Fehler. Jeder hat seine Grenzen als Mensch. Ein Schiedsrichter ist nicht Gott. Aber heute will niemand verstehen, dass auch wir Fehler machen können.


Sind Sie auf dem Platz noch ein Mensch? Man hat eher das Gefühl: Der Schiedsrichter ist Freiwild.
Intelligente Spieler und Zuschauer verstehen, dass wir nicht perfekt sein können. Aber es ist wichtig für einen Schiedsrichter, dass er sich den Spielern gegenüber erklärt. Ich rede während eines Matchs viel mit den Spielern.


Sie erklären ihnen, warum Sie gerade so entschieden haben?
Ich entschuldige mich auch, wenn ich denke, dass ich falsch entschieden habe. Nicht bei einer wichtigen Situation. Dort kann man nicht sagen, «vielleicht habe ich einen Fehler gemacht». Aber nach einem Foul kann man den Spielern sagen: «Entschuldige, vielleicht war es mein Fehler, ich war nicht gut platziert, ein Spieler stand im Weg und ich habe die Situation nicht gut gesehen.» Die Spieler lieben das. Auch nach dem Match sollte ein Schiedsrichter selbstkritisch sein.


Wie reagieren die Spieler?
Die Reklamation hört sofort auf. Aber das grosse Problem ist heute, dass man als Schiedsrichter 89 Minuten gut sein kann, eine Minute schlecht, und du bist kaputt. Bei einem Spieler gilt das Gegenteil: Er kann 89 Minuten schlecht spielen, dann macht er ein Tor und man vergisst sofort, dass er nicht gut war.


Warum sind Sie dann vor 20 Jahren Schiedsrichter geworden?
Ich liebe das. Ich geniesse es. Auf dem Platz gebe ich mein Leben – bei jedem Spiel.


Warum?
Bevor ich Schiedsrichter wurde, war ich Spieler. Dann merkte ich, dass ich nicht gut genug bin, um es nach ganz oben zu schaffen. Ich fand, es sei besser, etwas Anderes zu machen. Aber ich wollte beim Fussball bleiben. Ein Freund fragte mich, ob ich es als Schiedsrichter probieren wolle. Und das habe ich gemacht. Ich erinnere mich an mein erstes Spiel, als sei es gestern gewesen. Es war ein Spiel der Junioren D in Riviera. Ich habe sofort gemerkt: Das ist wie für mich gemacht. Man muss Entscheide bringen, Beziehungen zu den Spielern aufbauen, auf dem Platz sein und geniessen.


Sie müssen Höchstleistungen bringen und immer konzentriert sein. Können Sie das wirklich geniessen?
Ja, sicher kann man das. Man spürt: Man fällt Entscheide, die von den Spielern akzeptiert werden. Aber wenn ich zehnmal pfeife und ich werde neunmal ausgepfiffen oder die Spieler reklamieren neunmal, dann muss ich mich hinterfragen. Dann mache ich etwas falsch.


Sie nehmen Pfiffe und Reklamationen ernst?
Man muss das ernst nehmen. Ich lasse immer die anderen beurteilen, ob ich gut war oder nicht. Ich kann nicht sagen, dass ich eine gute Leistung brachte, wenn ich ständig ausgepfiffen werde.


Sie werden jeden Sonntag beleidigt. Beim Spiel Baden gegen die Young Boys skandierten die Berner Fans «Busacca, Busacca, afanculo». Ihre Reaktion ging als «Stinkefinger-Affäre» durch die internationale Presse.
Ich bin ein Mensch und habe einen Fehler gemacht. Ich habe mich viele Male entschuldigt. Mehr möchte ich dazu nicht mehr sagen. Reden wir über Respekt. Die Journalisten wissen, was bei uns in den Stadien passiert. Denken Sie, das wird besser? Oder bleibt es für immer so?

Es wird kaum besser.
Schreiben Sie das! Die Medien müssen auf die heutige Situation aufmerksam machen. Kürzlich brachte ein Fan eine Rauchbombe ins Eishockeystadion mit. Eine Bombe! Das ist Krieg.


Sie gehören zu den weltbesten Schiedsrichtern. Sind Sie schon top, auf dem Höhepunkt? Oder können Sie noch besser werden?
Wenn ein Schiedsrichter denkt, er ist top und könne nichts mehr dazulernen, ist das der Tag, an dem er am Boden ist. Man muss bei jedem Spiel dazulernen. Aber wir brauchen auch Unterstützung. Die Vorbereitung während der Woche ist sehr intensiv. Daneben habe ich einen Beruf. Ich arbeite zu 50 Prozent als Geschäftsführer von drei Cafeterias in Bellinzona. Ein 100-Prozent-Job wäre gar nicht möglich. Wenn ich meinen Job nicht reduziert hätte, wäre ich heute nicht auf diesem Niveau.

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