Die Schweiz ertrage nur einen einzigen Universitäts-Chef wie ihn, sagte einmal ein Kollege über Patrick Aebischer (61). Nun tritt er nach 16 Jahren ab. Aebischer machte aus der einst provinziellen ETH Lausanne (EPFL) eine Hochschule von Weltformat. Zum Gespräch lädt er in sein Büro in Lausanne, oberster Stock. Hinter ihm erhebt sich das futuristische Rolex-Center. Eine Miniaturversion des Gebäudes steht im Regal, daneben ein Modell der Alinghi. «Das Beste kommt aber noch», sagt er mit der Vorfreude eines Kindes und deutet auf eine eingerahmte Karikatur. Darauf sagt ein Forscher der ETH Lausanne zum Kollegen der ETH Zürich: «Wir werden ein Zürcher Hirn simulieren – das macht es etwas einfacher.» Ein langes Lachen. «Nicht meine Worte», sagt Aebischer. Und lacht weiter.

Herr Aebischer, Ihre Gegner nannten Sie bei Amtsantritt «Bismarck»: Sie seien eisern, brachial, ein Machtmensch. Welcher Name würde Ihnen zum Rücktritt gefallen?
Patrick Aebischer: Na sicher nicht Bismarck. Aber man muss mir keinen Namen geben. Ich hoffe, die Menschen anerkennen meine Vision: Mein Ziel war es, aus einer guten Hochschule eine Weltklasse-Universität zu formen. Ich denke, das ist gelungen.

Das funktioniert nur mit brachialen Methoden?
Am Anfang musste ich die Richtung vorgeben, Entscheidungen fällen und durchsetzen. Da macht man sich keine Freunde. Das ist nun nicht mehr nötig. 85 Prozent unserer Professoren wurden während meiner Amtszeit ernannt. Das sind herausragende, geniale Persönlichkeiten. Sie sollten mehr Mitspracherecht erhalten. Mein Nachfolger Martin Vetterli ist für diesen Wandel der geeignete Mann.

Verlassen Sie nicht ein Schiff im Sturm? Spardruck, schwache Mittelschüler und Probleme mit der EU machen der Bildung zu schaffen.
Über die EPFL mache ich mir keine Sorgen, darum kann ich bedenkenlos abtreten. Wenn wir aber die Schweizer Bildungslandschaft anschauen, haben Sie recht. Es ist die schwerste Krise der vergangenen 15 Jahre. Die grösste Sorge bereitet mir, dass wir als Gesellschaft keine Risiken mehr eingehen. Darunter leidet unsere Wirtschaft und unsere Bildung. Angst tötet die besten Ideen. Das war vor 17 Jahren anders. Unter den aktuellen Bedingungen hätte ich die EPFL nie modernisieren können. Dabei sind Fehler nichts Schlimmes, solange wir sie korrigieren. Wir sollten mutig bleiben.

Mut ist doch vorhanden, Sie selbst haben oft erwähnt, dass alle zwei Wochen eine Spin-off-Firma aus der EPFL entsteht.
Das macht mich stolz, aber diese Risiken werden ausserhalb des Bildungssystems genommen. Ich spreche vom Bund und vom ETH-Rat. Sie machen es mir schwer, neue Ideen umzusetzen. Die Kultur verändert sich gerade – und nicht zum Guten.

Sie beklagen nicht nur mangelnde Freiheit, Sie kritisieren auch regelmässig das Niveau der Mittelschüler, besonders in der Mathematik.
Seit zehn Jahren sinkt die Erfolgsrate der Erstsemester. Das ist nun mal so. Früher fielen 50 Prozent durch die Zwischenprüfung, heute sind es 60. Betroffen sind nicht ausländische Studierende, sondern unsere. Besonders Mathematik bereitet ihnen Schwierigkeiten. Mittlerweile führen wir Vorkurse durch, dabei wäre das nicht unsere Aufgabe. Darüber spreche ich oft mit den kantonalen Erziehungsdirektoren. Wir müssen die fundamentalen Fähigkeiten wieder stärken.

Welche wären das aus Ihrer Sicht?
Erstens gute Mathematik-Kenntnisse, zweitens ein gutes Allgemeinwissen über die Geschichte, drittens müssen Schüler ihre Muttersprache perfekt beherrschen und viertens: Jeder sollte zwei Fremdsprachen lernen.

Wie stehen Sie zum Sprachenstreit: Gefährdet Englisch als erste Fremdsprache den nationalen Zusammenhalt, wie Bundesrat Alain Berset warnt?
Jetzt muss ich mich vorsichtig äussern (lacht). Ich sage nur: Englisch ist bei uns genauso wichtig wie Deutsch. Ich bin mir sicher, das gilt umgekehrt auch in der Deutschschweiz. Das dürfen wir bei der Debatte nicht vergessen.

Auf welche anderen Punkte müssen wir bei der Ausbildung unserer Kinder achten?
Das Allerwichtigste vorneweg: Wir müssen den Schülern spätestens in der Mittelschule programmieren beibringen. Das ist zwingend. Am besten schon in den Sekundarklassen. Es geht nicht darum, zu verstehen, wie Facebook oder Twitter funktionieren, das finden sie schon selber raus. Vielmehr müssen sie verstehen, wie dieses Ding läuft (tippt auf das iPad). Wie wurde es programmiert? Wie funktionieren Algorithmen? Programmieren ist das Latein des 21. Jahrhunderts.

Zuletzt wurde mehr über Sparprogramme als über neue Fächer gesprochen.
Es ist bedenklich, dass unsere Politiker der Bildung und Forschung nicht die nötige Unterstützung zukommen lassen. Dabei sind sie essenziell für unsere Zukunft. Als Hochschulpräsident kann ich nur sagen: Wenn sie unser Budget nicht erhöhen wollen, sollten sie uns wenigstens mehr Freiheiten bei der Finanzierung gewähren. Das Budget senken und die Autonomie beschneiden – klingt wie das perfekte Rezept für eine Katastrophe!

Sie wollen doch nur auf Sponsorenjagd gehen.
Natürlich. Dank Philanthropen und Sponsoren konnten wir Studentenhäuser und unglaubliche Gebäude bauen. Schauen Sie sich nur das Rolex-Center an. Das hat die renommiertesten Architekturpreise gewonnen und unsere Studierenden verbringen fast Tag und Nacht darin.

Professoren sehen durch solche Deals die Forschung gefährdet.
Das würden wir nie zulassen. Unternehmen wollen nicht mit uns zusammenarbeiten, um Einfluss auf die Forschung zu nehmen. Sie haben Angst, eine Innovation zu verpassen. Kodak war mal führend in der Fotobranche, und heute? Wer eine technische Evolution verschläft, hinkt schnell hinterher. Mit Sponsoren haben vor allem Deutschschweizer ein Problem. Sobald ein Deutschschweizer Journalist hier sitzt, geht es sofort um Sponsorengelder. Immer.

Weil es befremdlich ist, wenn Unternehmen wie Nestlé ein Vetorecht auf Lehrstühle haben.
Das war kein Vetorecht, wir stellen ein, wen wir wollen. Ich bin immer erstaunt darüber, wie viele Menschen Hochschulen wie Stanford oder das MIT bewundern. Dort stecken Sponsoren und Mäzene Milliarden in die Forschung und erhalten Applaus dafür. In der Schweiz sind alle von Google und Facebook fasziniert, aber wer weiss schon, dass Google in Stanford entstand? Uns werden hingegen die Hände gebunden. Das ist doch schizophren.

Haben Sie das Gefühl, dass Deutschschweizer die Leistungen der Westschweiz verkennen?
Die Wahrnehmung ändert sich langsam. Dazu trägt die EPFL bei. Wir sind nicht die lustigen Westschweizer mit der Weinflasche im Büro, die ausgiebig mittagessen. Mit diesen und anderen Vorurteilen können wir aufräumen, wie beispielsweise unsere uneingeschränkte Nähe zu Frankreich. Wir sind kosmopolitisch, mit engeren Verbindungen zum angelsächsischen Raum, zumindest in der Forschung.

Wäre nun nach dem Brexit der geeignete Moment, um mit britischen Universitäten enger zusammenzuarbeiten und so weniger abhängig von der EU zu sein?
Das haben wir in den vergangenen Jahren bereits getan, löst aber unsere Probleme nicht. Beide Länder sind auf die Forschungsgelder der EU angewiesen. Beide erhielten in den vergangenen Jahren die meisten Gelder, weil sie die besten Projekte in den Wettbewerb schickten. Eine engere Kooperation mit den Briten hilft uns nicht aus dem Dilemma.

Kann der vorgeschlagene «Inländervorrang light» helfen?
Ich bin vorsichtig optimistisch. Trotzdem bleibt die Ratifizierung des Kroatienprotokolls der Schlüssel. Nur so erhalten unsere Hochschulen wieder uneingeschränkten Zugang zum Förderprogramm Horizon 2020. Wenn wir uns nicht auf eine Lösung einigen können, glaube ich, dass eine weitere Abstimmung unumgänglich wird. Wir müssen klären: Wollen wir die Bilateralen oder wollen wir sie nicht? Die Unsicherheit ist eine Katastrophe.

Dabei zählt Ihr wohl berühmtestes Projekt zu den Forschungsflaggschiffen der EU: das Human Brain Project. Allerdings musste die EPFL die Führung zuletzt an eine internationale Leitung abgeben. Dem Projektleiter Henry Markram werden Mängel im Management vorgeworfen.
Es war immer die Idee, nach einigen Jahren eine neue Leitung einzusetzen.

Das kann nicht alles gewesen sein. 800 Neurowissenschafter protestierten gegen die Organisationsstruktur und erklärten den Boykott.
Diese Neurowissenschafter repräsentieren bei weitem nicht die gesamte Forschergemeinde. Einige von ihnen haben keine grosse Ahnung von der Materie – aber lassen wir das. Sie müssen die Grössenordnung sehen: Die EU steckt 500 Millionen Euro ins Projekt, die beteiligten Länder nochmals 500 Millionen. Das Projekt hat das Ausmass des Cern angenommen. Natürlich gibt es bei einem solch gigantischen Unterfangen Diskussionen um die Organisation und die wissenschaftlichen Resultate. Fakt ist aber, dass das Human Brain Project weltweit als bahnbrechend anerkannt wird.

Haben Sie zu viel versprochen?
Ich habe nichts versprochen, aber hier geht es um eine Milliarde Euro. Wir können nur verlieren: Wenn wir keine Vision haben und nicht an einen wissenschaftlichen Durchbruch glauben, warum sollte uns dann irgendjemand so viel Geld geben? Wenn wir aber den grossen Wurf wagen und nicht gleich sämtliche Erwartungen übertreffen, kommen Kritiker hervor und behaupten, wir hätten zu viel versprochen. Eine Lose-lose-Situation. Unsere Forscher haben gerade im Fachmagazin «Cell» publiziert. Warten Sie (steht auf und geht zum Pult). Hier! Das ist Wissenschaft! Weitere Publikationen folgen. Lassen Sie uns nach vorne blicken.

Dann lassen Sie uns das tun: In welchem Bereich kann die Schweiz eine Führungsrolle einnehmen?
Den reinen IT-Kampf haben wir gegen das Silicon Valley verloren, aber die Schweiz kann in der Gesundheit die Nummer eins werden, ein Health Valley sozusagen. Mit Novartis, Roche und Nestlé stehen globale Player vor der Haustür. Das Ökosystem ist vorhanden.

Jetzt spricht der Nestlé-Verwaltungsrat aus Ihnen.
Überhaupt nicht. Bei Roche bin ich nicht involviert. Mir geht es um neue Chancen. Wir müssen die Genfersee-Region, Basel und Zürich zusammenbringen. Gemeinsam sind wir stärker. Digital Zürich ist doch keine gute Idee, Digital Schweiz wäre cleverer. Wir haben gemeinsam viel mehr Möglichkeiten.

Früher hätten Sie den Konkurrenzkampf geschürt, statt mit Zürich zu kooperieren. Ist das die Gelassenheit eines Abtretenden?
Wie gesagt, standen damals andere Ziele im Vordergrund. Wir mussten erst stark werden. Gute Kooperationen funktionieren nur auf Augenhöhe. Heute wird die EPFL von allen respektiert. Das ist eine gute Basis. Die Westschweizer können stolz und voller Selbstvertrauen sein. Wir sind keine Minderheit, die um Kooperationen betteln muss.

Die EPFL ist heute ein begehrter Partner. Zuletzt besuchte der Google-Chef den Campus. Wie stehen die Chancen auf eine Kooperation?
Er hat sich nach dem Human Brain Project und unserer Drohnentechnologie erkundigt. Drohnen können künftig in der Stratosphäre – als Hotspots – das Internet in die entlegensten Teile der Welt bringen. Daran ist auch Google interessiert. Diese Treffen werde ich wohl am meisten vermissen. Es war eines meiner grossen Privilegien, die klügsten Köpfe aus Forschung, Politik und Wirtschaft kennen zu lernen.

Wie geht es für Sie weiter?
Ich hatte weltweit Angebote. Einige der besten Universitäten wollten mich als neuen Präsidenten. Aber dafür habe ich eine zu enge emotionale Bindung zur EPFL. Ich bleibe der Hochschule erhalten, beziehe ein Büro beim EPFL Innovation Park und möchte nach 17 Jahren einfach wieder unterrichten.

Als Professor mit einem Präsidenten-Lohn?
Natürlich nicht. Wissen Sie was? Ich habe die letzten Jahre sogar bezahlt, um zu arbeiten. Meinen Lohn aus den Nebentätigkeiten als Verwaltungsrat musste ich der Universität abgeben. Ich war also der Billigste hier (lacht).

Ihr Nachfolger dürfte nicht begeistert sein, wenn sein Vorgänger wie ein Damoklesschwert über ihm schwebt.
Martin Vetterli war mein Vize-Präsident und er ist ein guter Freund. Er kennt meine Telefonnummer. Wenn er meinen Rat will, gebe ich den gerne, wenn nicht, bin ich auch glücklich.

Noch vor Ihrer Rückkehr in den Hörsaal haben Sie aber eine besondere Reise angekündigt. Sie gehen in die Antarktis.
Es ist eine Forschungsreise des Swiss Polar Institute. Ich freue mich auf das Abenteuer. Die Zukunft der Erde entscheidet sich an den Polen. An keinem anderen Ort des Planeten kann man den Klimawandel besser erforschen. Wenn Grönland – oder, noch schlimmer, die Antarktis – schmilzt, verändert das die Welt. Aber es ist auch eine persönliche Sache: Ich war einige Male am Nordpol und in der Antarktis, ich liebe die Atmosphäre, sie ist faszinierend.

Etwas ganz anderes als der Campus.
Die Antarktis ist der letzte Ort, wo Sie für niemanden erreichbar sind. Wunderbar!

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