Zu Besuch beim «Erzieher der Nation»

Als Journalist hat man das Privileg, spannende Menschen zu treffen. Oft haben diese Einfluss, darum kommen sie in der Zeitung. Oft aber glauben sie – oder wir Journalisten – das bloss. Diese Woche trafen wir einen Mann, der tatsächlich Einfluss hat, auch wenn er ihn herunterspielt: den Zürcher Kinderarzt Remo Largo, Bestsellerautor und «Anwalt der Kinder», wie ihn die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» nannte.

Sein Buch «Babyjahre», 1993 erstmals erschienen, hat sich mehr als eine Million Mal verkauft. Es ist kaum übertrieben, daraus abzuleiten, dass Remo Largo die Erziehung von mehreren Millionen Kindern beeinflusst hat. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass junge Eltern die Ratschläge in dem Buch sehr wohl befolgen oder zumindest ausprobieren. Nicht zuletzt dank Largo hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass man schreiende Babys beruhigen sollte – früher dachten viele Eltern, dass man sie besser schreien lasse, da die Kleinen sonst verwöhnt würden.
Jetzt legt der «Erzieher der Nation» ein neues Buch vor:

«Jugendjahre». Er widmet sich einer Altersgruppe, die in den Medien meistens dann vorkommt, wenn sie Probleme macht. Man brauchte nur die Zeitungen dieser Woche zu lesen: Gleich zwei Studien zur Jugendgewalt machten Schlagzeilen, zudem erschienen Artikel über Hooligans, die oft sehr jung sind. Auch «Der Sonntag» greift diese Themen heute auf.

Für Remo Largo sind die Jugendlichen viel besser als ihr Ruf. «Wenn ich die letzten 40 Jahre anschaue, haben sie enorme Fortschritte gemacht. Sie sind heutzutage sehr viel mehr bei sich selbst und weniger fremdbestimmt», sagt er. Diese Worte von einem Mann zu hören, der Kinder und Jugendliche von Berufs wegen seit Jahr-
zehnten beobachtet, ist eine gute Nachricht.

Unterhält man sich mit Remo Largo, wird man als Vater auch mal nachdenklich. Etwa wenn er sagt: «Eltern haben 12 Jahre Zeit, ihr Kind zu erziehen. Danach können sie nur hoffen, dass sie ihre Sache gut gemacht haben.» 12 Jahre – die sind schnell
vorbei.

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