WIR JAMMERN AUF HOHEM NIVEAU

Neulich am Bahnhof in Baden. Zwischen zwei Passagieren spielt sich dieser Dialog ab: «Wie geht es dir?» – «Schlecht» – «Warum?» – «Ich arbeite mehr und verdiene weniger». Wir Schweizer jammern gerne auf hohem Niveau. In der Eurozone liegt die Arbeitslosigkeit im Durchschnitt bei10 Prozent, in der Schweiz sind es aktuell 3,6 Prozent. Und welche Gewerkschaft schaut schon mit «Zufriedenheit» auf eine Lohnrunde zurück? Richtig: Travail Suisse. Zum Jahresbeginn steigen die Löhne der Arbeitnehmer um 1,5 bis 2,5 Prozent. Zieht man die Teuerung ab, bleiben im Portemonnaie zwischen 0,9 und 1,9 Prozent mehr Geld zurück. Das ist gewiss nicht der grosse Reibach. Trotzdem kann festgehalten werden, dass sich die Wirtschaft rascher als erwartet von der Krise erholt hat.

Alles im lot? Nur bedingt. Auch 2010 verloren in der Schweiz Hunderte Menschen ihren Job. Davon betroffen waren unter anderem Banken, Pharmaindustrie und die Medienbranche. So hat denn auch das jetzt veröffentlichte Sorgenbarometer des Forschungsinstituts GfS Bern einen klaren Spitzenreiter – die Angst vor Arbeitslosigkeit. «Der Sonntag» macht heute Hoffnung und zeigt, wer im nächsten Jahr die Job-Macher im Land sind. Es ist allen voran der Discounter Lidl mit bis zu 400 neuen Stellen. Vor genau einem Jahr brandmarkte Migros-Chef Herbert Bolliger den deutschen Konkurrenten in dieser Zeitung. Dessen Preiskampf sei «übel und brutal» und «der volkswirtschaftliche Schaden enorm». Ganz unaufgeregt lässt sich heute feststellen, dass Lidl mit den neuen Jobs seinen Teil zur Volkswirtschaft beiträgt.

Die Euro-Krise und ihre Auswirkungen bleiben jedoch die grosse Unbekannte für das neue Jahr. Stossend ist, dass die Schweizer Banken kräftig von dieser Krise profitieren. Die Wetten gegen den Euro verstärken die Währungsschwankungen – und daran verdienen UBS, CS und ZKB. «Mich beunruhigt, dass die Spekulation gegen den Euro langsam zu einem Massenphänomen wird», sagt der frühere Nationalbank-Vize Niklaus Blattner. Oder wie es Post-Chef Jürg Bucher im grossen Interview formuliert: «Uns darf in der Schweiz nicht egal sein, was in Europa passiert». Dass Unternehmen hierzulande nun mindestens 1300 neue Stellen schaffen, stimmt mich trotzdem zuversichtlich für 2011.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!

Artboard 1