Zwei, die sich mögen

Gastbeitrag von Guido Koller

Die Nachricht: 1991 gratulierte der britische Premier zu 700 Jahre Eidgenossenschaft. Der Brief gibt Aufschluss über die bilateralen Beziehungen beider Länder – und wirkt mit Blick auf den Austritt Grossbritanniens aus der EU aktuell.

Der Kommentar: Im Frühjahr 1991 schreibt John Major, Downing Street 10, London, an Flavio Cotti, Bundeshaus West, Bern. Er überbringt der Schweiz, 700 years after the oath at Rütli, your own Magna Carta, die besten Wünsche der Regierung Ihrer Majestät und fügt bei: «700 Jahre freie und unabhängige Existenz zu erreichen, ist ein Triumph.» Der britische Premier spricht hier auch von seinem Land. Die Magna Charta ist die Urkunde englischer Freiheiten von 1215. Er stellt beides in einen bilateralen Zusammenhang: «Mit solch langen demokratischen Traditionen ist es nur natürlich, dass die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern so warm und eng sind.»

Briten mögen augenscheinlich die Schweiz. Dass Major den historischen Bundesbrief von 1291 mit dem literarischen Rütlischwur verwechselt, sei ihm deshalb verziehen. Die Engländer lehren im 19. Jahrhundert den Oberländern das Klettern, schreiben am Genfer See bedeutsame Romane und beschäftigen später in London so viele Dienstmädchen aus der Schweiz, dass die Botschaft 1940 ein Schiff chartern muss, um sie vor deutschen Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Die Liebe ist ziemlich gegenseitig. Das britische Understatement liegt den Schweizern wie auch das betont Eigenständige. Der insulare Charakter hat ja nicht nur ein geografisches, sondern auch ein politisches Moment.

Major, der konservative Politiker, weiss natürlich um diese Einstellung seiner Landsleute. Im März 2016 warnt er im «Telegraph» vor den negativen wirtschaftlichen Folgen eines Brexit. Major betont, auch er liebe sein Land. Give us our country back!, «der Herz erwärmende Slogan» der Brexit-Befürworter, sei aber «eine Illusion», «ein Präludium der Enttäuschung». Das Königreich solle seiner Geschichte treu und ein offenes Land bleiben. Es dürfe Europa nicht den Rücken kehren, sondern müsse dessen Macht für the common good in der Welt stärken.

Major gilt als nüchterner Politiker. Sein Appell ist dem gegenüber beschwörend. Es erstaunt deshalb, dass er nicht auf die englische Sehnsucht nach Souveränität eingeht. Der Brexit-Slogan mag melancholisch sein, die verlorene Grösse unnütz beklagen – aber das ist eben nicht alles: Er bedient auch ein zentrales konservatives Anliegen, den Wunsch nach Aufrechterhaltung eigener Traditionen. Dass sich Major im Diskurs um Herkunft und Identität sehr wohl auskennt, zeigt der Brief, den er 1991 Bundesrat Cotti geschickt hat.

Darin verweist er auf politische Traditionen, die an Überlegungen des deutschen Philosophen und Mathematikers Gottfried Wilhelm Leibniz erinnern. Dieser wichtige Vordenker der Aufklärung betonte im ausgehenden 17. Jahrhundert, dass Glück nur in Gemeinschaften zu erreichen ist. Solidarität ist das berechenbare Prinzip einer Gesellschaft. Es geht also um die Definition der Solidargemeinschaft, um die Integration und Abgrenzung von Entscheidungs- und Verteilungsprozessen in globalen und nationalen Kontexten. Das 13. Jahrhundert zeigt dies sehr schön: Der Bundesbrief von 1291 betont, dass «jeder nach seinem Stand seinem Herren geziemend dienen» und «seinem Richter gehorchen» soll. Und: Die Talschaften sollen «einander Beistand» leisten. Die Magna Charta von 1215 hält dem gegenüber lehensrechtlich fest, dass kein freier Mann ohne gesetzliche Grundlage verhaftet werden darf. Darüber hinaus trotzen die Adligen dem König das Recht ab, seinen Ausgaben zustimmen zu müssen.

Die Magna Charta legt also wesentliche Grundlagen für den konstitutionellen Rechtsstaat auf den Britischen Inseln, während der Bundesbrief inmitten Europas nach aussen einen Bund begründet und nach innen die bestehenden Hierarchien bestätigt. So gesehen geht Major in seiner Gleichsetzung etwas weit. Er vergleicht erfundene Traditionen um einen Beistandsbrief mit einer Urkunde zukunftweisender Freiheiten, welche später auf ganz Europa und Amerika ausstrahlen. Aber auch so zeigt der Vergleich, wie wichtig es ist, alte Geschichten in aktuellen politischen Fragen nicht beiseite zu schieben. Traditionen bekunden ihr eigenes, ungeahnt langes Leben. Auch wenn sie teilweise erfunden sind.

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