Der Kommentar: Eine Gesellschaft entmündigt ihre Kinder: Mit den Gspänli gemeinsam zur Schule laufen? Zu gefährlich, das Kind könnte entführt werden. Auf dem Abenteuerspielplatz durch hohle Baumstämme klettern? Zu riskant, Splitter könnten das Kind verletzen. Im Deutsch-Unterricht Weltliteratur lesen, in denen die jugendliche Sexualität thematisiert wird? Zu unanständig, die Kinder könnten psychischen Schaden nehmen.

Systematisch fallen hierzulande Freiräume für Kinder und Jugendliche weg, entstehen ständig neue Verbote. Und das Bedenklichste ist: Die Interessen der Betroffenen werden dabei nicht berücksichtigt, sie selbst nicht angehört. Chronisch besorgte Eltern, übereifrige Politiker und willfährige Behörden entscheiden über die Köpfe der Kinder hinweg, was gut für sie sein soll.

So auch im Literatur-Sex-Fall an einem Zürcher Gymnasium. Wie jetzt bekannt wird, hat die Staatsanwaltschaft die betroffenen Schüler nicht befragt. Diese meldeten sich gestern mit einem empörten Leserbrief im «Tages-Anzeiger» zu Wort. Und prangern, zu Recht, die «ungeheure Missachtung der Sorgfaltspflicht» an, wie sie bei den «so genannten Ermittlungen gegen unseren Deutschlehrer offenbar wurde».

Die Schüler tun gut daran, ihre Stimme zu erheben. Denn sie rufen in Erinnerung: Auch Kinder und Jugendliche haben eine Meinung, der es Gehör zu schenken gilt. Bei aller Sorge um ihr Wohl darf man eines nicht vergessen – sie zu fragen, was sie denn eigentlich denken und wollen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!