Ein breites Grinsen, ein fester Händedruck: «Lovely to meet you», begrüsst Jamie Oliver die «Schweiz am Sonntag» in einem Münchner Edelhotel. «Ich liebe die Schweizer Berge – und das Essen erst.» Fragen wären im Gespräch beinahe unnötig, die Anekdoten sprudeln nur so aus ihm heraus. Man glaubt fast nicht, dass dieser so lieb dreinschauende Mensch einmal vor laufender Kamera ein Huhn abstach und ein Küken vergaste, um die maschinelle Tötung in der Massentierhaltung zu kritisieren. Oliver ist längst politisch geworden. So wurde auf seine Initiative in Grossbritannien eine Zuckersteuer auf Soft-Drinks beschlossen. Seine Leidenschaft bleibt aber das Essen. Sogar fürs Schweizer Fondue hat er einen Geheimtipp.

Herr Oliver, Sie haben für Brad Pitt, die Queen und Barack Obama gekocht. Wer war Ihr heikelster Gast?
Jamie Oliver: Die drei haben alles gegessen, ich kann mich nicht beschweren. Für Obama habe ich am G-20-Gipfel gekocht. Diese Events sind bis ins letzte Detail durchorganisiert. Alles muss perfekt laufen. Und alle essen, was auf den Tisch kommt. Allerdings hatte ich ein Problem: Die Number 10 Downing Street (Residenz des britischen Premiers; Anm. d. Red.) hat die schlimmste Küche des Planeten. Die haben nicht einmal genug Geschirr, geschweige denn das gleiche. Mir war das so peinlich. Da kommen die höchsten Repräsentanten der Welt samt ihren Familien, und ich habe noch nicht mal genügend Teller.

Sind Sie nervös, wenn Sie für Staatschefs kochen?
Ich war nur nervös wegen der verdammten Küche. Und natürlich wollte ich frische Zutaten aus Grossbritannien. Allerdings hatte es vor dem Gipfel zwei Wochen durchgeregnet. Einen Tag vor dem Bankett hatte ich noch nicht mal genügend lokales Gemüse. Glücklicherweise hat dann doch alles geklappt. Meistens mögen Promis, was ich koche. Nur Robert De Niro hat einmal meine Pasta zurück in die Küche geschickt. Sie war ihm nicht scharf genug. Also habe ich ordentlich Chili reingeworfen (lacht).

Vielleicht kochen Sie bald für Obamas Nachfolger Donald Trump. Wie war Ihre Reaktion auf die US-Wahl?
Ich stand unter Schock, es war der Horror. Es fühlt sich an wie eine gruslige Version der Kardashians, eine völlig verrückt gewordene Realityshow.

Viele sehen Parallelen zum Brexit, der ebenfalls überraschend kam.
Das ist schlimmer.

Tatsächlich? Dabei drohten Sie auszuwandern, sollte Boris Johnson nach dem Brexit Premierminister werden.
Und jetzt stellen Sie sich einmal Boris UND Trump vor. Jesus Christus! Aber Sie haben recht, der Brexit ging mir persönlich näher. Mich stört, dass die Entscheidung auf Lügen und Bullshit beruhte. Den Menschen wurde erst später klar, was passiert ist: Wir haben die Zukunft der nächsten Generation aufs Spiel gesetzt. Aber ich bleibe ein leidenschaftlicher Europäer, auch wenn wir draussen sind.

Fühlen sich bestimmte Bevölkerungsschichten zurückgelassen?
Das weiss ich nicht. Europa ist in meinen Augen die faszinierendste Länderverbindung, die existiert. So viel Kultur, so viele Gemeinsamkeiten, und trotzdem ist jedes Land einzigartig. Allerdings fehlt uns ein europäisches Gemeinschaftsgefühl. Wir haben nie gelernt, uns zu respektieren, uns vielleicht sogar zu lieben. Wir sollten die EU als eine grosse Familie betrachten.

Die Schweiz gehört nicht dazu.
Die Schweiz ist einzigartig, sehr europäisch, aber nicht in der Europäischen Union. Verrückt. Bei euch funktionieren Dinge, die andernorts nicht möglich wären. Und wie ich mitbekommen habe, seid ihr stolz auf euer Land.

Sie waren im Frühling in Graubünden und im Kanton Schwyz. Welche Eindrücke haben Sie von der Reise?
Wir hatten eine fantastische Zeit in den Bergen. Ich habe in einer Sennerei gelernt, Käse herzustellen. Erst vor wenigen Tagen hat mir Käser Martin den Laib zugeschickt. Warten Sie (holt sein Handy und zeigt ein Video). Hier schneiden wir ihn gerade bei uns zu Hause an. Absolut fantastisch!

Sie haben Käse hergestellt und Schokolade geschmolzen. Sehr klischiert, nicht wahr?
Mag sein, aber viele Klischees haben einen wahren Kern. Wenn Sie nach Belgien gehen und sagen: Ihr braut die besten Biere, dann kann man dazu nur sagen: stimmt. In der Schweiz hat die Schokoladenherstellung oft eine langjährige Familientradition. Erfahrung, Talent und Technologie kommen zusammen. Uns ging es eigentlich darum, auf gesundes Essen hinzuweisen, auf meiner Reise wurde mir aber eines klar: Es existiert ein Schweizer Paradoxon. Ihr esst mehr Schokolade und gesättigte Fettsäuren als alle anderen Europäer. Trotzdem habt ihr mit die höchste Lebenserwartung und seid führend in vielen Gesundheitsstatistiken.

Die Schweiz hat gemäss Zahlen der UNO allerdings einen sehr hohen Pro-Kopf-Konsum von Zucker. Sie kämpfen seit Jahren gegen einen hohen Zuckeranteil in Lebensmitteln an. Brauchen wir eine Steuer auf Soft-Drinks, wie sie Grossbritannien auch wegen Ihres Engagements eingeführt hat?
Dafür müsste ich die Situation in der Schweiz etwas besser kennen, aber eine Zuckersteuer macht in der Regel absolut Sinn: Unsere grösste Zuckerquelle sind eindeutig Süssgetränke. Das sage nicht ich, sondern die angesehensten Wissenschafter der Welt. Die grossen Soft-Drinks-Konzerne sind an einem Punkt angekommen, wo sie sexyer sind als Leitungswasser, aber genauso einfach zu bekommen. Wir müssen reagieren, wenn der Erfolg eines Unternehmens die Gesundheit unserer Kinder gefährdet. Keiner mag Steuern, das ist mir klar, aber wenn wir damit besseres Essen in unseren Schulen finanzieren können, ist das der richtige Weg. Aber vielleicht ist das für Schweizer schwierig zu verstehen.

Wie kommen Sie darauf?
Wie gesagt seid ihr offenbar nicht besonders anfällig. Ihr geniesst eure Schokolade und euren Käse und lebt trotzdem verdammt lange. Da kann ich nur gratulieren. In Britannien ist das ganz anders. Die Folgen der schlechten Ernährung kosten uns jährlich mehr als die Ausgaben für Polizei und die Feuerwehr zusammen.

Sie haben sich in den vergangenen Jahren stark sozial engagiert: TV-Koch, Geschäftsmann, politischer Aktivist. Welche Bezeichnung gefällt Ihnen am besten?
Am liebsten wäre ich einfach nur ein Koch, der um die Welt reist, fantastische Farmer trifft – wie Ihren Landsmann in den Bergen – und in der Küche rumrennt. Aber die Realität ist eine andere. Ich trage eine Verantwortung gegenüber meinen Kindern und meinen Kunden. Wenn ich das britische Gesundheitssystem verbessern kann, will ich helfen, selbst wenn ich dann weniger in der Küche bin. Mir ist klar, dass ich diesen Kampf wohl bis zu meinem Lebensende führen werde. Dennoch werde ich weiter durch Länder reisen und gutes Essen suchen. Wo gutes Essen ist, sind meistens gute Menschen.

Sie haben ein Gespür für Nahrungsmittel-Trends. Wohin bewegt sich unsere Gesellschaft?
Es wird mit Sicherheit mehr vegetarisches und veganes Essen geben. Damit meine ich aber nicht Leute, die mit fast religiösem Eifer Fleischesser verteufeln, sondern dass wir ein- oder zweimal in der Woche auf Fleisch verzichten werden. Aber das betrifft nicht alle. Die Auswahl an Fastfood wird riesig bleiben.

Welches Schweizer Essen schmeckt Ihnen am besten?
Die Gerichte in den Alpen – wie die Gerstensuppe in Graubünden – haben mir sehr geschmeckt. Wenn man wandern war oder gerade einen Berg auf den Ski hinuntergerast ist, gibt es nichts Besseres als diese Art der Wohlfühl-Küche. Dazu zählen natürlich eure Klassiker wie Raclette und Fondue. Ein heisser Topf. Geschmolzener Käse. Bloody delicious.

Gibt es einen Jamie-Oliver-Geheimtipp, um Käsefondue noch besser zu machen?
Mir gefallen Gegensätze. Wenn ich heisses, kalorienhaltiges Essen habe, ergänze ich das mit leichten, gesunden Zutaten. Ich tunke gern frisches Gemüse ins Fondue. Ein toller Mix aus warm und kalt. Rezepte müssen sich immer weiterentwickeln, man muss immer etwas ausprobieren.

Sie führen weltweit über 60 Restaurants: Wann eröffnen Sie eines in der Schweiz?
Leider hatte ich noch nicht die Gelegenheit dazu, aber das wäre grossartig.

Was hält Sie davon ab?
Ein oder zwei Restaurants kann ich heute mit geschlossenen Augen führen, auch wenn es harte Arbeit ist. Bei Dutzenden Restaurants ist das deutlich komplizierter. Dann geht es darum, gute Leute zu finden. Wenn ich in der Schweiz ein Lokal eröffnen möchte, brauche ich zuerst einen Partner. Nicht die grossen Multis, aber einen kleinen, lokalen Betrieb. Wir sehen uns als Familienunternehmen mit strengen Vorschriften, wie unsere Nahrungsmittel hergestellt und Tiere gehalten werden müssen. Ideal wäre ein Partner, der bereits zwei, drei Restaurants führt und ähnliche Werte vertritt.

Sind Sie bereits auf der Suche?
In der Regel melden sich Interessenten bei uns. Also: Wenn in der Schweiz ein kleiner, lokaler Betrieb gemeinsam mit mir ein Lokal führen will, einfach melden. Sobald ich einen Partner habe, eröffne ich sofort ein Restaurant.

Ihr Unternehmen wird mittlerweile auf über 300 Millionen Franken geschätzt. Was denken Ihre Eltern, die ein kleines Pub betrieben haben, über Ihren Erfolg?
Meinem Vater kommen manchmal die Tränen vor Stolz. Aber er macht sich auch Sorgen, weil er nicht fassen kann, dass sein Sohn mehrere hundert Angestellte hat und Dutzende Restaurants auf der ganzen Welt führt.

Anfang 20 wurden Sie durch Ihre Kochshow «The Naked Chef» in nur sechs Wochen zum Millionär. Das muss bizarr gewesen sein.
Wissen Sie, mit Anfang 20 gab es einige dieser schrägen Momente: Nacktbilder im Briefkasten, Mädchen, die sich an mich warfen.

Hat Sie das verändert?
Überhaupt nicht, ich bin mit derselben Frau zusammen, seit ich 18 bin, und wir haben fünf wundervolle Kinder. Die meisten Freunde stammen aus meiner Schulzeit – und sie treten mir wenn nötig in den Hintern.

Sie haben einer ganzen Generation junger Männer das Kochen beigebracht. Warum brauchte es «The Naked Chef», um Männer an den Herd zu bringen?
TV-Köche waren zu dieser Zeit Autoritätspersonen, die komplizierte, aufwendige Gerichte kochten. Aber das wollen die Menschen in ihren eigenen vier Wänden nicht. Sie wollen gewöhnliche Hausmannskost, die lecker ist und schnell zubereitet werden kann. Ich war ganz anders: Ein 23-jähriger Schwachkopf, der durch die Küche rannte, sich des Lebens freute und mit der Vespa durch die Innenstadt düste, um die besten Zutaten zu finden. Und am Abend machte ich noch eine Dinner-Party mit meinen Freunden. Ausserdem waren viel mehr Frauen berufstätig. Da konnten die Männer nach der Arbeit nicht mehr sagen: «Schatz, ich bin zu Hause. Was gibts zum Abendessen?» Vielmehr sagten die Frauen: «Ab in die Küche!»

Diese Entwicklung dürften Sie mitgeprägt haben.
Das brauchte aber seine Zeit. Am Anfang hassten mich die Männer. They fucking hated me! Sie machten mich dafür verantwortlich, dass ihre Frauen nicht mehr jeden Tag in der Küche stehen wollten. Viele Männer waren wütend. Ich wurde regelrecht misshandelt. Sie haben mich bedroht, verfolgt, sogar verprügelt.

Wann kam der Sinneswandel?
Nach drei Jahren. Damals war Kochen Frauensache. Dann merkten Männer, dass sie Frauen mit ihrer Kochkunst verführen konnten. Als sie das begriffen hatten, war ich plötzlich ihr bester Freund (lacht).

Wer kocht bei Ihnen zu Hause?
Ich. Immer.

Gibt es nicht Tage, an denen Sie denken, lasst mich damit bloss in Ruhe?
Überhaupt nicht. Kochen ist als Form der Entspannung total unterschätzt. Machen Sie eine Flasche Wein oder ein Bier auf, lassen Sie Musik oder den TV im Hintergrund laufen, und laden Sie Freunde ein. Eine fantastische Kombination. Kochen ist wie eine gute Massage, einfach wundervoll!

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