WAS MIR GOTT BEDEUTET

Das persönliche Glaubensbekenntnis einer Bundesrätin. Der folgende Text stammt aus dem soeben erschienenen Buch «Was braucht der Mensch?*

VON EVELINE WIDMER-SCHLUMPF

Der christliche Glaube hat mich durch mein Leben begleitet. Als Kind besuchte ich die Sonntagsschule. Meine ersten Begegnungen mit religiösen Themen stammen denn auch aus der Sonntagsschule. Damals gab es für mich noch keinen Zusammenhang zwischen Zuversicht und Belohnung, so wie er im ersten von mir gewählten Bibelzitat dargestellt ist.

Die Lebenszuversicht ergab sich für uns Kinder aus dem Zusammensein mit anderen Menschen, besonders mit den Eltern, den Grosseltern, mit Freunden und Bekannten. Eingebettet in starke Gemeinschaften, machten wir die Erfahrung, dass kleine und grössere Schwierigkeiten sowohl im Kinder- als auch im Erwachsenenalltag überwindbar waren.

Zuversicht ist Ausdruck des Glaubens. Das erlebte und erlebe ich seit meiner Kindheit in der Familie und im Freundeskreis. Immer wieder machte ich die Erfahrung, dass auch Dinge, die quer liegen, Lebensumstände, die schwierig sind, sich positiv entwickeln können. Zuversicht kann also, wie im Bibelzitat festgehalten, eine Belohnung sein.

Das zweite von mir gewählte Zitat verbindet Zuversicht mit dem Glauben an das Unsichtbare; Glaube ist die Überzeugung von den Dingen, die man nicht sieht, eine Zuversicht, eine Hoffnung. Entspricht das nicht dem allgemeinen Verständnis von Glauben? In der Mittelschule hatte ich Gelegenheit, mich vertieft mit den Religionen auseinanderzusetzen. Dabei wurde mir klar, dass immer Fragen offenbleiben, wenn es um «die Seele», «den Himmel» und das letzte Glück geht.

Zuversicht, die aus dem Glauben kommt, muss sich für mich auf Unbewiesenes stützen. Es gibt nicht auf alles eine Antwort, es lässt sich auch nicht alles verstehen, auch nicht aus der Religion heraus. Aber die Religion kann Vertrauen ins Leben, Vertrauen im Leben schenken. In ganz besonderen Momenten des Lebens wird dieses Vertrauen durch persönliche Erfahrungen bestätigt. Ich denke an Situationen, in denen das Leben aus einer schwierigen Situation heraus unerwartet eine positive Wendung nimmt.

Es sind jene Gelegenheiten, bei denen der Ausspruch «Gott sei Dank» fällt. Ob ich ein glückliches Geschick Gott zuschreibe, ist eine sehr persönliche Entscheidung. In jedem Fall lohnt es sich, über solche Erfahrungen zu sprechen, aus Interesse am andern Menschen, aus Neugier, auch um Zuversicht daraus zu schöpfen.

Sicher können viele Menschen berichten, wie Sorgen und Probleme sie beschäftigten und sich dann schliesslich auch wieder Lösungen zeigten. Ich selbst habe verschiedentlich solche Erfahrungen gemacht. Eine besonders tief gehende erlebte ich 1985. Unsere Tochter musste an ihrem vierten Lebenstag im Kinderspital Zürich notfallmässig operiert werden. Sie hatte unter anderem eine Aortenbogenstenose. Nach der erfolgreichen Operation bemerkte einer der Ärzte, sie hätten getan, was sie hätten tun können; jetzt müsse ein Anderer helfen. Und er fügte bei: «Sie wird es schaffen.»

Diese Zuversicht war für meinen Mann und mich sehr wichtig; und wir hatten sie auch. Unsere Tochter spürte dies wohl. In jedem Fall ist Zuversicht, die eigene und die der Umgebung, eine wichtige Voraussetzung für die Genesung eines kranken Menschen. Es sind diese seelischen Vorgänge, die sich schwer in Worte fassen lassen, die so viel bewirken.

Unserer Tochter geht es heute gut, und wir sind dankbar, dass sie mit uns ist. Die Aussage «Darum werfet eure Zuversicht nicht weg, die eine grosse Belohnung hat» und das ergänzende Zitat «Es ist aber der Glaube eine Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht» haben sich bestätigt. Unsere Tochter hat sie als Konfirmationssprüche ausgewählt.

Ursprung und Ende des Lebens sind ein Geheimnis. Nicht alle Zusammenhänge können wissenschaftlich verstanden und erklärt werden. Vieles bleibt offen. Wenige Wochen vor der Geburt unserer Tochter träumte ich von meiner Schwester; in meinem Traum hatte sie einen Unfall. Wenige Tage nach der Geburt unserer Tochter starb meine Schwester an den Folgen eines Autounfalls. Da entstand ein neues Leben und ein anderes wurde beinahe gleichzeitig genommen.

Im Jahre 1989 kam unser Sohn zur Welt. Er hat am selben Tag Geburtstag wie meine verstorbene Schwester. Das ist wie eine Geste des Schicksals, die dazu beiträgt, das Andenken an meine Schwester lebendig zu halten. Das Leben macht immer wieder unvorhersehbare Wendungen, wirft immer wieder neue Fragen auf. Viele Fragen bleiben offen. Immer wieder hat man Grund, einfach dankbar zu sein. Dankbarkeit kann auch Ausdruck sein von Vertrauen und Zuversicht. Die spirituellen Fundamente des Lebens entziehen sich in vielem unserer Einsicht. Mit Zuversicht aber können wir wesentlich mehr zum Guten beeinflussen, als manche meinen.

Eine Grundhaltung, die geprägt ist von Zuversicht, hilft auch im beruflichen Alltag und in der Politik. In der Politik sind Schwierigkeiten unausweichlich. Kritik an der Arbeit oder an der Person, an den politischen Verantwortlichen insgesamt, kann bisweilen heftig ausfallen.

Solche Kritik ist ernst zu nehmen; aber man darf sich davon nicht zu sehr irritieren, nicht unterkriegen lassen. Man soll den Weg gehen, den man für richtig erachtet; mit Zuversicht. Zuversicht schenkt neuen Spielraum in Situationen, in denen es eng wird. In verdichteten Problemlagen eröffnet sie neue Horizonte, schenkt geistige und emotionale Beweglichkeit. Sie kann mentale Sperren und thematische Hürden überwinden. All dies ist wichtig, um in Verhandlungen handlungsfähig, flexibel, konstruktiv und fair zu bleiben.

(...) Es ist nicht nur eine Frage der persönlichen Fairness, den Blick für die vitalen Interessen des anderen Menschen zu kultivieren. Es ist auch eine berechtigte Forderung an den Staat, der eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung fördern soll. Unser Gemeinwesen bringt die langfristigen Ansprüche unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zum Ausgleich. Eine solche Politik integriert Fremdperspektiven. Dazu ist ein grundsätzlich altruistischer Blick hilfreich. Er stärkt die soziale Verantwortung und den sozialen Frieden. Nächstenliebe im weiteren Sinn schliesst auch die Natur mit ein. Wo es um sauberes Wasser, saubere Luft und Artenvielfalt geht, sind die vitalen Interessen aller Menschen betroffen.

Es ist deshalb eine Frage der gesellschaftlichen Sachlichkeit, der auf Nachhaltigkeit gerichteten Vernunft und der staatspolitischen Professionalität, verantwortlich mit Mensch und Natur umzugehen. Die Schweiz hat gute Voraussetzungen hierfür. Zum einen sind die Behörden in unserer Demokratie dem offenen Gespräch verpflichtet. In der Schweiz soll jede und jeder Einzelne frei sagen können, was ihr oder ihm wichtig ist. Frauen und Männer sollen ihr eigenes Leben selbst in die Hand nehmen. Alle sind aufgerufen, aus ihrem Leben etwas zu machen – beruflich und privat. Schaffen sie das nicht allein, wird ihnen beigestanden.

Im Mittelpunkt eines persönlich befriedigenden Lebens steht indes nicht allein die Arbeit, sondern das Ganze. Ich erinnere mich gern an die alten Menschen in den Bergtälern meines Heimatkantons Graubünden. Sie erlebten die schwierigen Lebensbedingungen der Bergbauern des 20.Jahrhunderts. Dennoch waren sie zufrieden und zuversichtlich. Ihre Zuversicht gründete in ihrer Lebenshaltung und in ihrem Umfeld. Familien und Nachbarn hielten zusammen. Man war auf gegenseitige Hilfe angewiesen, war solidarisch.

Dem Ausdruck Solidarität liegt das lateinische Wort «solidus» zugrunde, das «fest», «ganz», «echt» bedeutet. Solidarität ist deshalb auch Solidität und Stabilität. An Solidarität in diesem Sinn hat es Teilen der Wirtschaft in den vergangenen Jahren gefehlt. Übertriebener Egoismus und übertriebener Liberalismus haben destabilisierend gewirkt. Heute sind sich auch liberalistische Kreise bewusst, dass Mässigung die Devise der nächsten Zukunft sein müsste.

(...) Mässigung als Prinzip ist für das Zusammenleben in unserem Land mit seiner vielfältigen Kultur und den vier Landessprachen und mit seiner direkten Demokratie unerlässlich. Mässigung hat auch mit Rücksicht zu tun. Ein Interessenausgleich zwischen den schweizerischen Volksgruppen ist nur durch Kompromissbereitschaft, Konzilianz und letztlich eben nur durch Mässigung möglich.

Die Identität aller Kantone und damit diejenige der Schweiz fusst auf gemeinsamen Wurzeln. Die Religion spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Schweiz ist kein religionsloser, sondern ein christlicher Staat. Christliche Werte prägen bis heute unsere ethischen Leitlinien. Die Präambel – die einleitenden Worte in unserer Bundesverfassung – machen dies deutlich: «Im Namen Gottes des Allmächtigen.»

Die gemeinsame Verantwortung drückt sich auch im gemeinsamen Schwur aus; so im Rütlischwur, der zum Schweizer Gründer- und Staatsmythos wurde. Mythen wollen und können eine Quelle der Zuversicht sein. Deshalb darf man Mythen nicht einfach rauben oder profanisieren. Mythen sind ein Teil unserer Identität, verdichtet zu einer Geschichte. Der Rütlischwur ist in die Bergwelt der Innerschweiz gelegt worden.

Berge sind unvermeidlich mit der Identität der Schweiz verbunden. Berge haben die Menschen ganz allgemein schon immer fasziniert. Sie verbinden Erde und Himmel. An Berge knüpfen sich Gefühle der Grösse,

der Grossartigkeit und der Hoffnung. Das volkstümliche Beresinalied gab Schweizer Soldaten die Zuversicht: «Darum lasst uns weitergehen, weichet nicht verzagt zurück; dort in jenen fernen Höhen wartet unser noch ein Glück.» So passen Berge gut zum Pathos des Schweizer Gründungsmythos. Sie sind Teil unserer Zuversicht.

Wenn ich zu Hause in Graubünden bin, begebe ich mich gerne in die Berge. Dabei wird mir meine tiefe Verwurzelung mit meiner Heimat besonders bewusst. Von der Höhe aus geniesse ich den Blick in die Weite.

In den Bergen ist das Leben oft unberechenbar. Man lernt, dass manche Dinge nicht zu kontrollieren, sondern einfach zu akzeptieren sind. Unvorhergesehener Schneefall kann das Vorankommen blockieren. Die Gefahr unerwarteter Felsstürze und Bergrutsche droht zu jeder Jahreszeit. Schnee- und Schlammlawinen können ganze Dörfer zerstören. Man hat sich darauf einzustellen.

(...) In der Mitte des christlichen Glaubens und der Theologie steht der Mensch und die Frage, worauf er sein Leben bauen kann. Bereits in meiner Schulzeit interessierte ich mich sehr für Religionsgeschichte und theologische Fragen. Heute beobachte ich den gesellschaftlichen Stellenwert der Religion mit grossem Interesse. Unsere Kirchen leisten viel in den Bereichen Seelsorge und Lebenshilfe. Und sie sind zunehmend mehr gefordert. Moralische Ideale, die die Kirchen vermitteln, sollen Leitsterne sein für die Zuversicht.

(...) Der Präsident des Berner Arbeitgeberverbandes, Enrico Casanovas, hat es treffend so formuliert: «Lange Zeit vermochten viele Werte in unserer Arbeitswelt einer Nachhaltigkeitsprüfung nicht standzuhalten, es handelte sich vor allem um Scheinwerte. Inzwischen zählen wieder andere Werte: Vertrauen, Sicherheit, der menschliche Umgang miteinander, der Zugang zum Chef, das Verwirklichen eigener Ideen, der Stolz auf die eigene Leistung. Es herrscht auch mehr Offenheit bei Fehlern. Man ist wieder bereit zu sagen: Jetzt habe ich einen ‹Seich› gemacht. Der Tanz um das Goldene Kalb ist vorbei.» Ich kann mich dem nur anschliessen.

*Schweizer Persönlichkeiten über einen religiösen Text in ihrem Leben. Theologischer Verlag Zürich, 2010.
256 Seiten, Fr. 29.90

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