Es gibt keinen besseren Weg, um eine Weinregion so intensiv mitzubekommen, als mit dem Velo. Man lernt die Geografie schätzen, wo sich ein Weindorf ans andere reiht. Die Fortbewegung mit eigener Energie verstärkt bei jedem leichten Auf- und Abstieg die Verbundenheit mit der Landschaft. Man spürt die brütende Sommerhitze, die so wichtig für den Reifeprozess und die kräftige Struktur der roten Trauben in der Region ist. Und man sieht aus der Nähe die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit rund um jedes Dorf, die den Weinen jeweils ihre Kraftfülle gibt – den weissen Sandmergel um Barolo und La Morra oder den Sandton und Sandstein von Serralunga und Monforte.
Hier gibt es keine flachen Velotouren – denn die ganze Gegend ist hügelig! Barolo und Barbaresco sind ruhige und unverbaute alte Dörfer oben an den Hängen. Von ihnen aus mäandern die Rebberge in unterschiedlichen Positionen zur Sonne ins Tal. Im Tal unten liegt beispielsweise Dogliani; der friedliche Dorfplatz mit der unerwartet grossen Kathedrale ist übrigens der perfekte Ort, um die enorm grosse Auswahl an Dolcetti zu verkosten. Mittlerweile haben zahlreiche Weindörfer an unterschiedlichen Höhenlagen famose Produkte hervorgebracht.
Die Gegend von Alba ist friedlich und unverfälscht, weitab vom bunten Treiben an der Meeresküste und der Betriebsamkeit der Städte. Die Menschen sind authentisch und freundlich – Menschen vom Land, deren Leben sich gemächlich abspielt. Es gibt überall traditionelle kleine Restaurants, die überaus schmackhafte lokale Speisen und Weine auftragen, welche die Früchte harter Arbeit sind. Jeder Wein der Region hat seinen festen Platz in der lokalen Küche: Der leichte, frische und perlende Moscato, angereichert mit süssen Traubenaromen, ist ein wundervoller Aperitif. Die zwei weissen Haupttraubensorten der Region – die knochentrockene, knackige und erfrischende Cortese und die etwas vollere, fruchtigere und charaktervollere Arneis – passen perfekt zu einem feinen Salat.
Von den Roten war der Dolcetto mit frischer Säure, bitter-süssem Geschmack von schwarzen Kirschen und milden Tanninen mein klarer Favorit als sommerlicher Begleiter von leichteren Speisen. Barbera andererseits – voller, reicher, fruchtiger und oft begleitet von hoher Komplexität, die durch die Reifung im Eichenfass entstand – ist ideal als Begleiter von schwereren Fleischgerichten oder zu Pasta mit Fleischsugo und Pizzas. Die kräftigeren Roten aus der zähhäutigen Nebbiolo-Traube wiederum passen sehr gut zu rotem Fleisch und Wild. Die Nebbiolo-Traube ist, wie Pinot Noir, bekanntlich schwierig zu pflegen und schmeckt nur, wenn alles stimmt. Sie kann herb, sehr tanninhaltig und charakterlos sein, wenn sie zu jung genossen wird - oder übermässig sauer und fruchtarm, wenn sie zu alt getrunken wird. Um Weine aus dieser Traube voll zu geniessen und um zu verstehen, weshalb sie so geschätzt wird, sollten Barolo von den exzellenten Jahrgängen 1999, 2001 oder 2004 von angesehenen Winzern wie Bruno Giacosa, Giacomo Conterno, Paolo Scavino, Luciano Sandrone oder Roberto Voerzio versucht werden.
Aber hüten Sie diese Flaschen bis zum Herbst, wenn die Temperaturen kühler sind – das sind keine Weine, um sich nach einem harten Tag auf dem Fahrrad in der piemontesischen Hitze von 40 Grad zu erfrischen!

Tipps für den Sommer
Bosio Moscato d’Asti 2012, www.weinundmehr.ch, Fr. 15.-
Tenuta Carretta Arneis Roero Cayega 2011, www.gastrovin.ch, Fr 21.50
Luciano Sandrone Dolcetto d’Alba 2011, www.vinidamato.ch, Fr. 14.80

Der Autor ist Master of Wine und betreibt das Weinhandelsgeschäft Real Wines.