Macht ist in unserer direkten Demokratie suspekt. Brillante Köpfe wecken hier Misstrauen, wo Mittelmass das Mass aller Dinge ist. Philipp Hildebrand verkörpert Macht und Brillanz in einem. Das setzt in der Schweiz zwangsläufig Gegenkräfte frei. Diese wirken im Moment noch im Hintergrund. Der CEO einer Geschäftsbank nennt Hildebrand im persönlichen Gespräch «blasiert». Ein rechtsbürgerlicher Politiker bezeichnet ihn als «Internationalisten», der von einem Geltungsdrang getrieben sei und in internationalen Gremien mitspielen möchte. Ein Chefökonom hält die Aufblähung der Nationalbank-Bilanz durch den Aufkauf von Fremdwährungen auf 280 Milliarden Franken für «wahnwitzig».

Dass es zurzeit keiner der Kritiker wagt, sich mit Namen zu äussern, ist nur eine Bestätigung für das Gewicht, das Hildebrand hat. Er dominiert alle: den Bundesrat, die Banken, die Debatten. Gestärkt durch die erfolgreiche UBS-Rettung, die mehr das Verdienst der Nationalbank als des Bundesrats war, setzte er sich bei den «Too big to fail»-Regeln gegen die Grossbanken durch. Er nimmt die Banken wegen zu lockerer Hypothekenvergabe an die Kandare. Diese Woche forderte er von der Politik zusätzliche Kompetenzen, um die Aufsicht über die Banken zu verstärken.

Und dann war da sein Powerplay-Auftritt im Bundesrat, bei dem er energisch lobbyierte für eine 16-Milliarden-Franken-Beteiligung der Schweiz am Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) für Krisenstaaten. Die Reaktion der Bundesräte auf diesen Auftritt sagt alles: Hildebrands Worte fuhren ihnen derart in die Knochen, dass sie ausschwärmten, um ihre Parteien zu bearbeiten, das Geld für die IWF-Kreditlinie zu bewilligen – allerdings ohne Erfolg.

Ist Hildebrands Stärke ein Problem? Vereinigt da einer allzu viel Macht in einer Person? Erst einmal sollte die Schweiz froh sein, eine solche Persönlichkeit an dieser Stelle zu haben. Dann aber stellt sich schon die Frage: Wer kontrolliert eigentlich Hildebrand? Formell ist es der Bankrat, dessen Präsident ein gewisser Hansueli Raggenbass ist, ein Anwalt mit Kanzlei im Thurgau. Ist das der starke Counterpart für das Schwergewicht Hildebrand?

Auch der beste Chef kann Fehler machen. Und wenn die Nationalbank Fehler macht, wird das schnell teuer. 20 Milliarden Franken Verlust hat sie auf ihren riesigen Devisenreserven bereits eingefahren. Hildebrand kompensiert diesen Verlust nun zum Teil, indem er Gold verkauft. Vielleicht ist das richtig – hoffentlich ist es richtig. Das wird man erst später sehen.

Es ist gut zu wissen, einen brillanten Mann an der Spitze der Nationalbank zu haben. Doch wie viel Verantwortung da in den Händen einer Person liegt – das ist auch ein bisschen unheimlich.

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