Es ist nicht der erste islamistische Anschlag in Europa. Jedes Mal hören wir die Appelle aus Politik und Zivilgesellschaft: Wir dürfen uns von den Terroristen nicht einschüchtern, unsere Werte nicht kaputtmachen lassen – sonst haben die Fundamentalisten gewonnen. Diese Appelle sind richtig, man kann sie nur bekräftigen und wiederholen. Doch mit jedem Anschlag sehen wir, dass der islamistische Schrecken nicht vorbei geht. Sondern immer und immer wieder kommt. Die Welt ist im Kampf gegen diese Hydra keinen Schritt weitergekommen, so scheint es. Und man fragt sich mit Bange: Wo schlagen die Attentäter beim nächsten Mal zu?

Es sind schwierige und unbequeme Fragen, mit denen sich die Weltpolitik, die Staaten und die ganze Gesellschaft werden befassen müssen:

1. Welches ist die richtige Balance zwischen Freiheit und Sicherheit?
Es ist unschwer vorauszusagen, dass die (vermeintlichen) Fürsprecher von mehr Sicherheit Aufwind bekommen. Mehr Staatsmacht, mehr Überwachung und Einschränkung von Bürgerrechten: Das war schon die Reaktion auf 9/11. Die Sicherheit hat das nicht wirklich verbessert, die Freiheit aber hat Schaden genommen. Gestern wurde in Paris publik, dass ein Terrorist dem Geheimdienst bekannt war – das hat die Tat nicht verhindert. Die Geschichte Europas zeigt, dass wir gut fahren, wenn wir nicht vorschnell Freiheitsrechte opfern.

2. Wie geht unsere Gesellschaft mit dem Islam und mit dem Flüchtlingszustrom aus arabischen Ländern um?
Diese Frage einen Tag nach Paris zu stellen, mag provokativ sein, aber sie auszublenden, wäre falsch. Die Anschläge des Islamischen Staats (IS) fallen in eine Zeit, wo viele Menschen aus muslimischen Ländern nach Europa fliehen. Zuallererst: Wir dürfen diese Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen, Opfer und Täter nicht verwechseln. Die meisten Asylbewerber aus Syrien und dem Irak fliehen vor dem IS, also vor denselben Unmenschen, die in Paris getötet haben. Zugleich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in Europa eine zum Teil naive Asyl- und Grenzpolitik betrieben wird und dass potenzielle Islamisten leichtes Spiel haben, sich einzuschleusen. Toleranz darf nicht in Naivität münden. Das gilt auch für den Umgang mit den Menschen, wenn sie einmal da sind und da bleiben. Fundamentalismus hat hier keinen Platz.

3. Wie können die Ursachen des Terrorismus bekämpft werden?
Das ist letztlich das zentrale Problem. Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei weist in unserem Interview darauf hin, dass der IS seinen Ursprung in der fehlgeschlagenen Irak-Politik des Westens habe. Der IS breitet sich im Irak und in Syrien aus, wo er seine Kämpfer ausbildet, die er aus über 100 Ländern rekrutiert. ElBaradei ist sicher: Weder die USA noch Russland noch sonst eine Militärmacht kann den IS mit Luftschlägen besiegen – dazu bräuchte es Bodentruppen. Der «Erfolg» des IS ist auch eine Folge des Versagens der internationalen Staatengemeinschaft im Nahen Osten. Solange die Regierungen dort nur ihre Eigeninteressen verfolgen, wird das Blutvergiessen weitergehen – jeden Tag in Syrien, im Irak, in Libyen und anderen Ländern. Und immer wieder auch bei uns, in Europa.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper