Der Kommentar: Zuerst waren die Medien am Wahldebakel schuld («unfair und nicht an Themen interessiert»). Dann der Kandidat («blass, keine Frau»). Schliesslich wurden SVP, CVP und GLP beschuldigt, die dem Freisinn die Gefolgschaft versagten. Überall, nur nicht bei sich selbst, suchte die Zürcher FDP nach Gründen für Marco Camins Nichtwahl.

1. Die Medien sind nicht für Parteipropaganda zuständig, das gilt heute im Fall der FDP auch für die NZZ. 2. Der Kandidat war tatsächlich blass und keine Frau; es hätte Alternativen gegeben, deren Wahl allerdings ebenso unsicher gewesen wäre. 3. Mal abgesehen von der SVP, verweigerten sich die anderen Parteien Camin nicht nur, sondern im Gegenteil: sie wählten Wolff. Warum? 4. Weil der AL-Kandidat ein Programm hatte. Und kaum ein Stadtzürcher wirklich wusste, warum er freisinnig wählen sollte.

Wenn die Jugend in Zürich, aber auch in Bern, tanzend gegen die Reglementierungswut rot-grüner Politiker aufbegehrt, was tut die FDP dann, selbst wenn die Proteste friedlich verlaufen? Mit «Law and Order»-Parolen antworten. Was gäbe es neben Parkplätzen und Autospuren nicht alles für wirklich wichtige freisinnige Themen: Hanfliberalisierung, gleichgeschlechtliche Ehe, Vereinbarkeit von Kindern und Karriere, den Kampf gegen den Überwachungsstaat, für ein freies Internet. Die Linken haben schon längst erkannt, dass Städte das Labor sind für progressive Ideen, die dereinst das ganze Land prägen werden. Warum der Freisinn nicht?

Eine Partei ohne liberales Programm braucht Zürich nicht. Eine liberale Partei ganz dringend.

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