Sie sitzt am Esszimmertisch, ihre Gitarre liebevoll auf den Beinen abgestützt. Sie zurrt an den Saiten, einzelne Töne, liebevoll. Irgendwie dahergekommen oder auch nicht. Ihre Musik kommt von Herzen. Dann schliesst sie die Augen, ist völlig versunken in einer anderen Welt. Musik ist Annas Leidenschaft, Musik ist Annas Leben. Die Gitarre, die sie auf den Beinen trägt, ist nur eine von drei Gitarren, die Anna täglich begleiten. Diese hier sei ihr «Lieblingsstück» – eine Westerngitarre mit Stahlseiten. Sie tönt etwas urchiger, ist glänzend im Design, schmaler im Gebäude. Fast liebevoll streicht Anna über das Instrument. Ihre Gitarre ist mehr als ein Arbeitsinstrument: «Bei Konzerten lasse ich sie nicht aus den Augen, ich trage sie immer auf mir.»

In ihrer 3-Zimmer-wohnung auf 60-Quadratmetern, die sie mit ihrer jüngeren Schwester Lisa (26) teilt, stellt sie die Gitarre schon mal in die Ecke. Dann zieht sie sich in die kleine Küche zurück, setzt sich auf die herzige Bank, die sie vor Jahren auf einem Flohmarkt kaufte und arbeitet am Computer. «Ich liebe diesen Raum, weil er so klein ist», lacht Anna. Eine grossartige Köchin sei sie nicht. «Das überlahni lieber minere Schwöschter.» Sie sei nur für Backwaren wie Muffins zuständig. Backen ist für sie die ideale Ablenkung vom Musik-Alltag.

Anna ist am Zürichsee in Meilen aufgewachsen und wohnte die letzten Jahre in vielen verschiedenen Wohngemeinschaften, ehe sie vor drei Jahren mit ihrer Schwester zusammenzog. «Mit ihr zu leben, hat viele Vorteile», lacht sie. «Familie ist Familie, das ist eine andere Art des Zusammenlebens.» Haben Männer in dieser Frauen-WG auch Zutritt? «Klaro», lacht Anna Kaenzig. Ihr Freund geht hier auch ein und aus. Und schnell weicht sie vom Thema Mann ab und erzählt vom Joggen am nahen Fluss, von lässigen Lokalen in der Stadt und vom Baden im Sommer auf der Werdinsel.

Beim Joggen findet Anna gute Ideen für neue Songs. Sechs Titel ihres neuen Albums hat sie selber komponiert. In kreativen Momenten setzt sie sich an den weiss lackierten Holztisch im Wohnzimmer und probiert auf der Gitarre Melodien aus, bis ein Song entsteht. «Das geht manchmal länger, manchmal schneller. Ich bin meistens nur nachts kreativ.» Der Holztisch ist übrigens ein Überbleibsel aus dem Elternhaus in Meilen. Die beiden Schwestern haben den alten Werkzeugtisch aus der Garage des Vaters kurzerhand neu angepinselt und finden ihn so total cool. Auch die Stühle – mehrheitlich Designklassiker – haben sie zusammengesucht bei Eltern und Grosseltern. Jeder Stuhl ist ein Unikat. So auch die Kerzenständer auf dem Tisch: «Die sind von unserer Mutter. Sie liebt es, das Haus zu dekorieren», sagt die junge Frau, lacht und streicht sich durchs Haar.

Wie wichtig ist einer kreativen Berufsmusikerin das Wohnen? «Schon sehr wichtig», gibt sie zu. «In einer WG mit drei Männern könnte ich nicht mehr wohnen. Mittlerweile brauche ich doch etwas Ordnung.» Obwohl sie sich selber als «totalen Chaoten» bezeichnet. Sie habe wenig Struktur in ihrem Alltag, verrät sie schmunzelnd, sei chaotisch mit Mails und Terminen, aber wenn es um die Musik geht, so werde sie zum «Tüpflischiiser». Im Sternzeichen Löwe geboren liebt sie es, auf der Bühne zu stehen, obwohl sie vor den Auftritten immer wahnsinnig nervös sei.

Zu Hause wirkt Anna Kaenzig aufgeräumt. Oder doch nicht? Lächelnd zeigt sie auf ein Bild aus Studienzeiten. Es steht am Boden hinter dem Tisch. «Es sollte aufgehängt werden», lacht sie. Noch fühle sie sich sehr wohl, in dieser Art zu leben. Langfristig wünscht sie sich aber ein gepflegtes Wohnen in der Stadt Zürich mit Garten – am liebsten mit einer eigenen Familie. Sie habe zwar überhaupt keine grünen Daumen, «aber echli ümehäckele i de Erde isch scho no schön.» Auch das lenkt ab – genauso wie das Muffins backen.

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