Der Kommentar: Altersthemen sind im Trend. Sei es die Frage nach der Finanzierung der Altersrenten und Gesundheitskosten, dem Bau von altersgerechten Wohnungen und teuren Pflegeheimen, Altersguillotinen und dergleichen mehr. In der öffentlichen Diskussion erscheint die Seniorengeneration dabei oft in einem negativen Licht. Leider werde das Alter schlechtgeredet, stellt die 39-jährige aargauische Ständerätin Pascale Bruderer fest.

Die steigende Lebenserwartung sei eine zivilisatorische Errungenschaft, sagt der emeritierte Soziologieprofessor Peter Gross. Die Behauptung, dass die Jungen für die Alten zahlten, sei Unfug. Wenn die Pensionäre in einen Steuerstreik träten, würde das ganze Land lahmgelegt. Dieses Geld fliesse zum Beispiel in die Bildung der jüngeren Generation. Gesellschaften mit vielen älteren Personen seien friedlicher und wirtschaftlich erfolgreicher.

Die Überalterung sei gar kein Problem, sondern unser Glück, erklärt Ökonomieprofessor Reiner Eichenberger von der Universität Freiburg. Die Menschen würden nicht älter, weil sie immer kranker würden, sondern weil sie länger gesund blieben. Überalterung hiesse mehr gesunde Lebensjahre und grösseres Produktionspotenzial. Der richtige Ansatz sei der liberale: Altersarbeit solle weder durch eine Erhöhung des offiziellen Rentenalters verordnet noch durch irgendwelche Subventionen gefördert werden. Die AHV-Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge zum Beispiel seien für viele Alten reine zusätzliche Steuern, weil sie nicht mehr rentenerhöhend wirkten.

Trotz akutem Fachkräftemangel leisten es sich aber Unternehmungen, gut qualifizierte und arbeitswillige Senioren nicht mehr weiter zu beschäftigen. Natürlich sind diese Jobs altersgerecht zu gestalten. Dazu müssten sich aber Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Politiker etwas bewegen.

Die Parlamente verjüngen? Dabei ist das Durchschnittsalter der Neugewählten zum Beispiel im aargauischen Grossen Rat von 2009 auf 2012 bereits um fast 5 Jahre gesunken. Oder gar Stimmrecht ab Geburt fordert die Denkfabrik Avenir Suisse. Die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr will die Stimmabstinenz der Jungen mit 2 Stimmen pro 18- bis 40-Jährigen belohnen. Der abgewählte SP-Nationalrat Andy Tschümperlin forderte eine Alterslimite von 65 Jahren für Nationalräte. Der Gründer der SP Wallis, Karl Dellberg, kämpfte noch bis 85 im Nationalrat. Und das vor bald 50 Jahren!

Einmal mehr werde das Alter diskriminiert, obwohl dies laut Bundesverfassung Art. 8, Abs. 2, untersagt ist, moniert Gerontologe Heinz Ernst. Leider ist diese Regelung ein Papiertiger, weil sie nicht direkt einklagbar ist. Dies im Gegensatz zur Diskriminierung von Geschlecht oder Behinderung. Psychologin Astrid Stückelberger von der Universität Genf hält fest, dass die Diskriminierung des Alters leider weit verbreitet sei. Wir müssten aufhören, Altern nur mit Abstieg gleichzusetzen.

Ohne Quotenfetischist zu sein: die Senioren sind in den Parlamenten massiv untervertreten. Im aargauischen Grossen Rat hat es 6% Senioren. Gemäss Bevölkerungsanteil dürften es fast 3-mal mehr sein. Im 125-köpfigen Stadtzürcher Parlament stehen nur 4 Personen (3%) im Pensionierungsalter bei einem Bevölkerungsanteil von rund 15%. Im Nationalrat sind es 15 statt 36 und im Ständerat 2 statt 8. Diese Missverhältnisse müssen korrigiert werden, wenn wir eine demokratische Gesellschaft bleiben wollen.

Im Brugger Stadtparlament politisieren ein ehemaliger und der aktuelle Präsident des Seniorenrates. Das ist zukunftsgerichtet. Die Forderung nach «Veralterung» der Parlamente ist zahlenmässig längst gerechtfertigt. Die Seniorengeneration wächst absolut und anteilsmässig, die der Jungen schrumpft leider. Rund jede 5. Person gehört heute zur Rentnergeneration. Die Babyboomer werden noch erleben, dass rund jede 3. Person dazu zählt. Es gibt eine Generation von bald 20 Jahrgängen von «Alten», die sich noch in die Gesellschaft einbringen wollen und sollen. Warum sollen nicht gerade sie mithelfen und mitentscheiden, unter anderem die von ihnen «verursachten» Probleme zu lösen?

Man kann es den Jungen nicht übel nehmen, dass sie meist nur ans Morgen denken. Ältere denken eher langfristig und in weiten Zeithorizonten. Sie generell als eindimensionale Egoisten abzustempeln, ist dumm, unfair, beleidigend und respektlos. Sie haben erfahren, was 50, 80 oder mehr Jahre im Menschenleben bedeuten, erlebten Highlights und Abstürze, denken an die Zukunft, ihre eigene, jene ihrer Kinder, Enkel, Urenkel und Mitmenschen.

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