Der Kommentar: Zürich ohne S-Bahn: unvorstellbar. Man wundert sich, dass es erst 25 Jahre her ist, seit die S-Bahn in Betrieb genommen wurde. Die Geschichte der S-Bahn ist ein Lehrstück über die Entwicklung von Projekten in der direkten Demokratie.

Am Anfang stand eine erstaunliche Weitsicht. Bereits in den Fünfzigerjahren, zur Zeit des aufkommenden Autobooms, machte man sich in Kanton und Stadt Zürich grundsätzliche Gedanken über die langfristige Entwicklung der Mobilität. Das war eine Pioniertat. Keine andere Region, auch nicht die SBB, setzten sich damals mit dieser Perspektive auseinander. Kanton und Stadt entwickelten in der Folge ein Projekt für eine U-Bahn mit 158 Stationen. Die Investition sollte rund eine Milliarde Franken betragen. In der politischen Diskussion wurde das Vorhaben weitherum als überrissen beurteilt. In einer Volksabstimmung wurde es 1962 mit 70 Prozent Neinstimmen abgelehnt.

Die Planer liessen sich nicht entmutigen und nahmen einen zweiten Anlauf. Dieses Mal sollte eine schlankere U-Bahn mit einer S-Bahn kombiniert werden. 1973 wurde darüber in Stadt und Kanton abgestimmt. Mit 71 Prozent Ablehnung in der Stadt und 57 Prozent im Kanton wurde auch dieses Projekt beerdigt. Der Katzenjammer war gross und man begann erstmals vom künftigen Verkehrsinfarkt zu sprechen.

Wieder gingen die Planer ans Werk. Zunächst aber sollte über die Finanzierung entschieden werden. Der Kanton schlug vor, einen Verkehrsfonds einzurichten, in den jährlich 40 Millionen Franken einbezahlt werden sollten. Erstmals stimmte nun das Zürchervolk einer Vorlage zur Entwicklung des öffentlichen Verkehrssystems zu. 1983 folgte die Vorlage für die S-Bahn. Mit 75 Prozent Zustimmung wurde der Kredit von 523 Millionen Franken für das Kernprojekt der S-Bahn Zürich angenommen.

Im Rückblick kann man die Weitsicht der Zürcher Behörden nur bewundern. Bei der Entwicklung der ersten Projekte schoss man allerdings weit über das Ziel. Als Faustregel kann man heute davon ausgehen, dass eine U-Bahn nur für Städte mit mindestens einer Million Einwohnern Sinn macht. S-Bahnen, wie wir sie aus Berlin, München oder Paris kennen, haben ihr eigenes Trassee. Auch ein solches System wäre für unsere Verhältnisse wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen. Dank dem Zürchervolk hat sich schliesslich eine verkraftbare Lösung durchgesetzt.

Der Schlüssel zum Erfolg waren zwei Ideen. Zum Ersten die Einsicht, dass es eine gesicherte, langfristige Finanzierung braucht. Die SBB steckten zu dieser Zeit in argen finanziellen Schwierigkeiten. Der Kanton Zürich war sich bewusst, dass er tief in die Schatulle greifen musste, wenn man etwas bewegen wollte. Er war bereit, 80 Prozent der Investitionen zu übernehmen, die restlichen 20 Prozent waren für die SBB verkraftbar. Auch darüber hatte das Zürchervolk das letzte Wort.

Die zweite zündende Idee wurde in enger Zusammenarbeit des Kantons mit den SBB entwickelt. Es galt, mit möglichst wenigen Investitionen im Kernbereich eine grosse, flächendeckende Wirkung zu erzielen. Diese Investitionen waren im Wesentlichen der neue Durchgangsbahnhof Museumsstrasse, der Hirschengrabentunnel, der ausgebaute Bahnhof Stadelhofen und der Zürichbergtunnel. Dazu kam die Einführung der Sihltalbahn in den HB.

Eigene Wege ging der Kanton Zürich auch mit der Organisation des Verbundes aller Verkehrsunternehmungen des öffentlichen Nahverkehrs. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) hat sich bewährt. Er orchestriert mit viel Umsicht die schrittweise Weiterentwicklung der S-Bahn in Zusammenarbeit mit allen involvierten Unternehmungen.

In Zürich stehen nun grundsätzliche Fragen über die Zukunft der S-Bahn an. Wie bei allen Verkehrsinfrastrukturen stellt sich auch hier das Problem von ausgeprägten Verkehrsspitzen, gepaart mit einer tiefen durchschnittlichen Auslastung. Die mittlere Auslastung der Zürcher S-Bahn beträgt gemäss ZVV gerade einmal 20 Prozent. Investitionen zur Absorbierung der Spitzenverkehre sind extrem teuer. Deshalb muss primär versucht werden, die Spitzen zu glätten. Einen originellen Ansatz dafür hat das kapitalistischen Musterland Singapur gewählt. Dort fährt man ausserhalb der Rush-Hour gratis U-Bahn.

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