Ein Ärgernis ist nicht nur die viel zu lange Verfahrensdauer. Hinzu kommen überfüllte Zentren, die Zweifel an der Organisationsfähigkeit der Behörden aufkommen lassen. Prügelnde und urinierende Asylbewerber mögen Einzelfälle sein, doch sie heizen die Stimmung zusätzlich an. Der Fall Bettwil hat gezeigt, wie sehr es in der Bevölkerung beim Thema Asyl brodelt. Der geschasste Direktor des Bundesamts für Migration, Alard du Bois-Reymond, fand in der «NZZ am Sonntag» drastische Worte: «Das Asylwesen ist krank.»

Der Kernsatz der Schweizer Asylpolitik, die sich nach der Genfer Flüchtlingskonvention orientiert, lautet: «Wer in seinem Heimatstaat nach den völkerrechtlich anerkannten Kriterien bedroht oder verfolgt wird, erhält in der Schweiz Asyl.» Jeder hat das Recht, ein Asylgesuch zu stellen. Und die Schweiz hat das Recht, es abzulehnen. Entscheidend ist, dass unter dem jetzigen Asyl-Chaos nicht jene leiden, die unseren Schutz benötigen. Die humanitäre Tradition muss bewahrt werden.

Die Justizministerin verkennt diese Lage. Bei Radio DRS sagte Simonetta Sommaruga, es herrsche «keine Notsituation in der Asylpolitik». Vielleicht nicht im juristischen Sinne, aber so wird es nun mal wahrgenommen. Mit ihrer passiven Haltung spielt sie jenen Kräften in die Hände, die mit der Parole «Macht die Grenzen dicht» zusätzlich Öl ins Feuer giessen. Sommaruga lässt die nötige Führung vermissen. Das schadet am Ende den wahren Flüchtlingen.

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