Wie wichtig sind diese Präsidentschaftswahlen für die Mormonen?
Michael Otterson: So komisch es klingen mag, aber nicht sehr wichtig. Unsere Mission ist es, den Gospel zu predigen. Das machen wir in 170 Ländern, nicht nur in den USA. Unsere Mitglieder konzentrieren sich auf diese Ausgabe. Aber die mediale Aufmerksamkeit ist in den letzten Monaten natürlich riesig, auch wenn wir immer wieder betonen, dass wir politisch neutral sind.
Politik ist der Kirche egal?
Nein, wir ermutigen unsere Mitglieder, gute Bürger zu sein und wählen zu gehen. In den vergangenen Jahren waren wir etwas über die Wahlbeteiligung besorgt, weil sie in Utah konstant abnahm. Nicht nur unter den Mormonen. Nach unserem Aufruf an die Kirchenmitglieder nahm die Beteiligung bei den letzten Vorwahlen aber wieder stark zu.
Hat Mitt Romney dem Image der Kirche geholfen?
Der Glaube und die Werte unserer Kirche sind enorm ins Zentrum gerückt. Ob uns das hilft oder nicht, lässt sich noch nicht beurteilen. Es geht aber nicht darum, ob die Leute über uns sprechen, sondern ob sie Richtiges oder Falsches über uns sagen. Früher wurde unsere Religion oft in 30 Sekunden am Fernseher zusammengefasst. Das hat sich geändert. In den Vorwahlen wurden viele tiefgreifende Vergleiche zu anderen Religionen angestellt. Jetzt kommen Journalisten zu uns, die wohl seit Jahren nicht mehr in der Kirche waren, und wollen an einem Gottesdienst von uns teilnehmen.
Mit welchem Resultat?
Die meisten sagen, das ist ja ziemlich normal. (lacht) Sie erkennen vor allem den Wert der Gemeinde in unserer Religion. Wir helfen einander, und sorgen füreinander. Die meisten Journalisten haben das endlich kapiert und schreiben darüber. Jetzt haben wir Diskussionen, die wir schon vor vielen Jahren hätten führen sollen.
Trotzdem glauben viele Leute zum Teil immer noch immer, dass Mormonen Polygamie betreiben, was aber seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr praktiziert wird.
Das braucht viel Zeit. In Amerika wissen aber die meisten, dass dies ein Kapitel aus dem 19. Jahrhundert ist. Ich denke auch, dass das die meisten Europäer wissen. Irgendwann wird dieses Vorurteil ganz verschwinden.
Wie oft spricht Ihre Kirche mit Mitt Romney?
Sehr, sehr selten. Wir haben keine einzige Verbindung mit seiner Kampagne. Wir geben ihm auch keine Ratschläge. 2002, während den Olympischen Spielen in Salt Lake City, die er organisierte, haben wir natürlich viel mit ihm gesprochen und ihn einige Male getroffen. Aber jetzt ist nicht die Zeit für die Kirche, um mit dem Präsidentschaftskandidaten zu sprechen. Da sind wir sehr strikt.
Ruft Romney den aktuellen Propheten der Kirche, Thomas S. Monson, manchmal an, für spirituelle Ratschläge?
Das wüsste ich nicht, aber das kann ich mir absolut nicht vorstellen.
Welchen Eindruck machte Mitt Romney auf Sie während den Olympischen Spielen?
Einen sehr fähigen. Er ist ein Meister darin, falsche Entwicklungen umzudrehen, Probleme zu lösen. Das war bei den Olympischen Spielen nötig. Das hat die ganze Gemeinde erkannt.
Mitt Romney verunglimpfte kürzlich 47 Prozent der Bevölkerung, in dem er sie praktisch als Schmarotzer bezeichnete. Sehen Sie das auch so?
Das ist eine politische Frage, darüber möchte ich mich nicht äussern. Vielleicht haben Sie auch schon bemerkt, dass ich seinen Namen nicht nenne. Wir möchten nicht Teil der politischen Debatte sein. Uns geht es um religiöse Fragen.
Haben Sie denn Verständnis für die Ausschreitungen in muslimischen Ländern aufgrund des amerikanischen Videos, das den Propheten Mohammed verspottet?
Wir glauben an religiöse Toleranz. Aber es ist schon etwas komisch, dass die liberalen Medien jetzt Kritik üben für die Verunglimpfung des Islams. Wenn unser Prophet verspottet wird, sagen sie nie etwas. Das scheint in Ordnung zu sein. Da gibt es eine Doppelmoral. Wir versuchen einfach, nicht nur tolerant, sondern auch vernünftig zu handeln.
Sie denken an das erfolgreiche Broadway-Musical „The Book of Mormonen“, das Ihre Kirche auf die Schippe nimmt.
Genau. Das ist ein extrem frevlerisches Stück, es ist schrecklich. Ich habe es nicht gesehen, aber genug darüber gelesen. Enorm viele Kraftausdrücke kommen darin vor. Unsere Antwort lautete so: Das Musical unterhält Sie vielleicht für einen Abend, aber das Buch Mormon wird Ihr Leben für immer verändern. Das war ein sehr edler Weg.
Wo wächst Ihre Kirche in den Staaten am stärksten?
In den Berg-Regionen im Westen, wie Idaho, Utah, Arizona, Colorado, Nevada. Auch in Washington, Philadelphia, Boston. Und in Florida und Texas. Also eigentlich fast überall. Jährlich kommen weltweit 400000 neue Mitglieder hinzu, die Hälfte davon in den USA. Ein Drittel davon ist auf natürliches Wachstum zurückzuführen, also Geburten. Mormonische Familien haben überdurchschnittlich viele Kinder.
Weshalb?
Wir lieben Kinder. Das sieht man auch im Gottesdienst. Dort sind immer viele Kinder und Babys. Deshalb ist es immer etwas lauter als in anderen Kirchen (lacht).
Wie gut läuft es Ihrer Kirche in der Schweiz?
Nordeuropa ist sicher keine Wachstumsregion für uns. In Lateinamerika, Afrika oder in den Philippinen jedoch sind die Menschen gegenüber Religionen sehr viel offener. Und dort wachsen wir sehr stark.
Wie selbstkritisch ist Ihre Kirche?
Ich weiss nicht, wie ich diese Frage beantworten soll.
Die „Salt Lake Tribune“ forderte diese Woche von Ihnen, dass sich die Kirche dafür entschuldigen soll, dass Schwarze bis 1978 nicht Priester werden durften.
Ich beurteile Selbstkritik anders. Als Mormonen sind wir von Grund auf selbstkritisch. Wir versuchen uns ständig zu verbessern als Mensch. Aber als Kirche, als Institution, sind wir nicht selbstkritisch.
Vor einigen Jahren mussten Sie auf Druck der jüdischen Gemeinschaft die Praxis aufgeben, bereits verstorbene Juden zu taufen.
Im Laufe der ganzen Geschichte ist das ein äusserst winziges, isoliertes Problem, das mittlerweile gelöst ist. Es war vor allem ein Missverständnis.
In San Francisco, bei der Schwulen- und Lesbengemeinde, sind die Mormonen alles andere als beliebt, weil Ihre Kirche sich 2008 stark für das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe engagiert hat. Da waren Sie politisch nicht neutral.
Auch hier gibt es grosse Missverständnisse. Wir haben keine Partei unterstützt. Es ging um ein moralisches Thema, bei dem sich die Kirche verpflichtet fühlte, sich zu äussern. Die Familie ist bei uns zentral und ein fundamentaler Teil von Gottes Plan. Und alles, was das Konzept der Familie erodiert, ist nicht Gottes Wille.
Präsident Obama ist nicht auf Ihrer Seite.
Ja, das ist interessant. Das ist seine Entscheidung.
Es gibt kirchennahe Organisationen in Utah, die Homosexuelle auf die heterosexuellen Bahnen zurückbringen wollen. Glauben Sie an Homosexualität?
Natürlich existiert Homosexualität. Wir haben schwule Kirchenmitglieder. Es steht ausser Frage, dass man sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen kann. Das ist keine Sünde aus unserer Sicht. Aber wir predigen, dass die einzige akzeptable sexuelle Beziehung nur zwischen einem verheiraten Mann und seiner Frau bestehen kann. Unsere schwulen Mitglieder bleiben lieber Single, als gegen die Prinzipien der Kirche zu verstossen. Aber das ist ein sehr sensibles Thema.
Glauben Sie, schwule Partner können glücklich sein?
Sicher.
Aber nicht für die Ewigkeit?
(nickt)
Sie glauben also, Schwule und Lesben, die Sex haben, kommen in die Hölle?
Wir glauben nicht an die Hölle im eigentlichen Sinn. Wir wollen nicht über Menschen richten, das macht Gott.
Ist die Rolle des Mannes in Ihrer Kirche jener der Frau übergeordnet?
Nicht übergeordnet. Aber anders. Die Frau hat eine fürsorgliche Rolle, der Mann eine versorgende.
Es gibt keine Frau in Autoritätspositionen in Ihrer Kirche.
Es gibt viele Frauen bei uns in Autoritätspositionen, aber nicht in den obersten. Eine Frau muss nicht Priesterin sein, um in Gottes Augen gleichwertig zu dienen wie ein Mann.
Die Kirche hat grossen Einfluss auf die Salt Lake City. Kürzlich haben Sie direkt neben dem Tempel ein riesiges Shoppingcenter für knapp zwei Milliarden Dollar gebaut. Weshalb?
Wir eröffneten das Center nicht, um Profit zu machen. Der Kirche ist es wichtig, dass die Innenstadt attraktiv bleibt. Es gab hier früher alte Shoppingcenter, die heruntergekommen waren. Wir fühlten uns der Stadt gegenüber verpflichtet etwas zu unternehmen. Mormonen haben Salt Lake City gegründet. Obwohl wir mittlerweile hier eine Minderheit sind.
In Utah leben 60 bis 70 Prozent Mormonen.
Ja, aber mittlerweile vor allem in den Vorstädten, weniger in Salt Lake City. Das Stadtleben ist nicht ideal für Grossfamilien mit kleinen Kindern.
Wurde die Stadt für Ihre Mitglieder zu sündhaft wegen der grossen Schwulen- und Lesbengemeinde, die hier entstanden ist?
So würde ich das nie sagen. Die Stadt wurde diverser.
Ich habe gehört, dass Schwule und Lesben in Ihrem Einkaufscenter nicht Händchen halten und sich nicht küssen dürfen.
Das stimmt nicht, das ist lächerlich. Sie hätten Ihre Reise wirklich nicht in San Francisco beginnen sollen (lacht).