Giulia Steingruber, haben Sie das Buch von Ariella Kaeslin gelesen?
Giulia Steingruber: Ja.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die kritischen Zeilen zum Trainingsalltag Ihrer früheren Teamkollegin lasen?
Ariella ist ihren Weg gegangen und ich gehe meinen Weg. Wir sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie hat ihren Weg und ihre Erfolge beschrieben.

Haben Sie in Ihrer Karriere auch negative Erfahrungen gemacht?
Jeder Mensch macht negative Erfahrungen, das gehört zum Leben. Bei der Arbeit klappt ja auch ab und zu etwas nicht so, wie man sich das erhofft hat. Ich glaube aber nicht, dass alles in Ariellas Buch so negativ ist, wie man es im ersten Augenblick auffasst. Man muss auch ein wenig zwischen den Zeilen lesen.

Als Spitzensportler muss man einen Preis zahlen.
Definitiv. Und das wissen die Athletinnen auch. Wenn man nicht bereit ist, einen gewissen Preis zu bezahlen, dann wird man seine Karriere kaum so durchziehen.

Sie werden sich nach Ihrer Karriere nicht auf diese Art outen?
Ich denke nicht. Ich habe auch keine solchen Erfahrungen gemacht wie Ariella.

Tatsache bleibt, dass man im Kunstturnen früh an die eigenen Grenzen geführt wird. Wie weit stimmt das Bild vom gestrengen Trainer, der seine Schützlinge pusht, bis die Tränen kullern?
Dieses Bild gibt es in jeder Sportart. Beim Kunstturnen ist der Karriereverlauf speziell, denn wir haben unsere Höhepunkte sehr früh – ab 16 bis vielleicht 24 Jahren. Später geht es vom Körper her ganz einfach nicht mehr. Im Kunstturnen wirken enorme Kräfte auf die Gelenke. In den allermeisten anderen Sportarten kommt man erst mit 20 Jahren in den Spitzenbereich. Deshalb geschieht bei uns alles viel früher.

Aber wie ist es nun mit den Tränen im Training?
Es gibt das geflügelte Wort: «Wer schön sein will, muss leiden». Bei uns heisst es: «Wer Erfolg haben will, muss Opfer geben». Solange man weiss, wozu man diese Opfer gibt, macht man das gerne.

Wie weit prägen die Erfahrungen, früh im Leben an seine Leistungsgrenzen zu gelangen?
Ich bin mit 14 Jahren von zu Hause ausgezogen und nach Magglingen gegangen. Man wird extrem schnell selbstständig, denn man ist enorm oft auf sich selber gestellt. Es hat mir privat geholfen und auch bei der Ausbildung. Ich denke, dass ich später im Beruf davon profitieren kann. Natürlich gibt es auch andere Aspekte: zum Beispiel das soziale Umfeld, das ich nach der Karriere wieder werde aufbauen müssen. Denn derzeit nehmen das Kunstturnen und Magglingen schon einen sehr dominierenden Platz in meinem Leben ein.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zur Familie verändert, seit Sie ausgezogen sind?
Ich hatte stets eine sehr gute Bindung zu meiner Familie, war zu Beginn meiner Karriere natürlich auch sehr auf ihre Unterstützung angewiesen. Ohne sie hätte ich das alles nie erreicht.

Kommen die Eltern mit an die Weltmeisterschaften nach Glasgow?
Ja.

In einer Woche beginnen die Titelkämpfe. Sie haben mit Weltmeisterschaften noch eine Rechnung offen!
Definitiv. Letztes Jahr in China ist es mir nicht besonders gut gelaufen. Aber diese Erinnerung muss ich jetzt ausblenden. In Glasgow beginnt alles wieder bei null. Unser Ziel ist es, mit dem Team unter die besten 16 Nationen zu kommen. Ich reise mit grosser Vorfreude an die Titelkämpfe.

Haben Sie aus den Erfahrungen in China Lehren gezogen?
Ich habe viel mit meinem Mentaltrainer gearbeitet: Wie gehe ich mit dem Druck um? Wie bereite ich mich auf meine Auftritte vor? Wie kann ich mich beruhigen, wenn ich voller Adrenalin bin? Dafür haben wir Strategien entworfen. Und daran gearbeitet, dass ich den Kopf nicht in den Sand stecke, wenn es einmal nicht so läuft, wie ich es mir vorgenommen habe.

Mit welchen Erwartungen reisen Sie an die WM?
Zuerst möchte ich eine gute Qualifikation, möglichst ohne grösseren Fehler, turnen. Mein persönliches Ziel dabei ist ein Platz im Mehrkampffinal sowie in den Einzelfinals Sprung und Boden. Was ich dort von mir erwarte, darüber möchte ich jetzt noch nicht reden. In einem Final kann immer alles passieren.

Es ist bekannt, dass Sie sehr viel von sich selber erwarten.
Der Druck, den ich mir selber mache, ist bei mir zweifellos der grösste Druck. Ich hoffe, dass sich die Arbeit mit dem Mentaltrainer hier auszahlt.

Sie gelten als Mensch, der selten Emotionen zeigt. Wann und wie kommen diese zum Vorschein?
Eher im privaten Bereich. Ich bin sehr ungeduldig mit mir selber. So kurz vor einem grossen Anlass bin ich auch im Training etwas emotionaler als sonst. Das ist aber ein gutes Zeichen. Dann ist der grösste Druck draussen.

Mit EM Montpellier, Europaspielen in Baku, WM in Glasgow, Olympia-Qualifikation in Brasilien, Heim-EM in Bern und Olympischen Spielen in Rio sind Sie innerhalb von nur 16 Monaten voraussichtlich an sechs Grossanlässen im Einsatz. Ein gewaltiges Pensum!
Ich weiss, wozu ich es mache. Ich kenne meine Ziele, die ich unbedingt erreichen will. Dafür trainiere ich jede Woche 30 Stunden hier in Magglingen. Und ich mache es mega gerne. Kunstturnen ist derzeit mein Leben.

Das Verletzungsrisiko im Kunstturnen ist hoch. Wie gehen Sie mit der Angst um, es könnte etwas passieren?
Angst darf man definitiv nicht haben. Und man darf auch nicht gross darüber nachdenken, was wann passieren könnte. Genau in solchen Momenten passiert es! Wenn man über das Verletzungsrisiko nachzudenken beginnt, kann man nicht voll in die Übungen steigen.

Sie haben sich kürzlich beim Sturz vom Stufenbarren verletzt. Was war grösser: der Schmerz oder der Ärger?
Zuerst der Schmerz, später der Ärger. Ich sage mir dann jeweils, dass sich der Ärger nicht lohnt. Irgendwie musste es passieren, sonst wäre es nicht geschehen. Je mehr Geduld man mit solchen Situationen hat, desto schneller kann man auch wieder weitermachen.

Sie haben in Ihrer Karriere bereits mehrere Verletzungen erlitten. Denken Sie über Langzeitfolgen nach?
Nein, das ist kein Thema. Ich werde nur so lange turnen, wie es mir gesundheitlich gut geht und ich mich gut fühle. Derzeit fühle ich mich noch ganz okay.

Gibt es für Ihren Karriereverlauf einen Fahrplan?
Ich habe früher immer gesagt, ich turne bis 2016. Aber jetzt bin ich noch nicht so weit, zu sagen, dann höre ich mit Kunstturnen auf. Es kommt sicherlich auch darauf an, wie ich bei den Olympischen Spielen in Rio abschneide. Ich will es vorzu nehmen.

Könnten Sie sich vorstellen, nach einem Grosserfolg in Rio abzutreten?
Im Moment noch nicht. Es ist derzeit für mich auch seltsam, überhaupt darüber nachzudenken.

Haben Sie sich daran gewöhnt, dass Sie eine Person des öffentlichen Interesses sind?
Nein. Das werde ich wohl auch nie.

Sie mögen das Scheinwerferlicht nicht?
Natürlich hat es auch seine schönen Seiten. Es ist eine Anerkennung für die erbrachten Leistungen. Trotzdem bin ich froh, wenn ich wieder etwas in den Hintergrund rutschen kann.

Sieht man Sie darum selten an öffentlichen Anlässen.
Ich setze derzeit halt klare Prioritäten für den Sport. Ich bekomme viele Einladungen und denke bei manchen Events, das wäre megacool. Aber unter der Woche gehe ich dann doch lieber nach Hause, um zu relaxen, um mich zu erholen. Vielleicht ändert sich dies ja vielleicht irgendwann nach der Karriere.

Sie trainieren seit Jahren rund 30 Stunden pro Woche, dazu kommt eine schulische Ausbildung. Haben Sie ab und zu auch Gelegenheit, Ihre Jugend zu geniessen?
Schon, aber halt etwas anders.

Wie denn?
Ich war an internationalen Meisterschaften und an Länderkämpfen, habe bereits viele Orte gesehen. Mit solchen Erlebnissen bin ich privilegiert. Und natürlich geniesse ich auch mein Privatleben, gehe gerne ab und zu mit meinen Kollegen eins trinken. Aber alles mit Mass. Ich lebe meine Jugend etwas anders aus als ein normaler Schüler. Das ist auch schön.

Haben Sie nie das Gefühl, etwas zu verpassen?
Nein.

Und wie war es mit dem Rebellentum während der Pubertät: Hat man das bei Ihnen auch gespürt?
Ja, vor allem meine Eltern (lacht). Natürlich habe ich es nach meinem Umzug nach Magglingen zuerst ein wenig ausgenützt, dass meine Eltern mir nicht mehr sagten, wann ich ins Bett müsse. Aber man lernt schnell!

Sie bezeichnen sich selber als chaotisch. Wo kommt das zum Vorschein?
In meinem Zimmer (lacht). Ich bin gerne zu Hause und mache eine Auslegeordnung. Früher war das extremer als heute. Auch im Hotelzimmer ist der Platz schnell einmal belegt.

Was können Sie, was andere in Ihrem Alter noch nicht können?
Eine gute Frage. Ich weiss ja nicht, wie es ohne Kunstturnen wäre. Ich kann meinen Kopf gut durchsetzen. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann mache ich alles dafür. Dieser enorme Wille zeichnet mich aus und hat sicher mit dem Sport zu tun.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie reifer sind als andere 21-Jährige?
Nein. Unterschiede gibt es höchstens im beruflichen Bereich.

Wie?
Die meisten Gleichaltrigen sind beruflich weiter. Für mich ist Kunstturnen mein derzeitiger Beruf. Wenn ich eines Tages damit aufhören werde, muss ich zuerst lernen, wie es ist, zu arbeiten. Dieses Gefühl kennen die anderen bereits.

Haben Sie Ideen, wo Sie nach der Sportkarriere arbeiten möchten?
Gerne in Richtung Gesundheit und Soziales. Ich bin gerade an der Matur.

An diesem Wochenende werden National- und Ständerat bestimmt? Haben Sie gewählt?
Über Politik möchte ich nicht reden. In einer Woche beginnen die Kunstturn-Weltmeisterschaften. Mein Fokus liegt darauf.

Könnten Sie sich auch in einer anderen Sportart als Kunstturnen vorstellen?
Schwierig zu sagen. Etwas Tänzerisches vielleicht, und vom Training her wäre Kampfsport denkbar. Dies aber wohl nicht auf Wettkampfebene. Beim Kampfsport geht es auch um Bewegung, Geschwindigkeit und Körperbeherrschung.

Haben Sie Erfahrungen gemacht mit Kampfsport?
Wir konnten einmal vor Weihnachten Taekwondo ausprobieren.

Und das hat Ihnen gefallen?
Ja, das war eine coole Erfahrung.

Als Hobby geben Sie Snowboard an. Eine Sportart mit einem Risikopotenzial!
Ich mache es sehr gerne, komme aber sehr selten dazu. Zum letzten Mal auf dem Board war ich 2013. Auch wenn bei uns Eigenverantwortung herrscht: Vor einem wichtigen Anlass ist Snowboarden eher nicht angesagt.

Abschliessende Frage: Wie steht es mit dem «Rio-Tattoo»?
Damit beschäftige ich mich, sobald ich mich für die Olympischen Spiele qualifiziert habe. Ich habe ja bereits den London-Schriftzug rechts oberhalb der Taille, darüber oder darunter hat es noch Platz.

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