Es ist Donnerstagabend, sechs Uhr. Die Republikaner von Salt Lake County haben zum Parteitreffen gerufen in Sandy, 40 Minuten Autofahrt südlich von Salt Lake City. Treffpunkt ist die Jordan Highschool nach Schulschluss. Gerade ist das Football-Training unter der übergrossen US-Flagge vorbei, und auch die jungen Gymnastikerinnen gehen nach Hause. Die ersten Kandidaten treffen ein, und stellen in der Eingangshalle ihre Stände auf. Mit T-Shirts, Stickers, Minzbonbons. Und grossen Namensschildern mit Pfahl. „Die Schilder sind am wichtigsten“, sagt ein Kandidat. „Wahlkampf-Experten haben uns vorgerechnet, dass ein Schild im Garten fünf bis zehn Stimmen ausmachen kann.“ Viele Politaspiranten haben heute bis zu 350 Schilder mitgebracht, in der Hoffnung, ohne Schilder nach Hause zu fahren.

Diese Treffen finden einmal pro Quartal statt. Aber der heutige Anlass ist besonders wichtig. Denn es stehen Wahlen an. Nicht nur auf Bundesebene, sondern auch im Staat Utah und in der politischen Gemeinde. Für viele Kandidaten ist das die ideale und wohl auch einzige Plattform, um sich vor grossem Publikum präsentieren und profilieren zu können. Wenn auch nur etwa dreihundert der achthundert Parteimitglieder auftauchen. Der Grund ist klar. „Heute Abend läuft ein wichtiges Footballspiel“, sagt die Parteivorsitzende Julie Dole. Selbstverständlich wird das Zwischenresultat während der Sitzung später bekanntgegeben.

Die Leute sind hier unter sich, man teilt die politische Einstellung. Präsident Obama wird nicht über den Weg getraut. Im Gegensatz zu seinem Gegner. „Unsere Mitglieder feiern Mitt Romney wie einen Sportstar“, sagt Dole. „Daran wird auch die Geschichte um seine Aussage zu den 47 Prozent nichts ausmachen.“ Welche Themen bewegen denn die Parteimitglieder am meisten? Obamacare? Das Haushaltsdefizit? Utahs Arbeitslosenquote von 5,8 Prozent? „Nein, in den sozialen Netzwerken, die ich beobachte, sprechen unsere Mitglieder vor allem über Barack Obamas Religion“, sagt Julie Dole. „Sie glauben, dass er Muslim sei, und nicht in Amerika geboren ist. Sie wollen ihn so schnell wie möglich aus dem Weissen Haus haben.“

Verschwörungstheorien
Das sind die einzigen Themen? „Nein. Viele stört es auch, dass er bei seinen Auftritten wenige oder gar keine amerikanische Flaggen aufstellen lässt. Und manche diskutieren über muslimische Symbole, die auf einigen Flaggen versteckt sein sollen“, sagt Dole. Rassismus habe sie aber noch nie ausgemacht.

Dieses Jahr darf Utah erstmals vier, statt nur drei Kongressmitglieder stellen. In früheren Jahren wurden die vielen Mormonen, die im Ausland missionieren, bei der Volkszählung nicht berücksichtigt. Ein Kongresskandidat ist an diesem Abend auch anwesend, Christ Stewart. Ein Mormone, wie auch die anderen 60 Prozent der Parteimitglieder. „Das ist ein historischer Moment für unser Land, ein Wendepunkt“, sagt Stewart.

„Wir müssen unsere Ausgaben endlich in den Griff bekommen. So wie die Schweiz, sie ist ein vorbildhaftes Land. Und wunderschön.“ An seinem Stand wirbt Stewart mit einem Foto, auf dem man den Politiker fast nicht wieder erkennt. Entweder ist es mindestens zehn Jahre alt, oder dann wurde mit Photoshop kräftig nachgeholfen, das Haar blondiert und Falten ausgebügelt. Auf der Rückseite des Flyers macht Stewart den Wählern klar, was ihn auszeichnet: Leadership. Vision. Courage. Schliesslich diente er 14 Jahre lang als Pilot in der Air Force. Das kommt immer gut an.

Mehr Farbe nötig
Auch Mia Love kandidiert für den Kongress und hat ihren eigenen Stand vor Ort, ist persönlich aber nicht anwesend. Love gilt bei den Republikanern als aufstrebender Star. Ihr kam sogar die Ehre zuteil, am Parteitag in Tampa, Florida, eine Rede zu halten. Die 36-jährige Afroamerikanerin und Mormonin kann sich auf den öffentlichen Support von Mitt Romney, Paul Ryan, John McCain und Condoleezza Rice verlassen. „Sie sind alle nach Utah gekommen, um ihre Kandidatur zu unterstützen“, sagt Loves Wahlkampfhelfer. Kein Wunder. Denn die Republikaner gelten noch immer als Partei der alten, weissen Männer. Love würde ihnen guttun. Sie wäre die erste schwarze Kongressabgeordnete in DC für die konservative Partei.

Dave Stanworth, etwa vierzig Jahre alt, will sich heute Abend ein Bild von den verschiedenen Kandidaten machen. Auch er ist nicht gut auf Präsident Obama anzusprechen: „Er glaubt, man könne alle Probleme mit mehr Geld lösen.“ Dass der Präsident die Autoindustrie und die bankrotten Banken gerettet hat, passt Dave gar nicht. „Wir sind eine kapitalistische Gesellschaft. Erfolg entsteht durch Misserfolg. Der Staat ist nicht für das Schicksal von Detroit und Wall Street verantwortlich.“

Lucinda Lundgren ist 57 Jahre alt. Sie macht sich vor allem um die Zeit nach Ihrer Pensionierung grosse Sorgen. „Ich weiss nicht, ob ich als Rentnerin mein Geld erhalten werde. Medicare oder Medicaid, ich weiss nicht genau wie es heisst.“ Obama haltet sie für einen Schönredner, mehr nicht.

Mitt Romney glaubt an Amerika
Claudia Higgenson unterstützt ihren Bruder Andres Peredes bei seiner Kandidatur für den Kongress in Salt Lake Citay. Die Geschwister sind Immigranten aus Peru. „Mein Bruder wäre der erste hispanische, republikanische Politiker auf diesem Niveau in Utah.“ Claude bezeichnet Obama als „unehrliche Person“. Die Idee, alle gleichzusetzen, so wie das der Präsident wolle, mache für sie absolut keinen Sinn.

Pamela, etwa Mitte vierzig, steht auch modisch für den Republikanischen Präsidentschaftskandidaten ein. „Mitt Romney. Believe in America“ steht auf ihrem T-Shirt. Sie sei überhaupt nicht einverstanden mit der Haltung des Präsidenten, der die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützt. „Und er ist für Abtreibung!“ Als Mormonin sei es ihr enorm wichtig, dass der Präsident ihre religiösen Überzeugungen teile.

Das Rentner-Ehepaar William und Alice McGowan hofft sehr auf einen Sieg Mitt Romneys. „Obama schwächt das Land“, sagt William. „Er verschlechterte die Beziehung zu Israel und Polen. Und das Schlimmste ist Obamacare.“ Die Gesundheitsreform werde dem Land das Genick brechen, befürchtet William. Glauben er und seine Frau denn auch an die Verschwörungstheorien? „Ja. Ich glaube, dass Obama nicht in den USA geboren wurde, sondern in Kenia. Und ich bin mir sicher, dass er Muslim ist“, sagt Alice. „Es ist ja kein Zufall, dass man fast nichts über seine Jugend erfährt. Und ich habe ein Video gesehen, in dem er selber sagte, er sei Muslim.“ Und was ist mit der 47-Prozent-Aussage, mit der Romney die Hälfte des Landes beleidigt hat? „Alles, was Romney sagte, stimmt“, ist sich William sicher. „Das hat auch Bill O’Reilly gesagt in den Nachrichten. Ich glaube das war auf Fox News.“ Der Fernsehsender Fox News betreibt auf extreme Art und Weise rechte Propaganda, bezeichnet seine Nachrichten aber stets als „fair and balanced“.

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