Der Wirbel um den Händedruck-Dispens in Therwil zeigt zumindest: Es gibt in unserer Gesellschaft ein Bedürfnis nach allgemeingültigen Normen. Man will in staatlichen Sphären wie der Schule kein «anything goes». Die Handschlag-Debatte ist eine Stellvertreter-Debatte. Es geht um mehr: Wie weit sollen sich Angehörige fremder Kulturen und Religionen der unsrigen anpassen? Und wie viel beidseitige Toleranz ist richtig?

Den Begriff Leitkultur hat der deutsch-syrische Politikwissenschafter Bassam Tibi 1998 eingeführt. In seinem Buch «Europa ohne Identität?» erklärt Tibi die Notwendigkeit einer europäischen Leitkultur. Diese müsse auf westlichen Wertvorstellungen beruhen und sei nötig, damit sich Einwanderer integrieren könnten. Denn Identität entstehe nicht durch ethnische Abstammung, sondern durch gemeinsame Werte.

Zwei Jahre später machte der Begriff in Deutschland Karriere. Der damalige CDU-Fraktionschef Friedrich Merz sprach von einer «deutschen Leitkultur», an die sich Einwanderer zu halten hätten, und warnte vor zu viel Multikulturalismus und vor Parallelgesellschaften. Das war ein Tabubruch. Die Äusserungen von Merz waren damals politisch unkorrekt und trugen zu seinem Abstieg bei. Dennoch wurde der Begriff Leitkultur Jahre später in die Parteiprogramme von CDU und CSU aufgenommen. Heute, in Zeiten von Molenbeek, Köln und Flüchtlingsströmen, ist Merz’ Haltung in der politischen Mitte und links davon angekommen.

Es ist die wachsende Bedeutung des Islam in Europa, die unsere Gesellschaft zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zwingt – und zu dieser gehört, das realisiert man wieder stärker, auch das Religiöse. Europa wurde zu dem, was es ist, dank Philosophen der Antike, der französischen Aufklärung, dem Humanismus und eben auch einer christlich-jüdischen Kultur, in der über die Widersprüche zwischen Religion und Vernunft nachgedacht wird. All das ist so selbstverständlich geworden, dass wir es beinahe vergessen hätten.

Es ist ein Fortschritt, dass die Schule heute nicht mehr konfessionell, sondern neutral ist. Vielerorts, so scheint es, ist sie aber statt wertneutral eher wertfrei und manchmal auch geschichtsvergessen – etwa, wenn keine Krippenspiele mehr durchgeführt werden. Das Verheerende daran: Mit dem Wissen geht auch die Kompetenz verloren, Konflikte wie die Handschlag-Verweigerung zu bewältigen. Das zeigt der Fall Therwil: Der Dispens ist keine Lösung, sondern eine Ausflucht. Darum wollte man auch nicht, dass er publik wird (er wurde es erst durch die «Schweiz am Sonntag»). Aus den Augen, aus dem Sinn. In einer multikulturellen Gesellschaft kann man sich aber nicht aus dem Weg gehen. Es sei denn, man nimmt in Kauf, dass früher oder später Ghettos wie in Belgien und Frankreich entstehen.

Ob wir dem, was wir wollen, Leitkultur sagen oder nicht, ist unerheblich. Entscheidend ist etwas anderes: Dass wir wissen, was wir zu verlieren haben.

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