Der Kommentar: Etwa 500 jenische Kinder besuchen die Schule trotz Schulpflicht nur halbjährlich. In den Sommermonaten leben sie mit ihren Familien ihre jahrhundertealte Tradition des Reisens. Wie die Kinder den verpassten Schulstoff aufarbeiten, regelt die zuständige Schulbehörde. Oder – je nach Schule – eben auch nicht. Dass diese Kinder dadurch den Anschluss an ihre sesshaften Gschpänli verpassen, überrascht nicht. Aber es ist gefährlich. Für die Betroffenen, weil sie ohne einen gewissen Bildungsstand in der schweizerischen Bildungsgesellschaft nicht bestehen können und somit in ihrer Lebensweise bedroht sind. Und für die Schweiz, weil sie sich den Vorwurf gefallen lassen muss, nicht genug für die seit 1998 als nationale Minderheit anerkannten Jenischen zu tun.

Höchste Zeit also, dass sich die Jenischen nach ihrem Protest in Bern vor einer guten Woche vermehrt Gehör verschaffen. Dass das Projekt «Lernen auf Reisen» ab 2015 die Bildung fahrender Kinder verbessern will, ist richtig. E-Learning und persönliche Betreuung mit zusätzlichen Lehrern direkt auf den Stellplätzen sollen den Fahrenden das Recht auf Bildung gewährleisten. Das Argument, so viel administrativer Aufwand sei für 500 Betroffene übertrieben, zählt nicht. Denn es ist gute Tradition in der Schweiz, Minderheiten speziell zu unterstützen. Auch Rätoromanen zum Beispiel haben spezielle Lehrmittel.

Viele Vorurteile gegen die Jenischen – steuerzahlende und militärdienstleistende Schweizer – basieren auf Unwissen. Bildung hilft, dies abzubauen. Das gilt für die Sesshaften wie die Fahrenden. Das Projekt «Lernen auf Reisen» kann viel zum gegenseitigen besseren Verständnis beitragen. Gut so.

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