VON KURT-EMIL MERKI


Herr Schlatter, suchten Sie als Schüler auf dem Pausenplatz den Hosenlupf. Oder gingen Sie ihm eher aus dem Weg?
Ich war als Pubertierender praktisch nie auf dem Pausenplatz. Sondern immer im kleinen, illegalen Gelände hinter der Turnhalle. Schüler, die älter waren als ich, hatten Alkohol und Haschisch dabei, das zog mich magisch an. Der anspruchsvollste Teil dieser Übung war, dafür zu sorgen, dass der Lehrer nicht riechen konnte, was man in der Pause gemacht hatte.

«Hosenlupf» heisst der Dokumentarfilm, der im Entstehen begriffen ist. Wie sind Sie dazugestossen?
Die Idee stammt von der Elite-Filmproduktion. Ich war mit dieser Produktionsfirma wegen eines andern Projektes im Gespräch. Als sie mich damit konfrontierten, dass sie einen Film über das Schwingen machen wollten, winkte ich zuerst ab. Schwingen war wirklich nicht mein Ding. Sie liessen aber nicht locker. Immerhin konnte ich den Regisseur und Autor This Lüscher vermitteln, mit dem ich seinerzeit den Film «Alptraum» gemacht hatte. Ein Bergfilm, der unglaublich erfolgreich war und in über 20 Länder verkauft werden konnte. So hat es angefangen.

Was ist Ihre Rolle?
Lüscher hatte den Einfall, in diesem Dokumentarfilm, der sich auf nicht zynische Art mit dem Schwingen beschäftigt, einen typischen Städter auftreten zu lassen. Er soll herausfinden, was die Seele des Schwingsports ist, was die Faszination ausmacht. Ich wurde gefragt, ob ich diese Rolle übernehmen wolle. Nach der Lektüre des unglaublich sorgfältig geschriebenen Drehbuches sagte ich zu. Ich wollte diese für mich fremde Welt kennen lernen.

Eine aufwändige Aufgabe?
Ich muss einmal pro Woche in den Schwingkeller zum Training und mich so mit dem Sport à fond vertraut machen.

Offenbar ging es nicht ohne Blessuren ab.
Am ersten Drehtag im Schwingkeller Zürich lernte ich meinen Schwinglehrer Daniel Reichlin kennen. Er zeigte mir den ersten Schwung, den Gamme rechts. Danach war ich im Notfall. Ich hatte grauenhafte Schmerzen und glaubte, ich hätte ein Bein gebrochen.

Ist das denn ein realistisches Szenario? Wollen Männer in Ihrem Alter tatsächlich noch das Schwingen erlernen?
Das würde wohl von der Suva verboten. Aber aus meinem Bekanntenkreis gibt es jetzt immerhin ein paar, die mich zum Training begleiten. Natürlich ohne die Ambition, je einen Kranz herauszuschwingen.

Was fasziniert Sie an diesem Sport?
Erstens braucht es keine teuren Utensilien, um ihn ausüben zu können. Und zweitens spüre ich endlich meinen Körper wieder.

Es hält sich hartnäckig die Vermutung, dass sich in der Schwinger-Szene viele SVP-Sympathisanten tummeln. Ist da was dran?
Ich bin in dieser Saison an allen Berg-Schwingfesten gewesen und habe nie erlebt, dass man über Politik geredet hätte. Andererseits habe ich am Brünig-Schwinget viele Leute aus der Innerschweizer Kunstszene getroffen. Das sind ganz bestimmt keine SVPler. Im Laufe der Dreharbeiten habe ich einige Schwinger näher kennen gelernt. Mit Christian Stucki und Roger Brügger sind sogar Freundschaften entstanden. Beide sind unpolitische Menschen.

Sie waren in jungen Jahren Punk-Schlagzeuger. Heute besuchen Sie das Eidgenössische Schwingfest. Sie haben einen langen Weg zurückgelegt.
Kürzlich hatte ich ein paar Gäste bei mir zu Hause. Langjährige Freunde aus der Kunst- und Journalistenszene, städtische Männer und Frauen. Aber auch Christian Stucki. Als es ihm zu heiss wurde, zog er sein Hemd aus, Schrammen und Verbände kamen zum Vorschein. Das würde keiner meiner Freunde machen, er hats gemacht. Punk ist, sich um Konventionen zu foutieren, die in einem bestimmten Kreis gelten. So gesehen ist Schwingen Punk! Und der Weg, den ich in den letzten 30 Jahren zurückgelegt habe, ist also gar nicht so weit.

Sind Sie an diesem Wochenende Fan von bestimmten Schwingern?
Selbstverständlich. Wobei ich nicht einfach für die besten «fäne». Sondern für solche, für die ich in den letzten Wochen die meisten Emotionen entwickelt habe.

Stucki Christian und Brügger Roger?
Ganz klar. Für Brügger, auch deshalb, weil noch nie ein Schwinger König geworden ist, der älter ist als 30. Brügger ist über 30. Wäre toll, wenn er es schaffen würde.

Toll wäre aber auch, wenn Abderhalden Jörg den vierten Titel holen würde. Das hat bisher auch noch niemand geschafft.
Von all den Schwingern, die ich in den letzten Monaten kennen gelernt habe, hat sich Abderhalden am unkooperativsten verhalten. Ich habe bei ihm Allüren herausgespürt, die ich nicht mag. Nein, Abderhalden hat mir keinen Anlass gegeben, ein Fan von ihm zu werden.

Interessieren Sie sich neben dem Schwingen auch für anderes Schweizer Brauchtum: Jodel und Ländler zum Beispiel?
Nein. Da fehlt mir der Bezug dazu. Ich gehe nicht an ein eidgenössisches Jodelfest, nur weil das offenbar zum Trend wird.

Die Schwinger bezeichnen sich gerne als «grosse Familie».
Ich habe das auch so wahrgenommen. Wenn die Schwinger an einem Fest in einer grossen Garderobe beisammen sind, dann herrscht da eine sehr familiäre Atmosphäre. Und man wünscht einander «einen guten Schwung». Nicht aus Anstand, sondern, weil man das ehrlich und von Herzen meint.

Wie ist das in der Komiker-Szene? Ist das auch eine «grosse Familie» oder versteht man sich als Konkurrenz?
Ich kenne die meisten Angehörigen dieser Branche. Mit manchen ist man etwas mehr befreundet, mit andern etwas weniger. Aber Feindschaften gibt es keine.

Mein Eindruck ist, dass die Kabarett-Szene zwar hinter vorgehaltener Hand gerne über Viktor Giacobbo lästert, sich aber zurückhält, sobald ein Mikrofon in der Nähe ist. Giacobbo bündelt als Chef der SF-Sendung «Giacobbo/Müller» und als VR-Präsident des Casino-theaters Winterthur viel Macht.
(schweigt lange) Man redet sicher über Viktor Giacobbo. Ich frage mich beispielsweise, weshalb er mich seit der zweiten Ausgabe seiner TV-Sendung nie mehr eingeladen hat. Schliesslich bringe ich in diesem Land die Leute seit einigen Jahren zum Lachen. Da macht man sich natürlich schon seine Gedanken, und ich habe mich bei ihm auch erkundigt, ob er etwas gegen mich und meinen Humor hätte. Er hat dies vehement in Abrede gestellt. Eingeladen wurde ich dennoch nie mehr.

Man nennt Giacobbo in der Szene den «Paten».
Ich empfinde ihn nicht als Paten. Er hat mir nie irgendetwas diktiert.

Was ist guter Humor?
Guter Humor hat immer sehr viel mit den eigenen, persönlichsten, tiefsten Ängsten und Unsicherheiten zu tun. Zynischen Humor habe ich nicht gerne, ich mag Zyniker nicht.

Wer ist für Sie ein Zyniker?
Das muss man jetzt nicht unbedingt an die Öffentlichkeit tragen. Wer da angesprochen ist, weiss es bestimmt selber.

Wer ist Ihr Lieblingssatiriker?
Josef Hader mag ich sehr. Oder Alfred Dorfer.

Sie mögen also den schwarzen österreichischen Humor?
Schwarz muss Humor sein, und frech. Und mutig. Und überraschend.

«Sie, die Pandemie chunnt!», haben Sie für das Bundesamt für Gesundheit verkündet und zum Impfen und fleissigen Händewaschen aufgefordert. Das war eher unfreiwilliger Humor.
Das konnte aber niemand wissen, als wir die Spots aufnahmen. Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass sich das Bundesamt auf seriöse Unterlagen abstützte. Die lancieren eine solche Kampagne nicht aus Jux und Tollerei.

Müssen Sie selber von einer Idee oder von einem Produkt überzeugt sein, damit Sie sich als Werbeonkel zur Verfügung stellen?
Hunderprozentig!

Aber warum haben Sie sich als Impf-Botschafter denn nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen?
(heftig) Das hat mich richtig verrückt gemacht!

Was denn?
Als bekannt wurde, dass man sich impfen lassen kann, war ich der Allererste, der sich beim Hausarzt gemeldet hat, um einen Termin zu vereinbaren. Mein Hausarzt sagte mir, dass sämtliche Impfstoffe, die zur Verfügung stünden, eine Substanz enthielten, die ich nicht vertrage. Er riet mir von der Impfung ab, weil er fand, die Krankheit wäre für mich leichter zu ertragen als die Folgen der Impfung. Der «Blick» machte daraus «Schlatter lässt sich nicht impfen». Dann zog Tele Züri nach und erkundigte sich bei Passanten, was sie davon hielten, dass sich der Vorzeige-Händewascher nicht impfen liesse – ohne darauf hinzuweisen, dass mir der Arzt davon abgeraten hatte. Danach hatte ich drei Tage lang Arbeit wegen dieser Journalisten-Idioten, die ihr Handwerk nicht verstehen. Ich bekam Anfragen von allen möglichen Lokalradios und Kleinstzeitungen.

Sie reden sich richtig in Rage.
Ich wurde damals ziemlich wütend und werde es auch jetzt wieder. Ich habe mich beim «Blick» natürlich beschwert, worauf sich der Chefredaktor bei mir persönlich entschuldigte. Tele Züri hat sich bis heute nicht entschuldigt.

Sie sind ein Ur-Zürcher. Könnten Sie sich vorstellen, woanders zu leben?
Absolut unmöglich. Sollte ich einmal einen Seich anstellen und von einem Gericht dazu verurteilt werden, Zürich nicht mehr verlassen zu dürfen, so wäre dies für mich keine Strafe. Obwohl ich zu den wenigen Zürchern gehöre, die den Aargau und das ganze Mittelland sehr gerne haben. Von der Herzlichkeit der Aargauer könnte sich mancher Zürcher eine Scheibe abschneiden.

Da ist sicher eine Frau im Spiel!
Nein. Aber immer, wenn ich im Aargau bin, fällt mir tatsächlich auch auf, dass hier die schönsten Frauen der Schweiz leben. Wobei ich anfügen muss, dass es zumindest auch eine schöne Bernerin gibt.

Nämlich?
Frau Fischer (Beat Schlatter nennt seine Freundin Mirjam Fischer konsequent «Frau Fischer»; Red.).

Verdienen Sie genug, um eine Familie gründen zu können?
Ja.

Werden Sie es auch tun?
Das ist kein Thema mehr. Aber ich möchte gerne heiraten.

Konkret!
Ich habe es vor. Und Frau Fischer hat auf die entsprechende Frage auch mit Ja geantwortet.

Wann wird es so weit sein?
Ursprünglich sollte das Fest im Oktober stattfinden, aber das schaffen wir organisatorisch nicht. Neuer und definitiver Termin ist Frühjahr 2011. Dann werde ich auch noch 50 Jahre alt, so kann man die beiden Ereignisse ideal verbinden. Und es fällt nicht auf, dass ich bereits 50 bin. Die Hochzeit als Tarnung, sozusagen.

Aber die Kinderfrage ist erledigt?
Ich könnte mir durchaus eine Adoption vorstellen. Aber meine derzeitige Lebensform lässt sich mit Kindern nicht vereinbaren. Ich lebe mit Frau Fischer nicht zusammen und wir werden auch nach der Hochzeit nicht zusammenleben. Ich habe eine unheimlich hohe Lebensqualität, weil ich spontan verreisen oder spontan mit Freunden ganze Nächte um die Ohren schlagen kann. Aber es gab lange das Bedürfnis nach eigenen Kindern. Es gab sogar Zeiten, da wurde ich melancholisch, wenn ich junge Väter beim Spielen mit ihren Kindern sah. Ab und zu gibt es solche Anwandlungen immer noch.

Die Schweiz sieht sich selber gerne als Goldvreneli im Kuhfladen. Wobei mit Kuhfladen das übrige Europa gemeint ist.
Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich sehe Europa nicht als Kuhfladen.

Was für ein Verhältnis soll die Schweiz zu Europa haben?
Ich bin ganz klar der Meinung, dass wir der EU angehören sollten.

Genau in einem Monat wählt die Nationalversammlung zwei neue Bundesräte. Steht der SVP ein weiterer Sitz zu?
Absolut keine Frage: Die SVP hat keinen Anspruch darauf. Diese Partei hat zwei Sitze. Dass sie denjenigen von Eveline Widmer-Schlumpf nicht akzeptiert, ist ihre eigene Schuld.

Was für eine Liste werden Sie im November 2011 bei den Eidgenössischen Wahlen einwerfen?
Bei Abstimmungen, mit denen ich mich nicht intensiv genug befasst habe, übernehme ich häufig den Vorschlag der SP oder der Alternativen Liste. Bei den Wahlen ist es ähnlich: Ich schaue mir die SP-Liste an und streiche die Kandidaten heraus, die mir als zu oberlehrerhaft erscheinen. Und ergänze die freien Zeilen mit Alternativen oder Grünen. Ich bewege mich in diesem politischen Spektrum. Es wäre ja auch töricht, als Kulturschaffender jene zu wählen, die der Kultur den Hahn zudrehen wollen.


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