Der Kommentar: Ich habe mir Schweiz-Bulgarien angeschaut, das war ein gutes Spiel. Als die Bulgaren nach zehn Minuten eins zu null in Führung lagen, dachte ich, oh, nein, nicht schon wieder! Jetzt passiert die restlichen 80 Minuten gar nichts mehr, die Bulgaren bunkern sich hinten ein und die Schweizer tschutten wie immer ideenlos, saftlos und mutlos im Niemandsland zwischen Mittellinie und Sechzehner herum und halten sich vom Strafraum fern, und zum Schluss sind sie nicht mal verschwitzt oder verzweifelt, sondern geben fade, emotionslose Verliererinterviews. Und die Trikots sind nach neunzig Minuten so sauber, dass Mutti sie nicht mal waschen muss.

Aber diesmal kams anders, Donnerwetter. Inler war immer dort, wos wirklich wehtat, im eigenen Strafraum wie im gegnerischen, und Derdiyok auch. Djourou und Senderos haben hinten gut aufgeräumt, Ziegler und Lichtsteiner haben sich an den Flügeln die Lungen aus dem Leib gerannt. Und dann natürlich Shaqiri. Zack, zack, zack, drei Tore. Und wie er die Tore gemacht hat: Mit Kraft, Witz, Mut und Präzision. Supertore, alle drei. Nichts gegen Frei und Streller, aber Shaqiris Tore gefallen mir besser.

Und wie jung die alle sind, achtzehn, zwanzig, einundzwanzig. Ich muss schon sagen, ohne diese jungen Einwanderer sähe der Schweizer Fussball alt aus. Das ist wahr, das schleckt keine Geiss weg und hat jetzt erst mal nichts mit Politik zu tun. Wir können froh sein, dass damals Papa und Mama Derdiyok, Shaqiri und Inler in die Schweiz eingewandert sind, sonst wäre unser Team an den meisten Positionen deutlich schlechter besetzt.

Nun wäre es aber unhöflich, wenn wir nur die Söhne willkommen heissen würden, nicht aber deren Eltern und Geschwister. Dies umso mehr, als auch sie schon seit Jahrzehnten in der Schweiz arbeiten und wichtige Positionen besetzen. Oft sind es einfache Aufgaben, welche die Einwanderer der ersten Generation übernehmen, das ist wahr. Aber wichtig fürs Allgemeinwohl sind auch diese. Gerade diese.

Ich finde, wir sollten es nicht nur beim Fussballspiel am Mittwochabend zu schätzen wissen, wie sehr uns die Zuwanderer nützen. Ich habe kürzlich einen Freund im Kantonsspital Olten besucht. Wenn man dort die ausländische Belegschaft nach Hause schicken würde – es sind mehr als 50 Prozent –, müsste man das Spital schliessen.

Auch Ueli Giezendanners Transportunternehmen in Rothrist – dies nur ein willkürliches Beispiel – hat 40 Prozent ausländische Arbeitnehmer; wenn die ihm alle weglaufen, kann er zusperren. Und gerade dieser Tage sind die Schweizer Bauern bei der Ernte dringend auf ausländische Hilfskräfte angewiesen. Jeder Bauer bestätigt es: Ohne Ausländer würde ihm die Ernte auf den Feldern verrotten.

Das alles ist noch keine Politik, das sind einfach Tatsachen. Eine Tatsache ist auch, dass immer weniger Kinder zur Welt kommen, und dass es deshalb in Europa bis 2020 mindestens 25 Millionen Immigranten braucht, wenn der Anteil der Werktätigen an der Gesamtbevölkerung erhalten bleiben soll. Wir sind auf Immigranten angewiesen, da gehts uns nicht anders als der Schweizer Fussballnationalmannschaft. Natürlich können wir auch auf Einwanderer verzichten. Dann wird die Wirtschaft schrumpfen, ganze Landstriche werden veröden, und im Fussball werden wir es sehr schwer haben, uns je wieder für eine Endrunde zu qualifizieren.

Das alles ist wie gesagt noch keine Politik. Politik ist, wie wir mit diesen Tatsachen umgehen. Politik ist, ob wir im immigrationsmüden Europa 25 Millionen zusätzliche Immigranten wollen oder nicht. Wir haben die Wahl, wir müssen uns entscheiden. Wollen wir die Shaqiris der nächsten und der übernächsten Generation, oder wollen wir sie nicht?

Ich meine, wir können auf diese Mitbürger nicht verzichten, wir brauchen sie überall. Wir brauchen die Shaqiris nicht nur als Fussballer, sondern auch als Elektroingenieure und Maschinisten. Als Lehrer und Ärzte und Forstwarte. Als Köche, Strassenbauer und Logistiker. Als Künstler und Akademiker. Als Freunde. Und als Schwiegersöhne und Schwiegertöchter. Selbstverständlich.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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